SC-Osnabrück 1:1 - Der Fasnet-Ticker

Christoph Ries

Singende Nonnen und motzende Yetis. Beim 1:1 des SC Freiburg gegen den VfL Osnabrück regierte die Fasnet im Stadion. Warum Prinz Walke einen Orden erhält und der Große Pitroipa zaubern kann - Christoph hat's rausgefunden: im SC-Fasnet-Ticker



0. Spielminute:
Der Stadionsprecher eröffnet die Sitzung: „Narri?“ Die Südkurve antwortet zunftgemäß: „Narro!“. Auf der Haupttribüne gröhlen drei Ninja-Turtles und eine Nonne mit goldenem Jesus-Kreuz das Badnerlied. Ein Mann mit roter Clownsnase und erschreckend kleinem Hut (falsch gewaschen?) balanciert zwei Lange Rote die Stufen hinunter. Ivica Banovic übt im Mittelkreis Bocksprünge, VfL-Trainer Pele Wollitz hat sich mit einem lustigen Rudi-Dutschke-Schal verkleidet. Das Stadion gleicht einem Tollhaus. Es geht um drei Punkte geht - in der Tabelle, nicht auf der Nase. Ha. Ha. Tusch.




15. Spielminute
Prinz Walke der I. holt sich den ersten Orden ab: den Goldenen Nutznießer am Band. Begründung des 11er-Rats: Verdienst für spektakuläres Angeschossenwerden im Fünfmeterraum. Flanke vom Osnabrücker Manno, VfL-Team-Präsident Reichenberger steigt nach oben und rotzt die Kugel närrisch in Walkes Bauchnabel. Dessen Besitzer windet sich im Flug aber so eindrucksvoll, dass ihm Dutt später „eine fantastische Reaktion“ unterstellt. Zugebenen, für alles andere hätte sich Walke auch in Luft auflösen müssen, und zaubern kann nur der Große Pitroipa.



17. Spielminute
Die Südkurve tobt. Grund: Die gelungene Vorstellung der Osnabrücker Tanzmariechen Schäfer und Nouri. Das lila-weiße Turnerpaar beeindruckte mit der komplizierten Schlussfigur „Krabbelnder Hund, der einen Eckball herausholt“. Die Figur im Detail: Auf Höhe der Torauslinie ringt Alexander Nouri mit Pitroipa um den Ball. Der Osnabrücker gewinnt, spitzelt aber den Ball in Richtung Toraus und muss dem Leder nun auf allen Vieren hinterher krabbeln.

Sein geifernder Mund scheint dabei zu schreien: “Ich kriege dich! Du wirst kein Eckball!“ Hechelnd Nouri erreicht den Ball, wuchtet sich in die Höhe und drischt die Kugel seinem ahnungslosen Mitspieler Schäfer Vollspann an die Wade. Von dort springt der Ball ins Aus. Eckball! In der Presse-Bütt' wird VfL-Trainer Wollitz anschließend das gelungene Kurzpassspiel seiner Mannschaft loben. Die Humorfront hat Norddeutschland erreicht.



24. Minute
Der SC hat die Sitzung fest im Griff. Kaum ein VfL-Witz zündet, Butscher und Banovic riechen jede lila-weiße Pointe vier Kilometer gegen den Wind. Ein Extra-Lob vom Sitzungspräsidenten erhält Prinz Walke, der alle Zaubertricks weiterhin dem Großen Pitroipa überlässt und eine grundsolide Sitzung abliefert. Plötzlich ein Schrei! Die Südkurve setzt zur ersten Rakete an: Henrich Bencik drischt eine Aogo-Ecke aus vollem Lauf aufs VfL-Tor. Das 1:0 ist für einige Millisekunden zum Greifen nahe. Dann bohrt sich der Ball zwischen die Schulterblätter von Heiko Butscher. Entsetzen. Nonne und Schildkröte atmen aus. Neben mir exhaliert ein Busch. Wo bleibt nur der Große Pitroipa?

28. Spielminute
Die Gebete der Narren wurden erhört, der Große Pitroipa hat den Zauberstab ausgepackt. Und was der Breisgau-Potter mit dem Zottelhaar damit gemacht hat, ist zum Zungeschnalzen: Langer Pass auf halbrechts, Hudini erreicht den Strafraum, legt den Ball rechts vorbei, läuft links. Hacke, Spitze, Akrakadabra, langer Schlenzer ins Eck. 1:0. Der Sitzungssaal tobt. Nasen fliegen, Tröten tröten, kreischende Clowns schleudern ihre verschwitzten Ärmel um ihre Gattinnen. Nasser Speichel mischt sich mit Fasnachtsschminke. Freiburg ist Köln, Mainz und Düsseldorf zusammen. Fünf Minuten lang kocht der Saal. Dann…

33. Spielminute
Die norddeutsche Humoroffensive hat den Breisgauer Strafraum erreicht und arbeitet sich Richtung Torlinie vor. Eine Flanke vom bierernst aufspielenden Thomik segelt dem erklärten Humorfeind Reichenberger vor die Füße. Diesmal verzichtet der VfL-Stürmer auf den Umweg über Walkes Bauchnabel und schiebt direkt ein. 1:1. Aus dem geschminkten Clown-Mund neben mir entfliehen ganz und gar unkarnevalistische Flüche. Die Stimmung ist am Boden.



34. bis 45. Minute
Gähnende Langeweile. Ich beginne die einzelnen Lampen der Stadionbeleuchtung zu zählen. Links 34. Rechts 35. Ob es da drüben schneller dunkel wird? Osnabrück versucht mich mit einem Eigentorversuch zum Lachen zu überreden. Ich ringe mir ein Lächeln ab. Gequält. Ein bisschen auch aus Mitleid. Nach 45 Minuten pfeift der Schiedsrichter ab. Da muss ich lachen, weil er das im Anfangsthema von Richard Wagners Hochzeitsmarsch tut: Viertel, punktierte Viertel, Achtel, Halbe. Jecker Typ! In der zweiten Halbzeit werde ich neben dem Busch sitzen müssen. Grauenhaft.



48. Spielminute
Der Busch nervt! Das Spiel ist noch keine drei Minuten alt, da hat dieses verkleidete Alkopop-Gestrüpp schon zum vierten Mal den Finger ins Gebälk geschoben und zum Pfeifkonzert angesetzt. Jeden Satz leitet er ein mit „Ich fass es nicht. So ein Penner!“ Für ihn ist heute alles schlecht: Aogo, weil er nicht rennt, Pitroipa weil er ständig rennt und nicht spielt, Butscher weil er vorbeiköpft. Walke sowieso. Und die Mutter des Schiedsrichters scheint er noch aus seiner Jugendzeit zu kennen. Leider gibt das Spiel auch nicht viel her. Freiburg spielt wie eine vollgerotzte Gumminase an Aschermittwoch, pomadig, langweilig, ausgelaugt. Jetzt vielleicht mal, Manuel Konrad… Nö. - Krass, Walke hat ne Kappe auf! Hammer. Gleich notieren.



76. Spielminute
„Tooooooooaaaaaaaaeeeeeyyyyyyyaaaaahh!“ Beinahe das 2:1. Heiko Butscher köpft eine Ecke Zentimeter am rechten Pfosten vorbei. Das hätte es sein müssen. Zumindest sind die Clowns und Nonnen und Turtles und Büsche jetzt wieder wach. Zusammen mit den elftausend normal gekleideten Fans brüllen sie den SC noch mal nach vorne. Matmour pumpt sich auf der Außenbahn durch, Flanke,… keiner da. Auf den Rängen macht sich wieder Aschermittwochsstimmung breit. Von der närrischen Gaudi der ersten Hälfte ist höchstens noch eine gefühlte halbe Luftschlange übrig.



80. Spielminute
Ein Donnerschlag erschüttert Freiburg-Littenweiler. Als hätte einer der verkleideten Yetis mit seiner Plastikkeule gegen das Stadiondach geschlagen, wälzt sich eine Horde Verwünschungen von den Tribünen Richtung Spielfeld. "Hey! Elfmeter!" Jonathan Jäger sitzt nach Worten ringend im VfL-Strafraum, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Kein Elfmeter! Sekunden zuvor war „Jäschääärrr“, so Pele Wollitz, durch den Osnabrücker Strafraum gepflügt. Mutterseelenallein auf dem Weg zum Siegtor. Der Sitzungspräsident wienerte schon den „Spielentscheider-Orden“, da kam VfL-Keeper Gößling angelaufen und holte Jäger von den Beinen. Objektiv gesehen muss man anmerken, dass Gößling erst denn Ball traf, dann Jäger - aber: Objektive hatte heute keine dabei! (Ha. Ha. Tusch!)

90. Spielminute
Schiedsrichter Bandurski holt tief Luft. Er wird nun die erste unumstrittene Entscheidung an diesem Tag treffen und abpfeifen. Richard Wagners Hochzeitsmarsch schallt noch einmal durch den Sitzungssaal, dann ist Schluss. Die Jecken schieben Trübsal, der Rest auch. 1:1 gegen Osnabrück. Da war mehr drin. Prinz Walke blickt noch mal auf seinen Orden, Pitroipa haucht über den Zauberstab. Zufrieden ist keiner. Zeit, dass endlich Aschermittwoch wird.