SCF in Hannover: Razzia, Rocker und null Punkte

David Weigend

Der SC Freiburg hat am Samstag im Niedersachsenstadion 0:3 verloren. Eigentlich wollten wir nach dem Spiel mit Papiss Demba Cissé im Steintorviertel durchdrehen und eine extravagante Hattrickparty mit Hells Angels-Geleitschutz schmeißen. Doch es kam alles ganz anders.



Willkommen bei der Razzia

Der Türsteher vom verwaisten Hard Techno-Schuppen schickt uns in die Höhle des Löwen: „Freitagabends ist in Hannover eigentlich nicht so viel los. Aber schaut doch mal in die Sansibar, vorn im Steintorviertel, da geht’s meistens ab.“

In der Landeshauptstadt Niedersachsens soll am Freitagabend nichts los sein? Ach, wären wir doch nur in der Partymetropole Freiburg geblieben und erst am Samstag direkt zum Spiel angereist, denken wir uns, als wir eine Horde Punks und Emos passieren, die sich in klirrender Kälte und mit bizarr bemalten Gesichtern die Kante geben. Wir steuern die Sansibar an. Aber rein kommen wir nicht. Ein Bataillon Polizisten mit Sturmhauben hat das Gebäude umstellt. Auf der anderen Straßenseite, am Tattooladen der Hells Angels, steht ein Mann mit ausgebreiteten Armen an der Wand und wird von zwei Schwerbewaffneten abgetastet. Gastfreundliches Hannover! Morgen wird diese Razzia der FAS ihre Titelstory wert sein.

Wir pfeifen das SCF-Pippi-Langstrumpflied vor uns hin und stolpern ein paar Meter die Scholvinstraße runter. Jetzt bloß schnell irgendwo rein! Folgerichtig landen wir auf der Intensivstation. Nicht im Krankenhaus, sondern in einem Club, der so heißt.

Zwar, so wird uns gesagt, ist das auch ein Club von Hells Angels-Chef Frank Hanebuth, aber der hat heute Abend ja wie gesehen andere Probleme. Wir treffen in den folgenden Stunden auch keine Schlägertypen mit Totenkopfjacken, sondern freundliche Hannoveranerinnen mit schrillen 96-Applikationen an den Fingernägeln, die weniger über die aktuelle Form der 96er-Spieler bescheid wissen denn über die kulinarischen Vorlieben derselben, arbeiten doch viele der Intensivstation-Patientinnen in der Gastro.

Tine flüstert dem Reporter bei einem Vodka Energy ins Ohr: „Fromlowitz mag am liebsten Caesar Salad mit Hähnchenstreifen und Bacon. Konstantin Rausch bestellt sich frischgepresste O-Säfte ohne Ende. Und Christian Schulz kann ziemlich ungemütlich werden, wenn er beim Frühstück gestört wird.“

Der Reporter überlegt sich, ob er die 96er-Krankenschwester dazu überreden könnte, morgen Vormittag ein paar Schlaftabletten in den Grapefruitsaft von Ya Konan zu mischen, kommt aber zu dem Schluss, dass dies nicht einmal für eine Handvoll Scheine machbar wäre. Deshalb lassen wir uns unter geilem Techhouse-Gebretter weitere schwarz-weiß-grüne Anekdötchen erzählen. Natürlich darf der Stadtheilige Robert Enke dabei nicht fehlen: „Den hab’ ich in der Fußgängerzone getroffen, mit Frau und Kind. Hat mir sofort ein Autogramm gegeben. Zwei Wochen später war er tot.“



Drei eingeschenkt plus Scorpions-Terror

Am nächsten Morgen holen wir uns beim Türken zum Katerkaffee die Bildzeitung und lesen im Sportteil die Headline: „Das Bibberspiel: Bloß kein Ausrutscher wie gegen St. Pauli.“ Diese 96er-Überschrift ist eigentlich auch für den Sportclub relevant. Erinnerungen werden wach vom letzten Aufeinandertreffen SCF vs 96 am 6. März 2010, ein mauer Kick im Dreisamstadion (1:2). Aber heute sind die Voraussetzungen andere: Der Sportclub könnte sich mit einem Sieg gegen den Tabellennachbarn Hannover im oberen Drittel und mit 24 Punkten festsetzen.



Träum weiter, Sportclubfan. Schon in der 15. Minute stellt sich im Gästeblock dieses „Urgh, ich habe eine Gräte verschluckt-Gefühl“ ein. Die SC-Abwehr, allen voran Oliver Barth, ist beim 96-Konter ziemlich überfordert, Ya Konan bereitet vor, Schlaudraff vollendet, 0:1. Als zusätzliche Schmach ertönt im Niedersachsenstadion der Scorpionshit „Rock you like a Hurricane“, ein Grund mehr, dem Freiburger 2011er-Gig der Schrödersympathisanten fernzubleiben.



Etwa 200 SC-Fans haben die Reise gen Norden angetreten. Viele Ultras geben sich die harte Tour, also fünf Stunden ICE hoch, Stadion, fünf Stunden ICE runter. Die Knaddlys kamen mit dem Bus und es sind auch einige versprengte Alsterfüchse und SC-Fans aus Leipzig (!) anwesend. Immerhin, viel Platz für Hüpfen und Pogo. Denn es ist saukalt.

Nach dem 0:2 durch Ya Konan, an dem man leider Ömer Toprak die Mitschuld geben muss (Was ist mit dem H&M-Powershopper zur Zeit eigentlich los?), entfährt es einem Sportclub-Fan im Hasseröderrausch: „Oh je, den Ball klär’ ich noch mit acht Halben im Anschlag.“ Es folgt der beste Witz des Spiels, Fromlowitz. Der 96-Cäsarsalat-Keeper hatte den Ball nicht auf der Hand, als Cissé das Spielgerät ins Tor schießt. Der Treffer hätte zählen müssen. Schiedsrichter Sippel verwehrte diesen zu Unrecht.



Nach dem 0:3 durch Zigarettenbürscherl Mike Hanke (89’) kommt der altbekannte Trotz des leidgeprüften SC-Anhängers auf: „Scheißegal, Freiburg bis in den Tod, zur Not bis in die zehnte Liga.“

Sarah Connor hat uns vorgestern ihr hässliches Antlitz gezeigt. Dieses Bild gilt es schnell von der Festplatte zu löschen. Am Samstag steht, Trommelwirbel und Pathos, ein richtungsweisendes Spiel auf dem Plan – gegen den punktgleichen (21 Zähler) Hamburger SV. Dem sollten wir einen Marc Terenzi-Horror-Afternoon bescheren. Dann wird sich entscheiden, ob der Sportclub bis zur Winterpause im Mittelfeld rumdümpeln wird oder weiterhin im oberen Tabellendrittel für Überraschungen sorgt.

[Fotos: Weigend, bis auf erstes Foto: Tim Schaarschmidt für Hannoversche Allgemeine]

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