SCF in Stuttgart: Auswärtsfahrt zum Derby

Wonder

Es ist ein heißer Samstag gewesen für alle SC-Fans: Voller Entlastungszug, badische Bengalos und schwäbische Ordner, die einem den letzten Tropfen Wasser abknöpfen wollten. Hier kommt der Bericht von fudder-User wonder (aka Steffen), der ebenfalls dazu beitrug, dass Stuttgart fest in badischer Hand war.



Chinaböller und stinkende Bremsen

Kurz nach 8 Uhr morgens: mit dem Zug ab Steinen brechen wir auf zu unserer ersten SC-Auswärtsfahrt der Saison. Nach Stuttgart. Klarer Himmel, wolkenlos. Wir steigen gutgelaunt in die S-Bahn Richtung Basel. Dort begegnen uns bereits die ersten SC-Fans beim Umsteigen in die Regionalbahn nach Freiburg/Offenburg. Eine wenig aufregende Zugfahrt beginnt. Wir vertreiben uns die Zeit mit Kartenspielen, während sich der Zug mit mehr und mehr SC-Anhängern füllt. Um 9:44 Uhr erreichen wir Freiburg. Hier steigt der größte Teil der Sportclub-Begeisterten zu, unter anderem auch die Ultra-Fraktion.

Große Kisten, in denen sich noch hunderte von den extra gedruckten Derby-Shirts befinden müssen, werden in den Zug getragen. Auch die ersten Polizisten, teils in Zivil, teils mit dicker, gepolsterter Uniform und großem Helm, steigen in den Zug. Die Stimmung ist noch relativ müde, gelassen und ruhig. Auch erste Chinaböller wandern durch die Hände einzelner Fans und zeugen von der Brisanz des anstehenden Derbys.

Nach knapp 20 Minuten Aufenthalt in Freiburg gehts weiter gen Offenburg. Dort wartet ein Entlastungszug, der uns direkt nach Stuttgart bringen soll. Noch befinden wir uns in einem Doppeldecker, genug Platz, um für die meisten einen Sitzplatz zu garantieren. Wir öffnen das erste Bier, die Stimmung steigt langsam. Auch eine Durchsage des Lokführers, wonach die Bremsen des Zugs deswegen einen so starken Gestank aussenden, weil der Zug mittlerweile aufgrund der vielen Fans zu schwer sei, trägt zur Stimmungserheiterung bei.



Um kurz nach 11 Uhr erreichen wir unter Applaus den Bahnhof Offenburg. Noch aus dem fahrenden Zug können wir sehen, was uns bevorsteht, denn auf dem gegenüberliegenden Gleis wartet bereits der Entlastungszug. Kein Doppeldecker, sondern ein normaler, älterer, einstöckiger Zug. In diesem Zug würde es nicht mehr so viel Platz geben.

Es stellt sich außerdem als Fehler heraus, vor einigen Stunden in Basel einen Platz in der Mitte des Waggons gewählt zu haben, denn wir sind mit die Letzten, die den Zug wechseln werden. So kommt es, dass der Zug bereits randvoll mit SC-Fans ist, als wir ihn betreten. Wir stehen also die über zwei Stunden dauernde Fahrt von Offenburg nach Stuttgart irgendwo im Gang, wie viele andere auch.

"Der Schwab muss raus"

Dennoch steigt von diesem Zeitpunkt an die Stimmung im Zug wie eine angeschnittene Ecke von Julian Schuster. Es erklingt das Badnerlied mit den bekannten Zeilen „Der Schwab muss raus aus dem Badnerland“. Alle grölen mit. Außerdem kommt der T-Shirt-Verkauf der WJF und NBU in Gang. Wir kaufen uns zunächst keines. Nach wenigen Minuten wird das SC-Volk im Zug aber zunehmend gelber. Irgendwann überzeugt auch uns dann ein WJF-Verkäufer mit den Worten: „Kauft euch jetzt so ein Shirt, gleich sind keine mehr da. Das könnt ihr dann später stolz euren Kindern zeigen.“



Also tragen wir bald auch ein Derby-Shirt für 7 Euro. Nicht nur die Stimmung im Zug wird wärmer, auch die Luft im unklimatisierten Zug wird hitziger. Die ersten Schweißtropfen kullern den Dreitagebart hinunter. Nach knappen 45 Minuten Fahrt erreichen wie den Karlsruher Bahnhof, den wir im Schritttempo durchfahren. Die Fans recken ihren Kopf aus dem Fenster. Irgendeiner stimmt das Lied an „Karlsruh – wir scheißen euch zu“. Binnen kurzer Zeit hallt es durch die ganze Bahnhofshalle.

Weiter geht’s gen Schwabenland. „Sind wir jetzt eigentlich schon in Schwaben?“ - „Klar, das merksch doch am Geruch: Hier stinkts!“

Nach etwa zwei Stunden Fahrt rückt der Stuttgarter Bahnhof Untertürkheim in greifbare Nähe. Man sichtet die ersten VfB-Fans und schreit: „Stuttgarter Arschlöcher“. Die Stimmung ist angeheizt, als der Zug mit quietschenden Bremsen das erste Mal seit Offenburg hält. Am Bahnhof stehen 20 bis 30 Polizisten. Die ersten Chinaböller explodieren. Hitze, die einem den Atem verschlägt und eine erbarmungslose Sonne schlagen uns beim Verlassen des Zugs entgegen. „Hurra, hurra, die Freiburger sind da!“



Badisch und bengalisch

Beim Verlassen des Bahnhofgebäudes formieren sich die Ultras von WJF und NBU an der Spitze des Pulks und beginnen mit ihrem Megaphon die Stimmung anzuheizen. Los geht’s „Humba Tätärä“. Gleichzeitig gelingt es, bengalische Feuer zu zünden, ohne dass die Polizei, die bereits jetzt zahlreich um die Freiburger Menge herumsteht, eingreift. Ein Hingucker für zahlreiche Fans, die beim Vorbeigehen das abbrennende Feuer mit Handykameras dokumentieren.

Nach knapp 15 Metern der nächste Stop. Von vorn dröhnt es „Hinsetzen, hinsetzen!“ Wieder zündet einer der geschätzten 2000 Freiburger eine Rauchbombe. Erneut schaut die Polizei zu, kommentarlos. Es geht nur langsam voran, alle paar Meter stockt die Menge und es erschallen neue Schlachtengesänge.



Es dauert über eine Stunde, bis wir vom verlassenen Untertürkheimer Bahnhof in Sichtweite des Neckarstadions kommen. Den ganzen Weg über werden wir begleitet von zahlreichen Polizeifahrzeugen und Polizisten auf Pferden. Natürlich werden wir auch gefilmt.

Auf halber Strecke dann der erste Zwischenfall. Auf dem Dach eines Parkhauses stehen etwa zehn schwarzgekleidete Stuttgart-Fans, vermutlich dem Commando Canstatt zugehörig. Sie versuchen ein Plakat zu hissen, auf dem zu lesen ist: "Wie? Stuttgart wird badisch? - Was los Freiburg? - Ultras Freiburg - Uni top , Szene flop".

Die Antwort von uns Freiburgern lässt nicht lange auf sich warten und der Wortlaut muss an dieser Stelle nicht unbedingt wiedergegeben werden. Nach wenigen Minuten verschwinden die ausgebüchsten Stuttgarter wieder. Angsthasen? Vielleicht war auch eine Polizeistreife unterwegs zum Dach des Parkhauses.



Im Gästeblock

Weiter geht's im Schneckentempo durch die pralle Sonne. Kurz vorm Stadion noch eine brenzlige Situation. Die Polizei hat für uns eine Straße gesperrt, so dass einige hundert VfB-Anhänger warten müssen, bis wir vorbeigezogen sind. Diese Chance nutzen einige von uns für eine kleine, verbale Provokation. Doch nichts weiter passiert.

Am Gästeblock geht alles relativ schnell: Ticket in den Automaten, grünes Licht und rein ins Stadion. Die Sicherheitskontrolle nach dem Einlass ist allerdings ein großer Reinfall. Für die lange An- und Abreise hatte ich mir extra vier 0,5 Liter Plastikflaschen mit Wasser mitgenommen. „Das ist hier nicht erlaubt, bitte in den Mülleimer werfen“, erklärt mir der Kontrolleur. Immerhin gelingt es mir, doch eine Flasche mit ins Stadion zu schmuggeln.



Der Gästebereich ist geräumig. Wir holen uns ein Radler für 3€ (plus 1€ Pfand), sowie eine Grillwurst für 2,80€. Die Wurst schmeckt widerlich, zu salzig, nicht richtig durchgegrillt, ekelhaft. Das Radler ist okay, auch aufgrund der Hitze und des Flüssigkeitmangels.



Die ganze erste Etage der Gegengerade bietet Platz für die Gästefans. Der Gästeblock selbst liegt, wegen des Stadionumbaus, auf der anderen Seite der Gegengeraden, neben der Canstatter Kurve. Denn dort, wo früher der Gästeblock war, genau gegenüber der Canstatter Kurve, ist derzeit ein leeres Feld. Die Tribüne wurde wegen des Umbaus komplett abgerissen. Etwa um 15 Uhr nehmen wir unsere Plätze im Block 39a ein, direkt am Zaun zur angrenzenden Canstatter Kurve. Die Spieler laufen zeitgleich zum Warmmachen auf dem Spielfeld auf.



"Tod und Hass dem SCF"

Rasch füllt sich der Gästeblock, das Spiel beginnt.  Am Zaunrand zur Canstattkurve gibt es bereits die ersten Auseinandersetzungen zwischen SC-Anhängern und VfB-Fans. Eine Handvoll der VfBler versucht sogar, den Zaun zu überklettern, doch binnen weniger Sekunden eilen aus allen Richtungen Securityleute herbei und beruhigen den aufkommenden Konflikt.

In der Canstatter Kurve werden in der ersten Halbzeit mehrere Spruchbänder gehisst: „Landeshauptstadt“, "Jahrelang unschuldig ausgesperrt - Eure Repressionen sind nicht vergessen", „Tod und Hass dem SCF“, „Früher: 'SV - Für euch zurecht' - Heute: ' Diffidati con noi' - Eure Mentalität is ein Haufen Scheiße".



Die Antwort aus dem Gästeblock sind immer wieder aufkommende „Stuttgarter Arschlöcher“-Rufe. Ansonsten ist die Stimmung im Gästeblock mehr schlecht als recht.

Das Megaphon ist im 39er Block so gut wie gar nicht zu hören, weshalb man sich auch kaum an den Schlachtrufen der im Block 40 vorne stehenden Ultras beteiligen kann.

Das Spiel plätschert vor sich hin, es steht 0:0 zur Halbzeit. Mehr Spannung und mehr Tore bringt dagegen die zweite Halbzeit. Auch der Vorsänger muss in der Halbzeit gemerkt haben, dass sein bisheriger, niedriger Standort nicht gerade zur Stimmungssteigerung beigetragen hat. Jetzt steht er leicht erhoben vorm Zaun. Wenigstens hin und wieder dringen seine Anfeuerungsrufe zu uns durch.



Getrübt wird die Stimmung natürlich, nachdem es binnen kurzer Zeit 2:0 für den VfB steht. Der SC Freiburg hält dennoch offensiv dagegen, der verdiente Anschlusstreffer fällt und die Stimmung im Gästeblock ist wieder zurück. Sofort drängen einige Fans an die Zäune und rufen Sätze wie „Hahaha! Wir sind wieder da!“ auf die andere Seite. Das Spiel geht dennoch 2:4 verloren. Die Mannschaft von Robin Dutt kommt kurz an den Gästeblock und applaudiert für unsere ausbaufähige akustische Leistung.



Der Rückweg

Enttäuscht, niedergeschlagen und k.o. treten wir den Fußmarsch Richtung Untertürkheimer Bahnhof an. Wieder ist alles für uns von der Polizei abgesperrt worden. Wir werden direkt über die dreispurige Straße zum Bahnhof geleitet, zum Ärgernis zahlreicher Autofahrer. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angekommen. Dass für die Heimreise zwei Entlastungszüge eingesetzt werden, heitert uns ein wenig auf. Immerhin Sitzplätze.

Die Rückfahrt verläuft ereignislos. Nach über vier Stunden Zugfahrt und Aufenthalt im Freiburger Hauptbahnhof, erreichen wir Steinen mit brummendem Schädel gegen 23:20 Uhr.

Fazit: Eine geile Auswärtsfahrt, für mich persönlich ein Riesenspaß. Bedauerlich war allerdings, dass einem das Wasser am Stadion abgenommen wurde und die mehrstündige Heimfahrt im Zug ohne einen Tropfen Wasser überstehen musste. Ansonsten war ich positiv überrascht vom besonnenen Verhalten der Polizei. Meines Wissens wurde jede kritische Situation zwischen den Fans vor der Eskalation entschärft.

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