SC vs. Mönchengladbach: Live-Ticker mit einem Stadion-Rookie im Rentenalter

David Seitz

Der SC Freiburg hat auch das letzte Heimspiel des Jahres für sich entschieden: Gegen Borussia Mönchengladbach siegte die Dutt-Elf gestern Nachmittag mit 3:0. Von der Gegengeraden aus hat Manfred Obergfell, 66, das Spiel genossen. Es war sein erster Stadionbesuch seit 1974. Wie der Stadion-Rookie das Spiel erlebt hat:



Badenova Stadion, 14:30 Uhr:

Die Nordtribüne ist bereits ein einziges großes Fahnenmeer und träumt kollektiv vom Kantersieg gegen den Tabellenletzten. Auf der Gegengeraden sitzen zu dieser Zeit noch weniger Zuschauer als der SC Punkte hat.

Manfred Obergfell ist einer von ihnen. Er ist 66, kommt aus Staufen und sein letzter Stadionbesuch liegt weit in der Vergangenheit. "Bei der Wasserschlacht von Frankfurt war ich mal im Stadion". Das war am 3. Juli 1974. Sein Fußballwissen ist trotzdem auf dem neuesten Stand, die Sportschau macht's möglich.

14:45 Uhr: "Ist es hier immer so leer?

Manfred Obergfell ist leicht irritiert, immer noch ist die Osttribüne nur vereinzelt besetzt. Zum Glück ist Nord schon voll – Gewissheit, dass er im richtigen Stadion sitzt.

15:05: "Ah jetzt wird's langsam voll"

Endgültige Beruhigung für den Stadion-Neuling, Zeit für einen Tipp: "2:1 für Gladbach wird es ausgehen, die Freiburger tun sich immer schwer gegen Mannschaften die hinten stehen."



 

15:15 Uhr: "Wahnsinn was da alles auf engstem Raum stattfindet"

Die Mannschaften machen sich warm, Mönchengladbach spielt Schweinchen in der Mitte. Manfred Obergfell hat seinen Feldstecher ausgepackt und verfolgt fasziniert die Aufwärmübungen der beiden Teams. Durch das Fernglas Marke Steiner holt er sich die Spieler in HD Qualität ganz nah ran. "400 DM hab' ich mal dafür ausgegeben, eigentlich brauch ich es zum Segeln, aber hier ist es auch ganz nützlich.



15:25 Uhr: "Mist, ich sitz' auf dem falschen Platz

Die letzten Akkorde des Badnerliedes verklingen gerade, da erhebt ein Zuschauer Anspruch auf Manfred Obergfell's Platz. Zurecht, wie dieser feststellt – Block F und FF kann man schonmal verwechseln, er nimmt es gelassen. "Das passiert halt wenn man zum ersten Mal ins Stadion geht". Schnell zusammenpacken, aufstehen und den richtigen Platz suchen

15:31 Uhr: "Super, hier sieht man ja viel besser"

Glück im Unglück, der rechtmäßige Platz ist 10 Reihen weiter unten, somit wesentlich näher am Spielfeld. Dort pfeift Schiedsrichter Wolfgang Stark gerade die Partie an. Der Feldstecher bleibt vorerst in der Tasche. Schnell noch ein paar Rasenschnappschüsse mit der Digicam gemacht, dann volle Konzentration auf das Spiel.

15:37 Uhr: "Jetzt muss man sich halt selber ein paar Gedanken machen"

Live-Fußball ist anspruchvoller als die Sportschau, der Kommentator fehlt. Einen entscheidenden Vorteil des Stadionbesuchs stellt Manfred Obergfell aber dann doch fest: "Ich hab' daheim einen Hund, der merkt wenn ich mich aufrege und wird dann auch nervös. Dann rennt er mir immer vor dem Fernseher rum". Das passiert ihm im Stadion nicht: Hunde müssen draußen bleiben

15: 45 Uhr: "Aha, da sind ja auch Gladbacher"

Eine Reihe weiter vorne wird es laut. Der Ex-Freiburger Mohamadou Idrissou hat die erste große Chance der Gladbacher, doch Oliver Baumann hält stark. Die Anfangsphase gehört den Gästen.



15:49 Uhr: "Absolut überraschend"

Fachkundige Feststellung von Manfred Obergfell: Papiss Demba Cissé bringt Freiburg per Kopfball mit 1:0 in Führung, nach einer Flanke von Maximilian Nicu lässt Cissé seinem Gegenspieler Brouwers keine Chance. Papierfetzen fliegen durch die Luft. Der Sportschau-Fan aus Staufen, fängt einen der weißen Zettel, studiert kurz die Werbung darauf und wirft ihn wieder in die Luft. Zunächst bleibt er sitzen, zögert kurz, lässt sich dann aber doch zum Jubel im Stehen mitreißen.



15:54: "Da wird ja richtig angeheizt, aber das gehört wohl dazu"

Die Nordtribüne singt "Steht auf, wenn ihr Badner seit". Einige Zuschauer erheben sich von ihrem Sitzplatz auf der Gegengeraden - kurze Irritation bei Manfred Obergfell, doch sein Sohn, eine Reihe dahinter sitzend, instruiert ihn.

16:03 Uhr: "Ich find's nicht gut dass der Torwart immer so weit vor dem Tor steht. Die Rückgabe war aber auch hanebüchen"

In der Freiburger Abwehr geht es drunter und drüber, Butscher will den Ball zu Baumann zurück spielen, der Pass ist aber ungenau und so rollt der Ball auf das leere Tor zu. Baumann entscheidet den anschließenden Sprint gegen Idrissou aber für sich – Glück für die Freiburger.

16: 07 Uhr: "Die Kerle sind echt bewundernswert, die dürfen sich ja nie ablenken lassen"

Manfred Obergfell hat die Security-Männer bemerkt, die permanent das Publikum beobachten und deshalb mit dem Rücken zum Spielfeld stehen. "Die sollten besser keine Fußballfans sein"



16:11 Uhr: "Klarer Torwartfehler"

Das 2:0 für den SC Freiburg und eine treffende Analyse des Staufeners. Heimeroth lässt den Ball nach einem Cissé Schuss fallen und Barth reagiert am schnellsten. Die Freiburger kommen besser ins Spiel und haben die besseren Chancen. Manfred Obergfell reckt zum ersten Mal die Faust in den wolkeverhangenen Freiburger Nachthimmel.

16:17 Uhr: "Ist der Platz eigentlich irgendwie kleiner als normal?"

Halbzeitpause, Zeit sich Gedanken über das Spielfeld zu machen. Der Freiburger Rasen hat zwar nicht die Europa-League Maße, doch die optische Täuschung kann sich Manfred Obergfell letztendlich selbst erklären. "Das liegt wohl am Fernsehen, da sieht das alles viel weiträumiger aus"

16:23 Uhr: "Was machen die Männer da mit den Spießen auf dem Platz?

Legitime Frage für einen Stadion-Neuling. Antwort: Rasenpflege!

16:33 Uhr: "Der Ausschnitt ist einfach zu eng"

Das Spiel läuft wieder und Manfred Obergfell hat festgestellt, dass es keinen Sinn macht das Spiel per Fernglas zu beobachten. Das liegt nicht am außergewöhnlich hohen Tempo des Spiels, sondern am neuen Sitzplatz.

16:44 Uhr: "Jetzt haben sie die Bayern endgültig überholt"

Papiss Demba Cissé ist zum wiederholten Male Matchwinner. Einen langen Freißstoß von Schuster nimmt er in aller Seelenruhe an und knallt den Ball zum 3:0 in die Maschen. Es schneit, im Stadion wird es kälter, doch Manfred Obergfell taut langsam auf: Exzessiver Jubel mit der Doppelfaust und ein Schulterklaps für seinen Sohn.

16: 48 Uhr: "Der Dutt macht einen total ruhigen Eindruck"

Was die meisten SC Fans nur erahnen können sieht Manfred Obergfell deutlich. Wieder ist sein Fernglas im Einsatz und vergrößert die Gesichtszüge des SC Trainers um Hundertfaches. Vor lauter Spähen verpasst er die vorbeirauschende Laolawelle. "Das Spiel ist einfach zu spannend um auf die Welle zu gucken". Macht nichts – bei der nächsten Runde klappt es dann.

16: 56 Uhr: "Wahnsinn mit welcher Zartheit die Bälle berührt werden, das sieht man im Fernsehen gar nicht."

Es wird philosophisch. Manfred Obergfell erkennt die wahre Schönheit des Live-Fußballs. Unterstützend wirkt dabei sicher auch das Kerzenmeer auf der Nordtribüne. Jingle Bells wird angestimmt und plötzlich weihnachtet es im Badenova Stadion.



17:04 Uhr: "Aha, Gladbach geht heim"

Das Spiel ist entschieden, beide Mannschaften spielen die letzten Minuten herunter. Viele Gladbachfans verlassen frühzeitig das Stadion. Die Nordtribüne singt "Die Nummer eins im Land sind wir"

17:17 Uhr: "Ich würde da selbst nicht rein stehen aber die machen schon eine tolle Stimmung, da kommen Emotionen rüber. Dagegen ist es hier schon ziemlich unterkühlt".

Das Spiel ist vorbei, Freiburg gewinnt nach einer guten spielerischen Leistung mit 3:0 und Manfred Obergfell ist fasziniert von der Live Atmosphäre. Daheim wartet schon sein Hund, der einen entspannten Nachmittag verlebt hat. Bevor er sich auf dem Heimweg macht stellt Manfred Obergfell aber klar: "Ich werde wiederkommen."


Mehr dazu:

  [Spielfotos: dpa]