SCF in Bochum: Erinnerungsspiel

Bernhard Amelung

Voila, das Bochumer Herrengedeck: Ne Dönninghaus-Currywurst plus eine schöne Flasche Chateau Fiège. Genau die richtige Grundlage für Exil-SC-Fan Bernhard vorm Besuch des Ruhrstadions. Was er dort alles erlebte und wie er in den Besitz von Simon Pouplins Handschuh kam, steht im folgenden.



Es gibt Spiele des SC Freiburg, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Alles fing an am 20. September 1986, als mich mein Vater zum ersten Mal ins Dreisamstadion mitnahm. Ich habe nur noch vage Erinnerungen an diesen Tag, an dem Joachim Löw in der 78. Spielminute den 3:2 Siegtreffer gegen Hannover 96 schoss. Eigentlich weiß ich nur noch, dass ich unter dem Zaun auf den Platz gekrochen bin, um das Spiel an der Werbebande sitzend zu verfolgen. Ein solcher Logenplatz würde in den modernen Stadien heute nicht mehr toleriert werden.




Der 12. Mai 2001 war auch ein Tag, der Spuren in meinem Fußballgedächtnis hinterlassen hat. Die Rahmenbedingungen hätten besser nicht sein können: blauer Himmel über dem Ruhrgebiet und bereits hochsommerliche Temperaturen an diesem 33. Spieltag der Bundesliga – Saison 2001/02. Der Sport-Club gastierte im Ruhrstadion, schlug den VFL Bochum mit 3:1 und feierte die zweite UEFA-CUP Teilnahme in seiner Vereinsgeschichte. Der VFL stieg damals zwar ab, wurde aber trotzdem von seinen Fans gefeiert, die nach Spielschluss den Rasen stürmten und sich in einer gemeinsamen Feier mit den Sport-Club Anhängern zu Raupen-Choreos animieren ließen.



Vorgestern war ich wieder in Bochum. Hier, wo das Original-Bermudadreieck ohne Alkoholverbot zum Feiern einlädt, gibt es die wohl berühmteste Currywurst. Folgerichtig stärke ich mich vor dem Fußmarsch „anne Castroper Straße“ noch mit einem Bochumer Herrengedeck bestehend aus der bereits von Grönemeyer besungenen „Dönninghaus“ Curry-Wurst und dem liebevoll „Chateau Fiège“ genannten Lokalpils.



Und auch, wenn das Spiel objektiv gesehen eher dürftig war, so hat es für mich dennoch das Potential zu einem Fußball-Fixpunkt zu werden. Bereits vor dem Anpfiff wird es emotional: Im tristen Bochumer Novemberregen verneigen sich Spieler und Zuschauer in einer Gedenkminute vor Achim Stocker.



Beiden Teams merkt man die Verunsicherung einer Niederlagenserie an und so ist es auch nicht verwunderlich, zunächst nur wenige gelungene Spielzüge auf beiden Seiten zu sehen. Gerade, als der VFL über die agilen Azaouagh, Sestak und Dedic zusehends besser ins Spiel kommt, fälscht Butscher den ersten Bundesliga-Schuss von Caligiuri unhaltbar zum 1:0 ab.

Alles scheint nach Plan zu laufen, doch der Sport-Club verpasst es in der Folge, die verunsicherten Bochumer mehr unter Druck zu setzen und noch vor der Halbzeit das vielleicht vorentscheidende 2:0 zu machen. Dies fällt dann fast zu Beginn der zweiten Halbzeit, doch Dennis Grothe bewahrt mit einer schmerzhaften Unterleibsabwehr auf der Torlinie sein Team vor einem größeren Rückstand.

In der Folge agiert die Heimmannschaft zunehmend druckvoller. Im Gegenzug an einen sehenswerten Drehschuss von Reisinger kommt der VFL durch Klimowicz Kopfball zum nicht unverdienten 1:1 Ausgleich. Mit Hilfe der nun wieder erwachten Bochumer Kulisse entwickelt sich in den letzten 25 Minuten ein offenes Spiel ohne die ganz zwingenden Torchancen.



Einmal kurz durchatmen in der 75. Minute, als der wohl reguläre Treffer zum 2:1 für den VFL Bochum wegen Abseitsstellung zurückgepfiffen wird. In der Schlussviertelstunde versucht der VFL das Siegtor mit der Brechstange zu erzwingen und gewährt dem Sport-Club nur noch spärliche Entlastungsangriffe.

Als zwei Minuten Nachspielzeit angezeigt werden, bin ich innerlich zufrieden mit dem Unentschieden und hoffe, dass nicht noch ein schmutziger Schwalbenelfer gegeben wird, wie er von meinen Bochumer Arbeitskollegen auf der Haupttribüne neben mir gefordert wird.

Doch es kommt ganz anders: Schuster pöhlt den Ball aus der eigenen Hälfte und Reisinger taucht wie aus dem Nichts vor VFL-Keeper Heerwagen auf und trifft mit dem Schlusspfiff wunderschön in den rechten Winkel.

Danach grenzenloser Jubel unter den Freiburger Anhängern und auf dem Platz: über den am Boden liegenden Stefan Reisinger fallen die Mannschaftskollegen und bilden ein unübersichtliches Jubelknäuel. Danke, Achim Stocker Fußballgott!

Die Erleichterung über diesen Sieg ist spürbar und viele der SC-Spieler verweilen noch lange nach Abpfiff im Stadion, um mit alten Mannschaftskameraden wie Daniel Schwaab zu reden oder die gesamte Familie Bastians auf der Haupttribüne zu begrüßen.



Als Andenken an diesen ersten Sieg in der post-Stocker Zeitrechnung ergattere ich nach einer französischen Wortsalve noch einen Handschuh von Simon Pouplin. Auf dem Heimweg spülen die abstiegserprobten Bochumer Fans ihren Frust an den nahegelegenen Trinkhallen herunter und verkünden, dass für den VFL die Saison traditionsgemäß erst am 30. Spieltag beginnt: „Vorher is’ unwichtig“, wird mir gesagt. Und ich habe trotzdem das unweigerliche Gefühl, bereits an diesem 12. Spieltag der Saison wieder ein persönliches Erinnerungsspiel erlebt zu haben.

Frage an die Blogger Community: Was sind Eure persönlichen „Erinnerungs-Spiele“ des SC Freiburg?

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