SC vs Mainz: Fußballfest mit abruptem Ende

Hanno Riethmüller

Selten hat man Robin Dutt so grantig erlebt wie gestern um 22:15 Uhr beim DSF-Interview nach dem 1:1 gegen Mainz. Es war ein Déjà-vu der ärgerlichen Art. Die Situation des späten Gegentreffers kannte Dutt schon vom Hinspiel. Hanno Riethmüller mit der Analyse eines echten Spitzenspiels.



„Hier regiert der SCF“, „Hallo Südtribüne“ und „Steht auf, wenn ihr Bad’ner seid“. Die Nordtribüne und das ganze Dreisamstadion waren in Feierlaune. Die über 15.000 Zuschauer hatten ein gutes und ungemein spannendes Fußballspiel gesehen, der Sportclub führte 1:0 und jeden Moment musste Schiedsrichter Gagelmann abpfeifen. Was will man mehr. Jetzt nur noch diesen Eckball der Mainzer überstehen …


… Stille … 1:1 … das darf doch nicht wahr sein … Anspiel … Abpfiff … vorbei.

SC-Torwart Michael Langer sank in sich zusammen, Eke Uzoma hämmerte mit den Fäusten auf den Rasen und Ivica Banovic schrie seinen Frust über den Platz und rannte danach sofort in die Kabine, nicht ohne unterwegs eine Werbebande mit dem Fuß zu malträtieren.

Doch von vorne: Trainer Robin Dutt hatte einige Umstellungen in der Mannschaft vorgenommen und das Gewicht auf die Offensive gelegt. Karim Matmour und Mohamadou Idrissou auf den offensiven Flügelpositionen, Amir Akrout im Sturmzentrum und dahinter der wieder genesene Jonathan Pitroipa sollten Dampf nach vorne machen.

Im zentralen Mittelfeld sollte Dennis Aogo das Spiel ordnen. Für ihn spielte links in der Viererkette Daniel Schwaab, dessen ansonsten angestammte Position auf rechts Kevin Schlitte übernahm. Dafür musste diesmal Eke Uzoma auf der Ersatzbank Platz nehmen. Das defensive Mittelfeld war wie gewohnt mit Banovic, die Innenverteidigung mit Heiko Butscher und Pavel Krmas besetzt. Und zum ersten Mal stand der in der Winterpause vom VfB Stuttgart verpflichtete Michael Langer zwischen den Pfosten.



Von Beginn an war zu spüren, dass dies ein klasse Spiel werden könnte. Beide Mannschaften agierten mit ungeheuer hohem läuferischem Einsatz und spielten munter nach vorne. Doch genauso ließen beide dem Gegner wenig Raum, der Spieler im Ballbesitz wurde früh unter Druck gesetzt und bei Angriffen über die Flügel hatten die Defensivabteilungen durch schnelles und konsequentes Verschieben oft Überzahl. Tormöglichkeiten ergaben sich daher hauptsächlich aus schnellen Flügelwechseln, Fernschüssen, Standardsituationen und gelungenen Einzelaktionen.

Die richtig guten Torchancen fehlten jedoch, was der Qualität des Spiels aber keinen Abbruch tat. Es war zu sehen, dass hier zwei richtig gute Mannschaften aufeinander trafen. Und das tat vor allem der Seele der SC-Fans gut. Denn die Mannschaft zeigte nach dem mühsamen Start aus der Winterpause endlich wieder ihre Qualitäten, die sie in der Vorrunde so stark gemacht hatten.

Matmour, Pitroipa und Akrout waren immer wieder für eine überraschende Aktion gut, Banovic und Aogo waren defensiv wie offensiv überall zu finden, Aogos Freistöße und Eckbälle kamen oft gefährlich in den Strafraum, die Innenverteidigung hatte alle Hände voll zu tun, stand aber sicher, und die Laufbereitschaft aller Spieler war beeindruckend.

Allen voran muss in diesem Zusammenhang Idrissou genannt werden, der ein rekordverdächtiges Laufpensum absolvierte. Es hatte fast den Anschein, als ob fast überall, wo ein Mainzer den Ball führte, dieser von Idrissou bedrängt und beharkt wurde. Zudem gewann Idrissou vorne wie hinten viele Kopfballduelle und fand dazwischen noch Zeit, sich am Spielaufbau zu beteiligen.



Die defensiven Flügelpositionen fielen dagegen ein wenig ab. Schwaab erreichte nicht ganz seine Normalform, blieb öfter hängen und spielte gelegentlich Fehlpässe, hatte aber auch gute Szenen. Schlitte hatte auf seiner linken Abwehrseite viel zu tun und machte dabei ab und zu einen unglücklichen Eindruck. So holte er sich früh eine gelbe Karte, weil ihm ein Mainzer im Rücken davongelaufen war und er ihn nur durch Zerren am Trikot vom Flanken abhalten konnte und vorne schlug er eine Flanke weit hinters Tor. Im Verlauf des Spiels stabilisierte er aber seine Leistung und sein großer Auftritt sollte noch kommen.

Es würde kein Spiel mit vielen Toren werden, das wurde den Zuschauern bald klar. Aber die Spannung war ungeheuer groß. Mainz kam vor allem durch Distanzschüsse zu gefährlichen Situationen. In der ersten Halbzeit musste Torwart Langer einen Schuß von Karhan abwehren und Borja setzte den Ball aus 25 Metern an den Aussenpfosten. Der Sportclub dagegen sorgte eher über kurze Ballstafetten und Einzelaktionen für Torgefahr. Pitroipa umdribbelte zwei Mainzer und spielte einen feinen Pass in die Gasse, für Akrout aber einen Tick zu lang. Eine weitere Kombination zwischen Akrout und Pitroipa schloss Pitroipa mit einem Schuss von der Strafraumgrenze ab, den der Mainzer Torhüter Wache aber abwehren konnte.

Da am Spiel der Freiburger in der ersten Hälfte nichts auszusetzen war, kam nach der Pause erwartungsgemäß die gleiche Formation aufs Feld, ebenso bei den Mainzern. In hohem Tempo ging es weiter, ohne große Torchancen. Mainz hatte wiederum zwei Distanzschüsse zu verzeichnen, die aber beide knapp am Tor vorbei strichen. Auf der anderen Seite wurde ein Schuß von Aogo abgeblockt und diverse Standardsituationen sorgten für Aufregung im Mainzer Strafraum, aber eine zwingende Torchance war nicht dabei.



Doch dann kam in der 74. Minute der große Auftritt von Kevin Schlitte. Aogo zog einen Eckball von links auf den kurzen Pfosten und Schlitte wuchtete den Kopfball am chancenlosen Torwart Wache vorbei ins kurze Eck. Die Stimmung im Stadion war bis dahin schon sehr gut gewesen. Die Nordtribüne hatte den SC unentwegt angefeuert. Und nun entlud sich die bis dahin fast unerträglich aufgestaute Spannung auf einen Schlag. Ein Torschrei, wie ich ihn lange nicht mehr an der Dreisam vernommen habe, dröhnte durch das Stadion. Ausgerechnet Schlitte. Keinem anderen hätte ich dieses Erfolgserlebnis mehr gegönnt, als dem in dieser Saison oft unglücklich agierenden Kevin Schlitte.

Mainz musste nun offensiver werden und dem Sportclub eröffneten sich Kontermöglichkeiten, ohne konsequenten Abschluss.

Der Sportclub wechselte aus: Jäger war zuvor bereits für Matmour ins Spiel gekommen. Jetzt kam noch Henrich Bencik für Pitroipa und kurz vor Schluss Uzoma für Idrissou. Noch ein Aufreger: Handspiel eines Mainzer Abwehrspielers im Strafraum. Banovic reklamierte heftig, aber Schiedsrichter Gagelmann hat es entweder nicht gesehen oder erkennt auf unabsichtliches Handspiel. Kein Strafstoß. Trotzdem verteidigte der Sportclub die Führung weiterhin offensiv und lässt den Mainzern keine Chance.



90. Minute: Ein langer Ball der Mainzer rutscht einem Freiburger über den Scheitel ins Toraus. Alle Spieler im Freiburger Strafraum, die Ecke segelt herein, wird verlängert und was dann geschah, hat wahrscheinlich keiner im Stadion im ersten Moment richtig gesehen. Aus einer Spielertraube heraus kommt der Ball aufs Freiburger Tor, Langer wehrt ab und der Mainzer Subotic kriegt irgendwie den Fuss an den Ball und plötzlich liegt der im Tor: 1:1. Anspiel, Abpfiff, vorbei.

Die riesige Enttäuschung auf den Rängen wich erst langsam der Erkenntnis, dass wir einen großartigen Fußballabend erleben durften. Letztlich muss man zugestehen, dass ein Unentschieden sicher nicht ungerecht war, auch wenn sich der Sportclub, vor allem durch die Konterchancen am Ende, einen Erfolg verdient hätte.

Der etwas ernüchternde Blick auf die Tabelle zeigt den SC nur noch auf Platz 7. Beim genauen Hinsehen fällt aber der geringe Zweipunkte-Abstand auf den jetzt Tabellenzweiten Mainz auf. Aber wen kümmert schon die Tabelle.

Schließlich ist noch alles drin, wenn der Sportclub so weiter spielt. Solange ich solche Fußballspiele geboten bekomme, kann ich sehr gut mit der zweiten Liga leben.