SCF Auswärtsfahrt: Mit Baden Power nach Mainz

David Weigend

Auswärtssiege sind schön, besonders, wenn sie so wichtig sind wie der gestrige des SCF in Mainz. Wir haben die Anhänger des Fanclubs Baden Power aus Weil auf ihrer Busfahrt ins Rheinhessische begleitet. Der ganz normale Fanwahnsinn in zwölf Stunden.



Der Bus kommt aus Weil und die Fans, die um 14 Uhr in Freiburg an der Paduaallee zusteigen, werden mit Rülpsern durchs Megafon begrüßt. Die Fans aus dem Wiesental und aus Säckingen haben schon deutlichen Promillevorsprung, sind sie doch schon seit etwa zwei Stunden am Trinken.


Kai ist der Organisator der Fahrt. In den kommenden Stunden wird er sich immer wieder als rettender Anchorman hervortun im Alkoholtrubel der Roten Horde Wiesental. Kai verteilt nicht nur Schnapsfläschchen, vulgo Klöpferle, sondern auch Lyonerweckle. Er drückt den Mitgliedern der Reisegesellschaft die Karten für den Gästeblock in die Hand (L Steh) und gibt die wichtigste Verhaltensregel bekannt: „Alkoholbedingtes Kotzen kostet 250 Euro. Der Kotzer darf dann allein heimfahren.“



Der Baden Power Bus tuckert mit 90 die A5 hoch, Richtung Norden. Bei den Stimmungsliedern, die aus den Boxen tönen, wird über Rockbandfehden locker hinweggesehen: Erst die Hosen mit „Liebesspieler“, dann die Onkelz mit „Mexiko“. Mitgesungen wird immer.

Auf der Höhe von Karlsruhe dann ein erster Höhepunkt der Fanfahrt. Jasmin hat Geburtstag. Sie sitzt vorne links und hat Zitronenkuchen gebacken. Den soll es bei der ersten Pinkelpause geben. Aber der harte Kern der roten Horde, der den hinteren Teil im ersten OG des Doppeldeckers besetzt, wünscht sich vom Geburtstagskind was anderes, nämlich „Bier! Bier! Bier! Bier!“ Kai sorgt bezüglich Jasmin via Lautsprecher für Verwirrung. Erst sagt er, sie sei schon vergeben. Wenig später korrigiert er sich: „Sie ist solo! Also: Feuer frei, Jungs!“



Die Mode der Baden-Power: SC-Trikots aus diversen zurückliegenden Saisons, Mario Barth-Shirt („Deutsch-Frau, Frau-Deutsch“), später auch gar keine Oberbekleidung mehr („1,2,3, Oberkörper frei). Die Schankmamsel wiederum trägt ein Deutschland-Trikot. Sie verteilt Wodka-Feige-Klöpferle und Stullen, alles für einen Euro.

So wird das Flaschenklopfen wie so oft zum charakteristischen Geräusch dieser Auswärtsfahrt und dieses ist allemal angenehmer, als der mittlere Knopf vom Megafon, der eine grob vereinfachte Version des Titanicsongs „My Heart will go on“ auslöst, in ohrenbetäubender Lautstärke. Linker Hand ziehen riesige, mit Planen bedeckte Spargelfelder vorbei.



Das Bus WC ist ein Erlebnis der eigenen Art. Quer zur Fahrtrichtung bemüht man sich, im schwankenden Bus halbwegs kleckerfrei fertig zu werden. Das Panoramafenster bietet einen schönen Ausblick auf die vorbeifahrenden Senioren. Blöderweise gilt das auch umgekehrt. Also schnell den roten Vorhang zuziehen! Selbst durch die geschlossene WC-Türe hört man lokalkolorierte Schmähgesänge wie „Alle Zeller stinke! Weil sie us der Wiese trinke!“



Beschaulicher ist es aber eh, sein Geschäft am Rastplatz zu verrichten, bei der zweiten Pinkelpause, in irgendeinem Wald bei Schwetzingen. Parkplatzgespräche. Zwei Fans unterhalten sich beim Rauchen: „Julian, du Fotze. Gib’ mir zwanzig Euro. Es gibt noch Zäpfle. Ich kauf alles auf, was geht.“



Nach der zweiten Pinkelpause wird wieder das weiße, signierte Idrissoutrikot sichtbar. Kai kommt nach hinten. Angesichts der ersten Hüpf-Attacken im oberen Teil des Busses sagt er, halb ernst, halb im Scherz: „Alkoholverbot für die Hinteren!“ Das kontern die Hinteren mit dem Lied: „Kai ist nur ein Sextourist.“ Kai geht in die Offensive: „Jawohl! Fünf Tage Sankt Pauli!“ Die Hordensäufer nehmen die Steilvorlage gern an: „Kai und die Nutten…fünf Tage wach!“ So geht das die ganze Zeit.



Als man gegen 17.30 Uhr die Autobahn verlässt und die Stadtgrenze von Mainz passiert, werden die Fangesänge etwas derber: „Mainzer Fraun! Ficken und verhaun!“, „Sekt für die Nutten, Champagner für uns! Wir sind alles Freiburger Jungs!“ Die anwesenden Frauen nehmen's mit Humor. Sie hören diese Sprüche ja nicht zum ersten Mal. Die Jungs mit dem Megafon sind inzwischen so dicht, dass ihnen auch mal ein rassistischer Spruch rausrutscht, aber immerhin wird der mit Schweigen von den restlichen Fans quittiert.



Offenbar hat sich der Fahrer in Mainz-Weisenau gleich mal verfranst. Auf kolossalen Umwegen lernen wir die symphatische Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz kennen. Die Schuhcremefabrik mit dem Erdalfrosch zieht vorbei, ein Riesenfriedhof, An der Goldgrube, ein Spielsalon und Schluckerpinten mit Namen wie "Old Wolf's Hütte". Natürlich unterhält man sich im Bus nicht über die Sehenswürdigkeiten von Mainz sondern stellt lauthals fest: „Ohne Mainzer…wär’ hier frische Luft!“ Dazu lässt man seinen Flatulenzen freien Lauf.

Nach gut dreieinhalb Stunden Fahrt kommt der Bus unter einer Betonbrücke zum Stehen. Kai kündigt an, dass es eventuell Polizeikontrollen geben könnte. Es folgen höhnische Sprechchöre wie „Wohin mit dem Messer?“



Auf den folgenden anderthalb Kilometern Fußmarsch zum Stadion zeigen sich die Fans der Baden Power von ihrer Schokoladenseite: „Kniet nieder! Ihr Bauern! Der Meister ist zu Gast!“, „Freiburg ist die geilste Stadt der Welt!“ und immer wieder „Auswärtssieg!“ Man kann nur die Gelassenheit der Gastgeber bewundern. Kontrolliert wird übrigens so gut wie niemand.



Am Bruchweg spricht sich schnell herum, dass es im Stadion nur alkoholfreies Bier geben soll. So ein Mist. Also: vorglühn und zwar dalli! Gegenüber des Stadions befindet sich ein großes Einkaufszentrum, davor Bierstände mit Volksfeststimmung. Wir versorgen uns mit Pilsnachschub zu zivilen Preisen, lassen uns die Mainzer Ostersonne auf die noch käsige Haut brägeln und kommen mit den Nullfünfern ins Gespräch. Korrekte Leute und Humor haben sie auch.



Einer von ihnen hat neben sich zwei Flaschen stehen, einen Eierlikör und einen Sekt. Was für eine Kopfwehmixtur. Der Typ brummt in tiefstem Rheinhessisch: „Des nennd sisch bei uns Blondeäh Engl.“ Wir verzichten auf sein Nippangebot, weil wir auf dem Parkplatz vorm Supermarkt noch ein paar alte Kickerkollegen von der Rhodia treffen. So macht Vorglühn Spaß. Das Beste: Das letzte Bier geht doch tatsächlich auf die Rechnung des Chefs vom Bierstand. Sorry, aber die drei Punkte nehmen wir leider auch noch mit.



Schnitt. Halbzeit. Die Stimmung ist nicht so besonders. Zwar haben die Fans im Gästeblock den SCF ohne Rücksicht auf ihre Stimmbänder unterstützt, aber bisher liegt man durch ein saudummes Ding von Noveski mit 0:1 hinten. Hier im Block L vermischen sich alle Anhänger des SCF: Dreisam Bobbele, Tifosi, Exilfans aus dem Westerwald, Ultras und Karlsruher Studentinnen, die trotzdem Sportclub-Fans sind. Den Capo gibt heute einmal mehr einer von der Supporters Crew. Auch, als es dunkel wird, nimmt er die Sonnenbrille nicht ab.



Die zweite Halbzeit läuft bekanntermaßen so ab, dass sie für einen SC-Fan vollkommen ausreicht, seinem Leben einen ganz neuen Sinn zu geben. Schon Idrissous Ausgleich verursacht freudige Bierfontänen, denn mit einem Punkt wäre man ja fast schon zufrieden. Der Siegtreffer von Banovic führt dann dazu, dass man wildfremden Leuten um den Hals springt. Selbst Ordner werden umarmt. Es ist tatsächlich „ein Schritt in Richtung Himmel“, wie René Kübler heute im Sportteil der BZ titelt. Ein Freudentaumel in Rot und Schwarz.

Diejenigen, die das Tor nicht mitbekommen haben, weil sie unten am Wurststand waren, kommen im ekstatischen Hopserlauf die Treppen raufgefedert. Sie recken die Bratwürste gen Himmel. Das Ketchup landet in dicken Tropfen auf dem Trikot. Rot auf rot, „scheißegal wie weit, ob Sturm ob Schnee, Sportclub Freiburg allez!“



Abspann. Irgendwo auf der A5, nachts um 2 Uhr. Wer denkt, irgendjemand im Fanbus von Baden Power könnte oder wollte schlafen, hat sich kräftig geirrt. Ossi, der Onkelzfan, hat Geburtstag, dementsprechend setzt es Klöpferlerunden. Beliebte Après-Ski-Hits werden bassarm, dafür umso lauter via Handylautsprecher und Megafon in den Buss gefeuert. Dazu die Stereo-Anlage des Busses auf Volume 10 mit, genau, beliebten Après-Ski-Hits. Eine Kakophonie mit zehn nackten Frisösen und Modern Talking.

Dazwischen grölt man mal das Badnerlied, furzt sich die Stadionbratwurst aus dem Leib und labert ne Runde ab. Über den SC, über YouPorn oder über die nächste Auswärtsfahrt nach Koblenz.

Paduaallee, 2.35 Uhr: Kai checkt, ob alle Freiburger registriert haben, dass sie aussteigen müssen. "Und net vergesse, lueget, ob noch Müll underem Sitz isch!" Draußen am Bahnsteig ist es kühl, der Boden nass. Es hat geregnet. Der Bus setzt sich in Bewegung, noch hundert Kilometer bis Säckingen. Die ersten Spitzenreiter sind trotz allem eingeschlafen.

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