SC verliert 0:1 gegen Leverkusen: Die Stimmung auf Nord

Maria-Xenia Hardt

Zusammenstöße mit der Polizei in Kaiserslautern, Proteste gegen einen erneuten Verkauf der Namensrechte am Stadion, Bengalos, Transparentverbot – in den vergangenen Tagen gab es ordentlich viel Wirbel um die Fans des SC Freiburg. fudder-Mitarbeiterin Maxi stand beim Spiel gegen Leverkusen auf Nord. Ein Stimmungsbild:



Halb neun, Freitagabend, Flutlicht, Fußball – Freiburg spielt

Nach zuletzt zwei Niederlagen gegen die direkten Abstiegskampfkonkurrenten Hamburg und Kaiserslautern hängt dem SC die rote Laterne gleich einem sich langsam zuziehenden Strick um den Hals. Die Stimmung auf Nord ist zumindest angespannt, wenn auch nicht ausschließlich ob der kritischen sportlichen Situation.

Kurz vor Anpfiff werden Tapeten ausgerollt: „Verletzte durch Pyro-Technik: 0 – Verletzte durch Polizei in KL: 40.“ Beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern war es im Freiburger Block zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen, bei der einige Verletzte gegeben hatte – die Angaben gehen auseinander, die Polizei sprach von 27, die Fanszene von 40.

„Eigentlich gab es schon ein Transparentverbot“, sagt Franky* (32), „aber da muss man sich halt was einfallen lassen. Wir lassen uns unsere Meinungsfreiheit nicht nehmen, aus unserer Sicht war der Polizeieinsatz in Lautern völlig unverhältnismäßig, das wollen wir auch sagen dürfen.“ Nach einer Minute – genug Zeit für die Fernsehkameras, um den Schriftzug einzufangen, zu wenig für die Ordner, um einzuschreiten – wird die Tapete in Stücke gerissen.

Die Freiburger Hoffnung auf einen erfolgreichen Abend bröckelt zeitgleich: Es sind nicht einmal zwei Minuten gespielt, als Michael Ballack das 1:0 für die Gäste erzielt, nach einem Kadlec-Freistoß und Kopfballverlängerungen von Manuel Freidrich und Ömer Toprak. „Hurensohn!“, rufen einige Fans aus der Kurve, der Adressat ist Ex-SC-Spieler Toprak, ansonsten Schweigen, die meisten sind noch damit beschäftigt, den Schock zu verarbeiten. „Das sind so die Momente“, sagt Franky, „da denkt man nur noch, scheiße, scheiße, scheiße.“

Kurz nach neun, Freitagabend, Flutlicht, Fußball – Freiburg schwimmt

Bis auf ein paar Schüsse aus der Ferne hat Leverkusens Torwart Leno nichts auf seinen Kasten bekommen, der SC spielt harmlos, obwohl Bayer Leverkusen nach den ersten fünf Minuten schon die Lust verloren hat und keinesfalls ein übermächtiger Gegner ist. Die Stimmung auf Nord ist gedämpft, aber man schreit gegen die Trostlosigkeit im SC-Spiel an: „Für dich sind wir hier, für dich singen wir – Sportclub Freiburg!“

In der 38. Minute gibt es dann tatsächlich die erste richtige Chance – Cissé trifft den Pfosten. Franky hat dem Spiel inzwischen den Rücken zugewendet, um die Kurve zu animieren. „Wenn du so ein frühes Gegentor kassierst, ist die Stimmung natürlich schlecht, das ist ja klar“, sagt er in der Halbzeitpause, „dagegen muss man das was tun.“ In Ausblick auf die zweite Hälfte zuckt er mit den Schultern. „Schreiben Sie mal, ich bin noch voller Hoffnung“, sagt er.

Freitagabend, Flutlicht, Fußball – Freiburg kämpft

In der zweiten Hälfte rennt der SC gegen den Rückstand an, man kann nicht sagen, dass sie es nicht versuchen, die Kurve steht, weil sie natürlich all Badener sind.

Es ist fast zehn – diese Uhrzeit wird Ihnen präsentiert von Contempo. Alles wird von irgendjemandem präsentiert – die Fans haben sich mit der Kommerzialisierung abgefunden und ignorieren sie so gut es geht. Der neue Stadionname interessiert sie wenig. „Welcher neue Stadionname?“, fragt Franky ironisch, „uns juckt es überhaupt nicht, was die Vereinsbosse da machen. Für uns wird es immer das Dreisamstadion bleiben, völlig egal, wer wie viel Geld für den Schriftzug oben drauf bezahlt.“

Zehn nach Zehn, Freitagabend, Flutlicht, Fußball – die Freiburger Hoffnungen schwinden

„Alle die Arme hoch!“, ruft Franky. Wenige folgen seinem Beispiel. „Wieso?!“, schreien ein paar zurück, zucken mit den Schultern und fangen an zu singen: „Das Licht geht aus, wir gehen nach Haus...“ Der Tenor: „Die kriegen den Ball doch nur ins Tor, wenn sie ihn reintragen dürfen.“

Spieler und Trainer beider Seiten werden später sagen, dass die Freiburger gut gespielt haben, dass Leverkusen Glück gehabt hat. Das stimmt. Es stimmt aber auch, dass den Gästen fünf brauchbare Minuten gereicht haben, um den SC zu schlagen. Klar, Dembélé fanden viele Fans schwach, der Schiri hat sowieso schlecht gepfiffen, aber schwarz wollen sie nicht sehen.

„Als nächstes werden wir jetzt erstmal Nürnberg schlagen, Ruhe bewahren, motiviert bleiben. Am Ende müssen zwei, besser drei Teams hinter uns stehen“, sagt Franky, „ich glaube, dass wie das schaffen können.“

Die Fans auf Nord sind enttäuscht, aber von Aggression oder gar Krawallen keine Spur. Fans und Ordner stehen sich schweigend gegenüber. Man muss nicht alles verstehen, was in Stadien vor sich geht. Fußball und mit ihm auch seine Fans ist eine emotionale, ritualisierte Angelegenheit: Fahnen schwenken, Bier trinken, Bratwurst, Schweiß, Tränen, Männlichkeit; die eigene Mannschaft bejubeln, alle anderen verschmähen; Zeitspiel beim eigenen Torwart tolerieren, beim gegnerischen auspfeifen – nicht alles ist logisch, kaum etwas rational, aber die Fans bleiben auch nach verlorenen Spielen. Vereine tendieren dazu, das zu vergessen, wenn sie Transparentverbote diskutieren, weil „Pro Dreisamstadion“ darauf stehen könnte.

Freitagabend, Fußball vorbei, Freiburg hat verloren

Die Lichter im Stadion gehen langsam aus. Was bleibt? Tapeten-Fetzen, Konfetti am Boden, leere Bierbecher – aber mal wieder keine Punkte.

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[*Name geändert; Bild: Oliver Barth nach dem Spiel/dpa]