SC vs Leverkusen: Zwei Fans unterhalten sich

Tobias Ilg

Eigentlich sind Tobi (links) und Matze gute Freunde. Im Stadion allerdings wird diese Freundschaft hin und wieder auf die Probe gestellt. So auch am Samstag. Das Spiel SC Freiburg gegen Bayer 04 Leverkusen als Dialog eines SC-Symphatisanten (Tobi) mit einem Leverkusenfan (Matze).



Vor dem Spiel

14 Uhr: Auf der Wiese nahe der Dreisam quetschen wir den Wagen in eine Parklücke, wenig später gehen wir zur Südtribüne. Mit einer Thüringer Rostbratwurst, einer langen Roten und zwei Radlern in den Händen vertreiben wir uns die Wartezeit bis zum Anpfiff. Mein Kumpel Matze, 21 Jahre und seit langem Fan von Bayer Leverkusen, befindet sich in einer einsamen Lage, denn auf Süd ist bis auf ihn weit und breit kein einziger Leverkusen-Anhänger zu sehen.

Noch 20 Minuten bis zum Anpfiff. Das erste Unheil kündigte sich an: Drei mit einem extrem nervtötenden Stimmorgan ausgestattete Schweizer Freiburg-Fans und einer Vorliebe für Felix Bastians platzieren sich hinter uns. "Bastiaaaaaaaaans!" und "Unser Bub vo de Young Boys!"-Rufe, non stop.  Fast verstehen wir unser eigenes Wort nicht:

Matze: Ich hoffe auf eine Leistung wie gegen Hoffenheim. Der Jupp wird die schon richtig einstellen. Mein Tipp: 3:1-Sieg!

Tobi: Nee, nee, Freiburg war schon gegen Hamburg zu Hause stark. Wenn sie nur endlich mal den sofortigen Abschluss suchen würden. Ich denke, es wird auf ein 2:2 hinauslaufen.

Das Spiel beginnt

 

Tobi: Freiburg ist bis jetzt ganz schön dominierend.

Matze: Achtung, boah! Tolle Chance für Flum! Der war übrigens mal bei uns auf der Schule. Rudolf-Eberle-Schule in Säckingen.

27. Minute: Jubel. Stuttgart liegt in Dortmund hinten. Noch spielt der SC wirklich toll. Das Torschussverhältnis beträgt nach kurzer Zeit schon 5:0. Frühzeitige Auswechslung bei Bayer.

Tobi: Warum wechseln die denn jetzt schon den Vidal aus? Schon kaputt oder was?

Matze: Der hat vorhin Gelb bekommen. Ist sowieso ein Hitzkopf. Schön für die Fans, dass Schwaab eingewechselt wird.



Nach mehreren vergebenen Chancen melden sich unsere Schweizer Kommentatorenfreunde wieder: „Jonathan, Jonathan! Warum triffst du nicht? Leidest du unter geistigem Mittelstand?“ Die vergebenen Chancen rächen sich, Leverkusen geht mit 1:0 in Führung.

Matze: Toooooor! Der Kießling!

Tobi: Verdammter Mist, die erste und bisher einzige Torchance ist sofort drin!

Matze: Tja, wenn du sie vorne nicht machst, kriegst du sie halt hinten.

Halbzeit

Tobi: Der SC hatte so viele Chancen. Statt zu schießen, wollen sie den Ball lieber ins Tor tragen.

Matze: Leverkusen dagegen mit nur einer richtigen Torchance. Und die war halt drin. Irgendwie tut’s mir sogar leid für Euch.

Ein Freiburger stößt zu uns. Er erzählt uns, dass er eigentlich Schalke-Fan sei. Seine Kommentare zum Spiel, hervorgerufen durch eine beträchtliche Menge Bier, lassen sogar seine Begleiterin vor Scham erröten.



2. Halbzeit - die Blamage nimmt ihren Lauf

Nach dem Gassenhauer „Westerland“ geht's weiter. In der 47. Minute sieht man eine einzige Person in der Südkurve jubeln:

Matze
: Toooooooooooor! Jawohl, Barnetta!

Tobi: Na toll, die Freiburger waren wohl geistig noch in der Kabine.

Hinter uns ärgern sich die Schweizer: „Verdammti Schiiißii, de Barnetta, de huuure Säggeel!“ Die Fans im Gästeblock sind sich eines Sieges sicher, plädieren bereits für einen „Auswärtssieg“. 

“Der Salz hat doch einen an der Klatsche!"

3:0 in der 70. Minute. Derdiyok schießt einen Freistoß direkt aufs Tor, Salz wirft sich die Kugel in Slapstick-Manier ins eigene Gehäuse. Banovic, hinterm Tor beim Warmmachen, brüllt seinen Ärger hinaus, ebenso unser Schalke-/Freiburg-Fan vor uns: "Der Salz hat doch einen an der Klatsche, was der da macht, ist ja unmöglich!“

Matze: Juhu, 3 Chancen, 3 Tore!

Tobi: Schön für dich, der Heynckes-Plan scheint ja auf zu gehen. Ich glaube, ich brauche jetzt nochmal einen Radler.



Kurz darauf zu allem Überfluss auch noch das 4:0. Die ersten SC-Anhänger machen sich auf den Heimweg. Die Leverkusener dagegen sind in bester Laune: „Das ganze Stadion hüpft, olé, olé!“ Naja, die Fans im Gästeblock vielleicht und ein einsamer Leverkusen-Fan in der Südkurve neben mir.

Als dann noch Derdiyok das fünfte Tor nachlegt, rasten die Schweizer hinter uns völlig aus. Benutzen Kraftausdrücke übelster Art, der folgende ist dabei noch einer der harmlosen: „Diiiiser Schiiiß Derdiyokchchchch!“

Tobi: Warum beschimpfen die eigentlich die ganze Zeit ihre Landsmänner?

Matze: Keine Ahnung, beim nächsten Länderspiel freuen sie sich aber dann wieder, wenn er die Schweiz zur WM schießt.

Des einen Freud, des anderen Leid

Nach einer Demontage in der 2. Halbzeit ertönt endlich der Schlusspfiff. Sofort stürmt Matze an den Spielfeldrand, möchte noch einige Schnappschüsse von seinen Lieblingen machen und mit Bayer feiern. Mir dagegen ist eher nach Weltuntergang zumute. Kurz darauf drängeln wir uns durch die Massen, beinahe alle mit hängenden Mundwinkeln. Doch manche auch jubelnd, die Bayern häben ja 2:1 gegen Mainz verloren. Das Mainz allerdings ein Konkurrent im Abstiegskampf ist und nun drei wichtige Punkte mehr vorzuweisen hat, vergessen diese Anhänger.



Beim Betreten der Südkurve waren wir noch beide fröhlich. Jetzt, nach 90 Minuten, ist es nur noch der mit dem blauen Trikot, der gute Laune hat. Doch meine Trauer hält sich in Grenzen. Den Nachmittag sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Weinend, da ich eine Demütigung des SC sehen musste. Lachend, da ich einen schönen und erinnernswerten Nachmittag mit meinem Kumpel im Stadion verbringen konnte.

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