SC vs. Köln: "1,2,3, Oberkörper frei!"

Clemens Geißler

Dieser Mann hat im Moment recht viel Stress am Hals. Die Kölner Fans erwarten von ihm, dass er mit dem FC aufsteigt. Das wird jetzt noch schwieriger. Das Team von Christoph Daum verlor gestern Abend beim SC Freiburg mit 0:1. Der Gästeblock feierte trotzdem, die Nordtribüne sowieso.



Die Humba-Tätärä-Darbietung zwischen SC-Fans und Mannschaft nach dem Spiel mag manch einem langweilig erscheinen. Aber wenn ein Sieg so sehr herbeigesehnt und so dringend notwendig war wie der gegen Köln, ist das Balsam auf die geschundenen Seelen von Spielern und Anhängern.


Schließlich hatte die Kritik im Vorfeld selbst im vergleichsweise gelassenen Breisgau zugenommen, drohte man doch mehr und mehr den Anschluss an die Spitzengruppe zu verlieren. Um es vorwegzunehmen: Dem Team von Robin Dutt gelang wahrlich kein spielerischer Befreiungsschlag, aber immerhin blieben mit etwas Geschick und noch etwas mehr Glück die drei Punkte an der Dreisam.



Der Sportclub startet fulminant: Einen Linkssschuss von Banovic lässt Mondragon nur abklatschen, Akrout staubt ab: 1-0, denken und jubeln alle, doch das Schiedsrichtergespann versagt dem Treffer seine Gültigkeit – Abseits. Was in der Folge passiert, kann man wie folgt umreißen: Stark begonnen und stark nachgelassen. Über die gesamte erste Hälfte bekommt der Anhang viele einheimische Abspielfehler und Missverständnisse zu sehen.

Dabei ist das Kölner Spiel noch nicht einmal zwingend. Tief stehend, laufen die Gäste immer wieder in die Fehlpässe der Freiburger und tragen zielstrebige und zumeist gefährliche Angriffe vor. 12. Minute: Broich setzt mit einem herrlichen Heber Nemanja Vucicevic ein, doch der scheitert aus aussichtsreicher Position und auch den anschließenden Kopfball aufs Freiburger Gehäuse kann Michael Langer glänzend entschärfen.



Die Stimmung unter den 22.500 Besuchern ist angesichts des Spielverlaufs zurückhaltend bis unzufrieden. Die Nordkurve sieht sich da in der Pflicht, für etwas Abwechslung zu sorgen und lässt „Nie mehr Roda Antar“ erschallen. Zudem begleiten Pfiffe jeden Ballkontakt des Libanesen, der zusammen mit seinem Landsmann Yussuf Mohamad vor der Runde von der Dreisam an den Rhein gewechselt war.

Auch in der Folge gehören die klareren Chancen den Domstädtern. Helmes lässt mit einem Haken Banovic aussteigen, verzieht dann aber doch etwas. Kurz vor der Pause setzt sich der Toptorjäger der zweiten Liga, Milivoje Novakovic, gegen Barth und Krmas durch, trifft den Ball jedoch nicht voll, so dass erneut Langer abwehren kann. Köln reklamiert in dieser Situation ein Handspiel von Oliver Barth im Strafraum - zu Unrecht, da der Ball zur Hand geht.

Der für den verletzten Butscher ins Team gerückte Barth hinterlässt bis auf die etwas unsortierte Anfangsviertelstunde einen insgesamt soliden Eindruck und wird von Trainer Dutt wegen ebendieser „Zuverlässigkeit“ im Anschluss gelobt. Die Bilanz der ersten Hälfte aus Freiburger Sicht bietet dagegen weniger Anlass zu freudiger Beurteilung.

Die Kölner verzeichnen das selbstbewusstere und taktisch überlegene Spiel, ein merkliches Chancenplus und ein Eckenverhältnis von 7-1. Nur das Verhältnis Bedienung - durstiger Fan am Bierstand in der Halbzeit ist mit etwa 3 – 300 noch dürftiger.



Und beinahe hätte Marvin Matip, die Kölner Nummer 4, in der 57. Minute alles versaut. Nach einer weiteren Kölner Ecke und Freiburger Luftlöchern im Strafraum drischt er allerdings die Kugel aus kurzer Distanz über die Latte und in den Fangzaun der Nordkurve. „In dieser Situation hätte er zum Matchwinner werden können“, wird der sichtlich mitgenommene Christoph Daum nachher in der Pressekonferenz beklagen. Doch aus Kölner Sicht kommt es kurz darauf noch schlimmer: Einen Querpass von genau jenem Matip erläuft sich - vertauschte Rollen – dieses Mal das Freiburger Mittelfeld und Jonathan Jäger wird auf Linksaußen eingesetzt.

Die Situation ist im Grunde harmlos. Jäger ist Rechtsfuß und kann eigentlich nur nach innen ziehen, keiner seiner Mitspieler steht besonders aussichtsreich. Mit einem Allerweltstrick verschafft er sich freie Schussbahn, hält einfach mal drauf und überwindet Mondragon mit einem Flachschuss ins kurze Eck. 59. Minute: 1-0. Je unverdienter die Führung, desto größer der Jubel: Freiburg tobt.



Das Tor tut – Klimpern im Phrasenschwein – dem Spiel gut. Köln macht jetzt auf und so kommen auch die Platzherren zu Gelegenheiten. In der 64. Minute erkämpft sich Akrout an der gegnerischen Torauslinie das Leder und zieht vollkommen allein entlang der Grundlinie in den Sechzehner. Doch anstatt den besser stehenden Aogo zu bedienen, schiebt er dem Gästeschlussmann einen Kullerball zu und vertändelt damit die klarste Möglichkeit der Partie.

Auch auf die Fans hat das Tor befreiende Wirkung: Die Gästefans entledigen sich – „eins, zwei, drei, Oberkörper frei“ – ihrer Oberbekleidung, während der badische Anhang das eine Mal aufsteht und das andere Mal jeder hüpft, der kein Schwabe ist.



In der allgemeinen Feierlaune entgeht dem einer oder anderen womöglich, dass die Gäste weiter zu guten Chancen kommen. 70.: Distanzschuss Patrick Helmes, 81. Scharfe Hereingabe Broich, Barth grätscht im letzten Moment zur Ecke. Diese köpft Novakovic haarscharf am langen Pfosten vorbei. 84. Flachschuss Helmes – knapp verzogen. Die einzige Situation, in der Sportclub-Torwart Langer zu zögerlich agiert.

Ansonsten darf man dem jungen Freiburger Schlussmann eine höchst gelungene Leistung attestieren. Zu Recht bittet der Anhang ihn nach dem Spiel ans Megaphon, um das altbekannte Ritual zu leiten. Zu Null gegen den besten Sturm der Liga und wieder auf Tuchfühlung zur Spitzengruppe – ein erfolgreicher, aber glanzloser Montag für den SCF.