SC-Vize Fritz Keller: Das große Interview

David Weigend

Oberbergen im Kaiserstuhl, ein heißer Vormittag im Juli 2009. Fritz Keller, 52, Winzer, Gastronom und Vizevorsitzender des SC Freiburg, sitzt im schattigen Innenhof seines Lokals "Rebstock". Er bestellt sich Wasser und ein Kürbiskernweckle mit Mortadella. Stärkung für eine kleine Vergangenheitsbewältigung: "Wenn man das Rad zurückdrehen könnte, würde man das eine oder andere sicherlich anders machen."



Herr Keller, wie wird man eigentlich Vizevorsitzender des SC Freiburg?

Quasi per Geburt. Mein vollständiger Name ist Friedrich Walter Keller. Abgekürzt Fritz Walter Keller. Schon mein Vater hatte einen Fußballknall. Der sorgte dafür, dass Fritz Walter, also der 54er-Fritz, mein Patenonkel wurde. Was in meiner eigenen Fußballkarriere eher zum Hindernis wurde, weil die Erwartungshaltung natürlich viel zu hoch war.

Ihr Vater hat Sie also zu den Spielen den Sportclubs mitgenommen.

Nein, er nahm mich mit zu den Spielen des Freiburger FC, Anfang der 1970er Jahre. Aber die Haltung dort ging mir irgendwann auf den Geist. Der FFC war ja früher der arrogante Pfeffersackclub. Die Neureichen, die Schnickschnack- und Schickimicki-Gesellschaft von Freiburg, das war damals das Publikum beim FFC. Letztlich hat dieses Publikum den Verein auch kaputtgemacht. Denn dieser Kreis hatte nichts mehr mit Fußball am Hut. Nun ja, irgendwann ging ich dann lieber zu den Amateurspielen des Sportclubs.

Und kamen dann einfach so in den Vorstand?

Eines Tages las ich einen Artikel in der „Badischen Zeitung“. Achim Stocker kritisierte darin, dass Freiburg keine Fußballstadt wäre und guter Fußball in Freiburg nicht möglich sei. Keine Sponsoren, kein Interesse beim Publikum. Ein ganz anderes Pflaster als beispielsweise Kaiserslautern. Ich schrieb Herrn Stocker einen Brief und bekam sofort Rückmeldung.



Wann war das?

Vor 18 Jahren, 1991. Stocker sagte: „Ich interessiere mich nur für Fußball. Die Arbeit mit Sponsoren, das kann ich nicht.“ Er fragte mich, ob ich da mitarbeiten wollte, auch im PR-Bereich. Das habe ich dann gemacht.

Wo fand die folgenreiche Unterredung statt?

In diesem Kabuff, das wir damals hatten. Das war gleichzeitig das Kartenhäusle, nicht größer als ein Kiosk. Da saß neben Stocker ein Ehrenamtlicher, der Karten sortierte. Und dann haben wir uns mit Volker Finke zusammengesetzt und überlegt, wie wir Sponsoren gewinnen könnten. Es war Finkes erstes Jahr in Freiburg. Ein, zwei Jahre später fragte mich Stocker, ob ich in den Vorstand gehen würde. So kam das.

Worin besteht heute Ihre Aufgabe im Vorstand?

Zu den Aufgaben zählen Sponsoring, Marketing, Verkäufe. Ich muss Partner finden, die zu uns passen, langfristig. Unser Vorstand ist mit vier Personen sehr klein. Das ist wichtig, um schnell Entscheidungen fällen zu können. Manchmal müssen wir auch unpopuläre Maßnahmen treffen, das gehört dazu. Wir müssen ja die Zukunft des Vereins sichern.

Attraktive Werbepartner bekommen Sie bevorzugt dann, wenn das Image des Vereins positiv ist. Inwiefern versuchen Sie, auf das Image des SC Freiburg Einfluss zu nehmen?

Beim Fußball wirken auch Kräfte ein, die mit Sport nichts zu tun haben. Das ist in Freiburg zwar ein geringeres Problem. Aber wir müssen frühzeitig erkennen, wenn extreme Kräfte versuchen, bei uns ihr Süppchen zu kochen. Solche Gruppen verkörpern genau das Gegenteil von Fußball.



Was verkörpert denn Fußball in Ihren Augen?

Es ist eine Sportart, die jeder spielen kann, für die man nicht viel Kohle braucht. Du brauchst bloß einen Ball, nicht mal Tore. Vier Jacken als Pfosten reichen. Fußball vereint sämtliche politischen Richtungen, unterschiedliche Sprachen, Hautfarben und so weiter. Es gibt keinen Sport, der das besser kann. Deshalb müssen wir aufpassen, dass diese wunderbare Plattform nicht missbraucht wird.

Die beiden Dachverbände der SC-Anhänger, Supporters Crew und Fangemeinschaft, driften immer mehr auseinander. Wie sehen Sie diesen Konflikt?

Als einen Generationskonflikt. Ich beobachte die Fanszene seit 17 Jahren. Wir hatten zuerst eine Fanwachstumsphase. Die Fans der ersten Stunde haben die Pubertät inzwischen hinter sich, auch, wenn man es bei einigen nicht immer glaubt. Und eine neue, jüngere Fangeneration wächst nach. Ich finde, es muss eine gegenseitige Akzeptanz beider Gruppen geben. Es gibt heute auch ein anderes Partyverhalten und eine andere Musikkultur als vor 15 Jahren. Die Alten müssen das akzeptieren, die Jungen aber auch.



Inwieweit akzeptieren Sie das Freiburger Fanverhalten?

Es gab kürzlich einen Fall bei der Zweiten Mannschaft, bei dem habe ich mich wirklich geschämt. Ekelhafte Äußerungen. „Tod und Hass dem KSC.“ Da bin ich zu denen hin und habe gesagt: „Seid ihr noch ganz dicht?“ Dann gab es noch diese „Ruhm und Ehre“-Gesänge. „Ruhm und Ehre“ ist eine Neonazi-Parole, mit der die Waffen-SS verherrlicht wird. Unter diesem Satz sind Millionen von Menschen umgebracht worden. So etwas hat bei uns aber auch gar nichts zu suchen. Ich sprach mit denjenigen, die das gesungen haben. Den meisten von ihnen war gar nicht bewusst, was die da überhaupt trällern. Aber nach unserem Gespräch war das Ding erledigt. Wenn man mit den Leuten spricht und ihnen das erklärt, kann man das wunderbar regeln.

Bei den klassischen Finkefans haben Sie solche Diskussionen wohl eher nicht führen müssen, oder?

Die 68er- und 68er-Nachfolger-Generation hat auch nicht den Anspruch auf Alleinführerschaft in moralischen Fragen. Aber zurück zur Ausgangsfrage mit den Dachverbänden: Ich denke, das ist – jenseits von extremen Auswüchsen - ein Generationskonflikt, der durch Dialog gelöst werden kann. Es haben doch letztlich alle das gleiche Ziel: Den Sportclub zu unterstützen und dabei Spaß zu haben. Darauf müssen sich alle besinnen und dann isch der Käs’ gesse, wie man hier am Kaiserstuhl sagt.



Wie sehen Sie der Rückkehr der NBU-Mitglieder entgegen, die drei Jahren lang Stadionverbot hatten?

Gelassen. In einem freiheitlichen Rechtsstaat gibt es für jeden, der mal was angestellt hat, die Möglichkeit, wieder zurückzukommen, wenn er seinen Fehler einsieht. Wenn die Rückkehr jedoch mit Aggressivität und Provokation einhergeht, dann muss man gnadenlos sein. Das geht nicht.

Sie sind Winzer, Gastronom und Vizevorsitzender des Sportclubs. Welchen Stellenwert hat für Sie mittlerweile die Aufgabe im Vorstand?

Für mich hat der Fußball auch eine soziale Funktion. Es ist mein Hobby. Andere gehen auf den Golfplatz, ich mache eben das, lerne im Stadion Leute kennen. Gern auch mal bei Bier und Wurst am Stand.

Dafür müssen Sie aber nicht Vorsitzender des Sportclubs sein.

Ich gehe ja auch gern auf Dorfsportplätze in der Region. Bahlingen oder Kreisliga, Jechtingen gegen Oberrotweil. Oder früher das Derby Sasbach gegen Königschaffhausen. Da kommen zwischen 2000 und 3000 Zuschauern.



Sie haben Ihre Tätigkeit als Vizevorsitzender beim SC mit einer sozialen Funktion beschrieben. Wird die soziale Kompetenz bei solch einem Profiverein nicht überschätzt?

Schauen Sie, ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Gastronomie. Ich schreibe eine Stelle aus, „Koch im Rebstock“. Zwei Bewerbungen kommen in die Endauswahl – der eine mit 1,5er Zeugnis, aber kein Mannschaftssportler; der andere mit 3,5er Zeugnis, dafür Mannschaftssportler oder aktiv beim Roten Kreuz, in den Kirchen, in einer Handballmannschaft oder ähnlichem. Also, ich weiß, wen ich da nehme. Denn ohne soziale Kompetenz geht es nicht. Egal, ob bei mir im Lokal oder beim Sportclub. Und deshalb sind auch für mich diejenigen in den Vereinen die wahren Helden, die diese Kompetenz vermitteln. Die Jugendtrainer zum Beispiel, die unseren Nachwuchs von Fernsehen und Computerspielen fernhalten. Wir können nur gemeinsam im Team erfolgreich sein.



Haben Sie eigentlich ein Wort mitzureden, wenn es um Transferentscheidungen geht?

Da haben Trainer und Sportdirektor das Sagen. Und die Verantwortung. Dafür wurden sie auch angestellt. Natürlich informieren uns Herr Dutt und Herr Dufner über verpflichtete Spieler.

Aber wenn es ums Geld geht, müssen Sie doch Ihre Einverständnis geben, oder?

Wir stellen den Rahmen zur Verfügung und über Zahlen wird bei uns natürlich auch im Gremium diskutiert, wobei die Meinung unseres Schatzmeisters viel Gewicht hat. Doch das letzte Wort haben Trainer und Sportdirektor. Sie kennen unser Budget und genießen zu Recht absolutes Vertrauen.

Welche Themen werden dieser Tage im Vorstand diskutiert?

Wir denken immer ein, zwei Jahre im Voraus. Es geht momentan vor allem um die Fragen: Wie entwickeln sich Sponsoring und Fernsehmarkt? Von letzterem sind wir stark abhängig, er ist die Haupteinnahmequelle. Auf diesem Markt ist gerade vieles in Bewegung. Aber es geht auch um profane Dinge, um Zwischenmenschliches.

Welchen Anspruch haben Sie an den Sportclub in der kommenden Saison?

Es geht mir nicht um kurzfristige Erfolge. Wir werden sicher auch mal wieder auf den Deckel bekommen. Ich will nichts beschwören, aber Sie kennen ja unser Startprogramm. Man muss es uns nachsehen, dass wir jetzt kein Geld rausschmeißen und nachfolgende Generationen darunter leiden. Es gibt genügend Vereine in der Stadt und in der Region, die aufgrund solcher Entscheidungen in der Vergangenheit heute ums Überleben kämpfen.

Nachhaltigkeit in allen Ehren – aber es geht Ihnen doch auch um Erfolg, oder?

Mir wird immer wichtiger sein, dass der Verein langfristig so hoch wie möglich spielt. Weniger wichtig ist, dass es der Verein in der Zeit, in der ich im Vorstand bin, schafft, bestimmte Titel zu holen. Das ist die entscheidende Philosophie, um das langfristige Überleben eines kleinen Vereins zu garantieren.



Wieviel arbeiten Sie?

Ich habe eine 7-Tage-Woche.

Wieviel Schlaf brauchen Sie?

Sechs Stunden.

Etwas schlechter werden Sie geschlafen haben, nachdem Sie erfuhren, dass Ihnen Ihr Weinkeller ausgeräumt wurde. Was würden Sie den Dieben sagen, falls die Tat aufgeklärt wird?

(lacht) Das sage ich jetzt lieber nicht. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch und nicht immer ganz diplomatisch. Bei diesem Weindiebstahl geht es ja nicht um den materiellen Wert. Das sind Weine, die sehr lange brauchen, bis sie reifen. Die kriegt man nicht ohne Weiteres, sondern nur durch jahrelange Verbindungen. Das sind stolze Winzer, die diese Weine machen. Und sie wissen, dass ich ihre Arbeit wertschätze. Dieser Verlust ist durch nichts zu ersetzen. Ein geklautes Auto kann man wieder nachbauen. Diese Weine sind unwiederbringlich.

Lassen sich SC-Spieler aus dem aktuellen Kader von Ihnen eigentlich in Weinfragen beraten?

Das fällt unter den Mantel des Schweigens. Aber es gibt einige Connaisseure in unserem Verein.

Haben Sie früher selbst Fußball gespielt?

Ich durfte nicht kicken, weil ich arbeiten musste. Ich begann erst mit dem Spielen, als ich die Unterschrift meines Vaters nachmachen konnte. Man musste ja beim Verein, bei mir war das der TuS Oberrotweil, eine entsprechende Einverständniserklärung vorlegen, auch aus medizinischen Gründen. Aber ich musste arbeiten. Am Sonntag, an dem ja in unteren Ligen meist die Spiele stattfinden, war bei uns Betrieb. Da musste ich helfen. Buffetdienst, Service.

Dennoch haben Sie gespielt.

Mein Talent war sehr beschränkt. Ich war sehr schnell, aber der Ball war nicht mein Freund. Als ich Aufnahmen von mir sah, gemacht mit unserer ersten Videokamera, dachte ich: „Vielleicht besser doch nicht.“ Aber meine drei Söhne, die spielen.

Im Dezember 2006, nach der 0:4-Niederlage gegen den KSC, sagten Sie: „Der SC Freiburg hat den Tiefpunkt der letzten 16 Jahre erreicht.“ Wo steht der SC im Juli 2009?

Ich will mich nicht negativ über die Vergangenheit äußern, sondern nach vorne schauen. Wir sind anders aufgestellt als 2006. Die Verantwortung liegt auf mehreren Schultern. Der Verein ist heute in einer Verfassung, dass so eine Situation wie vor drei Jahren hoffentlich nicht mehr passieren kann. Damit meine ich nicht nur die sportliche Situation, sondern auch die zwischenmenschliche.



Wie beurteilen Sie rückblickend den, sagen wir es mal ruhig, Paradigmenwechsel vom System Finke zum System Dutt? Sie haben ja nicht unwesentlich zu diesem Wechsel beigetragen.

Es macht keinen Sinn, die Handschriften zweier Trainer zu vergleichen. In der Übergangsphase haben wir sicherlich viele Fehler gemacht. Manchmal habe ich zu emotional gehandelt. Das sind Erfahrungen, die macht man im Leben. Aber Fakt ist doch, dass sich im Fußballgeschäft nach einer gewissen Zeit neue Stile herausbilden. Das heißt keineswegs, dass in Freiburg nicht jahrelang sehr gute Arbeit geleistet wurde. Und übrigens auch aktuell geleistet wird.

Mag sein. Viele hatten aber ein Problem mit der Art und Weise, wie der neue Stil reinkam.

Wenn man das Rad zurückdrehen könnte, würde man das eine oder andere sicherlich anders machen. Der Mensch lebt aus der Emotion heraus. Das gilt für mich, aber auch für andere.

Mehr dazu:

(Fotos: David Weigend, außer: 2, 4, 6 cc dpa)