SC-Mitgliederversammlung: Ruhe nach dem Sturm

Clemens Geißler

Hoch ging es her, im vergangenen Jahr bei der Mitgliederversammlung des SC nach dem Ende der Ära Finke. Nach einer insgesamt zufriedenstellenden Saison gab es gestern Abend bei der diesjährigen Versammlung keine Tumulte. Ein Protokoll aus dem Paulussaal.



Um 21.45 Uhr - nach zwei dreiviertel Stunden – schließt Achim Stocker die diesjährige Mitgliederversammlung des Sportclubs Freiburg. Zu diesem Zeitpunkt kann er auf einen erfolgreich verlaufenen Abend zurückblicken: Er selbst wurde zusammen mit dem gesamten Vorstand für das abgelaufene Geschäftsjahr entlastet, für drei Jahre wiedergewählt und alle gewünschten Satzungsänderungen wurden mit ebenfalls klarer Mehrheit mitgetragen.


Auch der Rückblick auf die sportliche Entwicklung des Jahres fällt positiv aus. Kritische Äußerungen einzelner Mitglieder im Vorfeld der Veranstaltung hatten einen solchen Ablauf nicht unbedingt erwarten lassen, doch wie schon in der vergleichsweise turbulent verlaufenen letztjährigen Versammlung (fudder berichtete) gelang es dem Sportclub-Urgestein Stocker, die Reihen hinter sich zu schließen.

Dabei ist sein Auftreten zu Beginn alles andere als souverän. Erst einmal langt er mit Schmackes ins Mikro und erzeugt damit einen wütenden Knall, der auch den letzten lethargischen Hinterbänkler aus dem Sessel hebt. Sodann verliert er sich irgendwo in seinem Konzept und fragt in die Runde: „Wo bin ich?“ Ihm fallen Namen von Neuzugängen nicht ein: „Wie heißt der nochmal? Ah, ja, der Bechmann, genau.“

Aber irgendwie ist seine Gangart menschlich und wirkt auf den überwiegenden Teil der Geladenen sympathisch. Immer wieder spricht er Anwesende persönlich an, so den Staatssekretär Fleischer mit „Lieber Gundolf“, oder die Gattin des Oberbürgermeisters Salomon.



Seine sportliche Bilanz bezüglich des letzten Jahres fällt vor den rund 400 Gästen positiv aus: Der Abgang wichtiger Stammspieler habe kompensiert und eine gute neue Mannschaft formiert werden können. Zudem sei  es gelungen, eine erfolgreiche Saison zu spielen – nach dem Abgang eines langjährigen Trainers keine Selbstverständlichkeit, wie er unter Verweis auf Otto Rehhagel, Winfried Schäfer oder Werner Lorant betont. Den Hauptgrund dafür sieht er in der „hervorragenden Arbeit des Trainers und des Funktionsteams“. Applaus brandet auf.

Dieser wird noch heftiger, als Stocker auf den Aufstieg des Reserveteams in die Regionalliga und den Klassenerhalt der Damenmannschaft verweist. Er lobt die Arbeit der Freiburger Fußballschule insgesamt; den Meistertitel für die A-Junioren (fudder berichtete) bezeichnet er gar als „ein Ereignis, das sich nicht mehr wiederholen wird“.

Abschließend wartet Stocker noch mit Eigenwerbung auf: „Ich habe zwar ein bisschen einen hohen Blutdruck, aber ich fühle mich wieder besser und fit für die nächsten drei Jahre. Ich lege Ihnen nahe, mit  ,Ja‘ zu stimmen“ – das Publikum amüsiert sich herzlich über die letzte Äußerung.

Die Geschäftszahlen präsentiert Schatzmeister Dr. Heinrich Breit. Ein Glanzstück seiner Ausführungen ist zunächst die Feststellung, zum ersten Mal schwarze Zahlen in einer Zweitligasaison geschrieben zu haben (+ 51.000 Euro / beide Vorjahre jeweils – 1, 5 Mio Euro). Und auch die Transferbilanz, die seit 1993 immer negativ war, schlägt nun mit einem Plus von 500.000 Euro zu Buche. Sein Schlusssatz wird besonders bejubelt: Man sei immer noch vollkommen schuldenfrei und habe die Lizenz für die erste und zweite Bundesliga ohne jede Auflage erhalten.

Diese Bodenständigkeit ist genau das, was die Mitglieder sehen wollen. Der Sportclub ist auch im Jahre 2008 noch ein Verein, bei dem man lieber kleine Brötchen backt, anstatt sich zu übernehmen und bei dem in der Führungsetage jeder den anderen kennt.Doch diese überschaubaren Personalia haben auch ihre skurrilen Seiten, wie bei einer kurzen Sequenz des Abends deutlich wird: Die Moderation der Wahlangelegenheiten hat mittlerweile Gundolf Fleischer übernommen. Dieser ruft anlässlich der Wahl des Ältestenrates nun den Vorsitzenden des Ältestenrates, Jörg Weber, auf die Bühne, damit dieser einen Wahlausschuss bestimme. Dafür zur Wahl steht wiederum Gundolf Fleischer, der dann also mit breiter Mehrheit zum Wahlausschussvorsitzenden gewählt wird und abermals die Bütt betritt. Sein Vorschlag für den Vorsitz des Ältestenrates heißt - wen wundert‘s? – der Weber Jörg, welcher prompt gewählt wird und sich bei Gundolf Fleischer bedankt. Alle duzen sich und sind vergnügt und froh.

Fleischer bleibt dann auch gleich vorort, um die weiteren ausstehenden Entscheidungen zu moderieren. Die Ergebnisse: Die 351 stimmberechtigten Mitglieder entlasten den alten Vorstand bei 8 Gegenstimmen und 19 Enthaltungen. Der neue Vorstand wird einzeln gewählt: Stocker erhält erträgliche 13 Gegenstimmen, Breit 8, Martin Weiner gar nur 3, sein Kollege, der im letzten Jahr besonders umstrittene Fritz Keller, sieht sich 45 Widersachern ausgesetzt – Raunen im Paulussaal.



Dann kommt es zur Abstimmung über die Satzungsänderungen. Erster Hauptkritikpunkt einiger Anhänger,  zum Ausdruck gebracht in einem Flugblatt der „Wir sind Finke“ -Fraktion: Die Gehälter von Mitgliedern, die Vereinsaufgaben innehaben, müssten offengelegt werden, um Missbrauch vorzubeugen. Breit, der mittlerweile wieder spricht, ist dagegen: „Wir können doch nicht die Gehälter aller Funktionsträger bekannt machen. Dann müssten wir ja auch das des Trainers nennen.“

Zum Zweiten stoßen sich einige Mitglieder an der Novelle des §6, Absatz 8b, dessen Kern darauf hinauslaufe, dass der Vorstand dem Souverän des Vereins, nämlich den Mitgliedern, wichtige Angelegenheiten nun nicht mehr zur Entscheidung vorlegen müsse. Moniert wird eine Entmachtung der Mitglieder. Breit begegnet dieser Kritik - freilich nicht restlos überzeugend - und versichert, die neuen Regelungen seien aufgrund eines veränderten rechtlichen Rahmens notwendig und sie „stärken die Mitglieder und schwächen sie nicht“.

Es kommt in der Folge noch einmal zu einem kurzen Aufflackern der Opposition in Gestalt eines Antrags, über jede Satzungsänderung einzeln abzustimmen. Da jedoch zuvor schon über den Modus der Abstimmung abgestimmt wurde, erfolgt jetzt eine Abstimmung über die Abstimmung über die Abstimmung. Auf den benachbarten Pressestühlen raunt einer: „Oh, Leute!"

Innerhalb von einer Minute ist dann alles durch. Abgestimmt wird en bloc und alle Satzungsänderungen erhalten weit mehr als die erforderliche ¾ - Mehrheit. Immerhin 29 Gegenstimmen und 24 Enthaltungen können die Gegner des Vorstandes für sich verbuchen. Ansonsten dokumentiert sich ihre Anwesenheit nur noch durch den Vorwurf an den Vorstand, mit den Wortmeldungen einiger Mitglieder „despektierlich“ umzugehen.



Es bleiben folgende Erkenntnisse: Das Gesamtinteresse an der Veranstaltung war deutlich geringer als im letzten Jahr. Kritiker an der Vereinspolitik gab es zwar immer noch, aber erstens waren es weniger, zweitens moderatere und drittens eher sporadisch organisierte Mitglieder. Entsprechend verlief der Abend weniger kontrovers und hitzig.

So gelang es dem jetzigen Vorstand, eine Kontinuitätslinie zu ziehen und mit der novellierten Satzung mehr Handlungsspielräume zu erlangen. Ob genau dieser Punkt zu einer neuerlichen Keimzelle für organisiertes Aufbegehren unter den Mitgliedern sein wird, wird nicht unwesentlich vom sportlichen Erfolg der Mannschaft abhängen.

Das formuliert Ziel lautet ja: Der Aufstieg in Liga 1.



Mehr dazu:

fudder.de: SC-Mitgliederversammlung 2007