Schachboxen: Erst ans Brett, dann aufs Maul

Fabian

Erst spielt man vier Minuten Schach, dann haut man sich zwei Minuten ordentlich auf die Fresse. Hört sich komisch an, ist aber so. Zumindest beim Schachboxen. Hauptstadt dieses eigenwilligen Sports ist Berlin, wo es seit 2005 den weltweit ersten Schachboxclub gibt. Was genau dahinter steckt, verrät uns Martina Lülsdorf, Pressesprecherin des Berliner Schachboxclubs.



Okay, erst auf die Fresse schlagen und dann eine Runde Schach spielen. Welche Idee steckt dahinter?

Martina Lülsdorf: Die Idee ist die, zwei total unterschiedliche Sportarten unter einen Hut zu bringen und sie dadurch attraktiver für die Zuschauer zu machen. Viele Leute, besonders Frauen, schauen sich keinen reinen Boxkampf an - dazu gehöre ich übrigens auch. In Kombination mit Schach ist das aber anders, weil reizvoller. Die Kontrahenten müssen innerhalb kürzerster Zeit vom adrenalinbeherrschten Boxkampf auf das konzentrierte Schachspiel umstellen. "Schachboxen" ist das Biatlohn des 21. Jahrhunderts.

Wie darf man sich so einen Kampf vorstellen?

Lülsdorf: Los geht's wie in einem Boxkampf: Einmarsch der Kontrahenten mit Musik, dann kommt der Ringanouncer und später die Ring-Girls in den Pausen. In der ersten Runde wird im Boxring Schach gespielt, vier Minuten lang. Die Zuschauer können das Geschehen auf einer Großleinwand über dem Ring verfolgen. Anschließende gibt es eine einminütige Pause, in der die Stühle, der Tisch und das Schachbrett weggeräumt werden. Danach wird zwei Minuten geboxt. So geht das elf Runden lang.

Verlieren kann man durch Schachmatt, Zeitüberschreitung, Aufgabe, K. O., Schiedsrichterentscheidung oder die geringere Punktzahl am Ende. Bei Punktegleichstand gewinnt der Spieler mit den schwarzen Figuren, weil Weiß beginnt und damit bessere Chancen hat.

Ich stelle mir das gerade so vor: Der eine ist schmächtig, kann dafür aber super Schach spielen. Das bringt ihm nur leider nichts, weil der andere täglich fünf Stunden im Boxring steht und ihn in der ersten Runde umhaut. Ist so etwas möglich?

Lülsdorf: Nein, erstens gibt es wie im Profiboxen verschiedene Gewichtsklassen, also keine überproportionalen Kraftunterschiede. Zweitens muss der Spieler ein gewisses Elo-Rating vorweisen (objektives Wertungssystem zur Beurteilung eines Schachspielers). Das heißt man muss beide "Sportarten" beherrschen und zwar gut. Anfänger können in drei Monaten lernen, anständig zu boxen, für Schach brauchst du drei Jahre. Bisher sind die Entscheidungen bei Titelkämpfen ausschließlich beim Schachspielen entschieden worden.

Also eine richtig professionelle Sportart mit Titelkämpfen?

Lülsdorf: Na klar. Am 21. April fand in Köln die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen "Anti-Terror" Frank (Berlin) und Zoran "The Priest" Mijatovic (Kroatien) vor 400 Zuschauern statt. Schachboxen wird immer beliebter, obwohl es die Sportart erst richtig seit 2003 gibt. Wir haben sogar Anfragen aus Kanada, USA und Neuseeland.

Den Kampf in Köln hat "übrigens Anti-Terror" Frank in der siebten Runde gewonnen, nachdem Zoran "The Priest" Mijatovic aus aussichtsloser Situation im Schach aufgegeben hat. Der neue Weltmeister ist in seinem "normalen" Leben Polizist.

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