SCF: Landpartie nach Cottbus

Chico Policicchio

Gestern Abend ist der SC Freiburg in der Lausitz sang- und klanglos mit 1:2 aus dem Pokal geflogen. Reden wir nicht davon. Genießen wir lieber Chicos herrlichen Fußballreisebericht von einer Auswärtsfahrt in den Osten, mit SWR1-Bashing, betrunkenen DDR-Dachdeckern sowie Ordnerinnen im "Stadion der Freundschaft", die unserem Reporter das Gefühl geben, ein echter Knasti zu sein.



„Denk an den Kinderschreck Völkerschlachtdenkmal“, gibt mir meine Exfreundin noch mit auf den Weg, ehe ich mich über Leipzig auf die Reise nach Cottbus mache. Auf die Arme musste in ihrer Kindheit das zugegebenermaßen gleichsam monströse wie großartige Denkmal einen fast schon traumatischen Eindruck gemacht haben.


Ein schöner Herbstmittag, als ich gegen halb zwei mein Auto Richtung A5 lenke. SWR 1-Kuh Barbara Scherrer nervt wie immer mit ihrem Geschwätz, aber das Thema hatten wir schon, gewöhnen werde ich mich nie an den unterirdischen Dreck, der größtenteils im Radio läuft.

Auf den nächsten 600 Kilometer zwei gescheite Songs, nämlich die neue Edwyn Collins Single und den „Runaway Train“, der natürlich auch fetter Mainstream ist, aber, Soul Asylum waren wirklich mal eine große Band. Es gibt etwas Faszinierendes im Autoradio, besser gesagt, in den Staumeldungen. Vollkommen fremde Ortsnamen, die im eigenen Leben nie Eingang finden würden, werden zu vertrauten Plätzen.

Wie oft hat man schon gehört: „Auf Höhe Düsseldorf/Meerbusch liegt ein Kantholz auf der Fahrbahn.“ DÜSSELDORF, MEERBUSCH, was für Namen, hat etwas Poetisches, findet ihr nicht? Andere Orte verdanken allein dem Verkehrsfunk ihre Daseinsberechtigung, denn wer würde schon Heilbronn/Untereisesheim kennen, wenn es dort nicht laufend krachen würde. Oder das Mainspitz Dreieck, und klar, der Klassiker: Fahrbahnverengung wegen Bauarbeiten auf der A45 bei  HAIGER/BURBACH. Ich glaube, solche Ortschaften wurden nur gegründet, damit sich dort Jahrhunderte später Millionen von Menschen in blechernen Kisten treffen.



Mir wurscht, denn wir wissen ja: Osten, aussterbendendes Land, keiner fährt hin, also auch keine Autos, kein Stau. Autobahn Nürnberg, Richtung Leipzig, freie Fahrt und so erreiche ich um acht Uhr abends Leipzig, wo der gute, alte Mond ziemlich voll seine Bahnen über der Stadt zieht. Wie es der Zufall will, berichten sie in dem Moment, als der Bahnhof vor mir auftaucht, in den Lokalnachrichten, dass ein junger Mann an den Folgen einer Messerattacke, die er am Wochenende in der Nähe des Hauptbahnhofs erlitten hatte, verstorben war. Wo ist wieder mein Hotel? Am Hauptbahnhof!! Bravo, super gebucht. Denn natürlich, wieder nur vollkommen paranoide, klischeehafte Bilder im Schädel: Harmloser Wessi-Fußballfan von faschistoiden, marodierenden Osthools zu Tode gehetzt worden!

Dabei wird der Abend lässig und entspannt, keine Mörder, keine Messerstecher, nicht einmal Faschos. Stattdessen verschlägt es mich in eine Pinte in Connewitz, wo ich eine israelische Rockband treffe, die im Sommer in Freiburg aufgetreten war, („Great show, fantastic crowd“) einen (angeblichen) Kabarettisten, der auch schon in Freiburg aufgetreten war: („War supa! Qualifiziertes Publikum. Aba uffm Land war ich dann och noch. Wie hieß det Kaff? Irgendwas mit tot. Totkau?“ „Wohl eher Todtnau.“ „Jenau, Todtnau. Det war jar nischt. Die haben meenen Witz nich verstanden. Provinz halt.“ Und eine Bedienung, die mir erzählte, dass sie bis vor zwei Jahren noch im Thüringer Wald in einer Art Hippie-Kommune gelebt hat.



Der Abend wird vollkommen filmreif, als sich noch ein Taxiunternehmer mit seiner Geliebten dazu gesellt, von seinem früheren Leben als Dachdecker in der DDR erzählt („stinkbesoffen morgens um achte, ohne Gerüst in 20 Meter Höhe das Abflußrohr angebracht“), während Evi (so heißt die Bedienung) mir erklärt, wie schwer es für sie und ihre Kommunarden war, auf dem Land akzeptiert zu werden. War irgendwie eine rührend, traurige Geschichte, denn der Traum vom Leben in der Kommune ging in Streit und Gezank aber so was von den Bach runter, dass aus zertrümmerten Träumen nichts mehr davon übrig blieb.

Morgens um zwei ruft mir Evi ein Taxi, der ehemalige Dachdecker zieht mit der Geliebten ab, und der Kabarettist versichert einmal mehr, nie mehr in Todtnau spielen zu wollen.



Der andere Tag ist schnell erzählt. Natürlich erster Tagespunkt: Das Völkerschlachtdenkmal. Steht auf einem Hügel, ist das größte Denkmal in Europa und erinnert an die Schlacht im Oktober 1813, als sich 600 000 Soldaten drei Tage lang die Schädel einschlugen. Ein beeindruckendes Monument, martialisch, gigantisch und ja: irgendwie grau, grimmig, verstörend. Das will man tatsächlich keinen kleinen Kindern zeigen. Rundgang auf jeden Fall mit Museumsbesuch machen. Und auf die Plattform sollte man nach einem feucht-fröhlichen Abend auch eher mit dem Lift fahren, das ganze und lange dauernde Wendelgetrepple kann einen schon schwindlig machen.

Bevor mir aber der riesige Erzengel Gabriel am Eingang noch mehr Schauer den Rücken runterrieseln lässt, beschließe ich, Richtung Cottbus zu fahren. Ist so, wie man sich die Lausitz vorstellt: Relativ menschenleer, auf der Nebenstrecke schöne Alleen und öfters mal abgefahrene Imbissbuden.



Dann Cottbus: Außen Plattensiedlungen, Innenstadt Fußgängerzone, was sonst. Vom Hotel Fußmarsch an der Spree entlang durch einen dunklen Park zum Stadion der Freundschaft. Old School Fußballhütte, die es leider im Zeichen der neuen, durchgestylten Beliebigkeitsstadien in dieser Form nicht mehr lange geben wird. Über Fußball in Cottbus hat man ja schon schlimme Sachen gehört. Ich kann nichts Böses erzählen, höchstens eine befremdliche Geschichte.

Der Versuch, kurz in den Freiburger Block zu kommen, gestaltet sich, und das ist kein Witz, ähnlich wie ein Besuch in Alcatraz. Ich zeige der Ordnerin meine Pressekarte und frage, ob ich kurz in den Block schauen kann. „Warum?“ „Ich schreibe für die Stadionzeitung und will schauen, wieviel Fans da sind.“ Sie geht einen Schritt beiseite und spricht in ihr Ohrmikro: „Schwester, da will einer in den Freiburger Block.“ „Warum?“ „Keine Ahnung, schreibt wohl für deren Stadionzeitung, will schauen, wieviel Fans da sind.“ Kurze Pause. Dann: „Schwester, bring ihn rüber, ich komme an den Zaun.“ Schwester ist wohl so eine Art Codewort, zumindest marschieren wir jetzt los, ich vorneweg, Schwester 1 hinter mir her.

Sie schliesst eine Tür auf, dann wieder zu, wir gehen 20 Meter bis zum nächsten Zaun, hinter dem sich, mit Sichtblenden verdeckt, der Gästeblock befindet. Schwester 1 schliesst die Tür auf, hinter der sie mich an Schwester 2 übergibt. Kein Witz. „Ich ruf dich an, wenn ich ihn wieder zurück bringe.“ „Alles klar.“ Jetzt marschiere ich mit Schwester 2 im Gepäck die Treppen hoch, werfe einen Blick auf die etwa 50 Unentwegten und gehe wieder zurück. Kurz vor dem Zaun treffe ich einen Bekannten aus Berlin, ruf ihm ein Hallo zu, während Schwester 2 von hinten zum Weitergehen quengelt. Sie spricht in ihr Mikro: „Schwester, ich bringe ihn jetzt zurück“, schließt die Tür auf und Schwester 1 nimmt mich wieder in Empfang.

Ob ich ihr ein Heft schicken kann, fragt mich Schwester 1. Mir kommt das Ganze so dermaßen surrealistisch vor, dass ich ein „Ja klar“ stammle, sie per Handschlag verabschiede und nur darauf warte, dass sie mir ein paar gute Ratschläge auf dem Weg in die Freiheit mitgibt.

Will ich jetzt noch vom Spiel an sich erzählen? Eher nicht. Werdet es eh alle gesehen haben. Pokal-Deja Vus, die man mit dem SC schon in etlichen Varianten erlebt hat. Irgendwelche Pokalspiele im Herbst oder kurz vor Weihnachten, in arschkalten Stadien, mit Träumen von einen warmen Maisamstag in Berlin. Doch immer schön verabschiedet aus dem Pokal und deprimiert nach Hause gefahren. Also kein Wort zum Spiel. Zum Danach nur soviel: Cottbus hat an einem Dienstagabend ungefähr soviel Leben wie ein toter Hund in Castrop Rauxel.

Es wird ja immer viel von den tollen Fans berichtet, die den SC überall hin begleiten, hier und dort saufen und feiern. Wer aber schreibt über biertrinkende, einsame Männer in einem Hotel im Zentrum von Cottbus oder Dresden oder Bochum, die zwischen dahingeschmissenen SC Mützen darüber nachdenken, was sie hier eigentlich machen, während der Nachrichtensprecher verkündet, dass Paul, der WM-Tintenfisch heute gestorben ist...tja, dem ist vielleicht nicht mehr zu helfen.

Mehr dazu: