SC-Mitgliederversammlung: Ein Sitzungsprotokoll

Clemens Geißler

Die wichtigste Neuigkeit: Der Vorstand, insbesondere SC-Vize Fritz Keller, wurde komplett entlastet, Finke weder Ehren- noch sonstiges Mitglied und alle Anträge der Pro-Finke-Fraktion mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Mit einem so eindeutigen Ergebnis konnte man nicht unbedingt rechnen. Impressionen aus dem Paulussaal.



Stocker überzeugt

Schon zu Beginn scheint sich Widerstand zu regen: Stocker fragt eher beiläufig, ob es gegen die Tagesordnungspunkte Einwände gebe. „Ja, es fehlt der Punkt Anträge“, erschallt es von der Galerie. Alles ist aber nur ein Missverständnis und es beginnt der karge Alltag einer Versammlung in der etwas eigenwilligen Reihenfolge Begrüßung des OB, Begrüßung Gundolf Fleischers, Totenehrung.

Im langsamen und leicht verständlichen Vortrag gewinnt Stocker schnell die Gunst des Publikums. Schmunzeln und Gelächter im beinahe restlos gefüllten Paulssaal, wenn der Sportclub-Vorsitzende etwa zu OB Salomon meint: „Gell, Dieter, unn du gibsch uns ja au scho lang kei Geld meh“.

Doch Stocker ist auch bemüht, seriös darzulegen, wie es zur Entlassung Finkes gekommen war. Trotz des Negativrekordabstiegs mit gerade 18 Punkten in der Saison 04/05 und des im darauf folgenden Jahr verpassten Wiederaufstiegs habe man an Finke festgehalten. Aber kurz vor der Winterpause 06/07 stand der Sportclub auf dem 15. Tabellenplatz: „Da hatten ich und wir alle wirkliche Angst vor der Regionalliga“, so der 72jährige, dem man ansieht, wie ernst er das meint. „Wir haben uns dann zu Finkes Entlassung entschieden.“ Nun brandet heftiger Applaus auf. Die Mehrheit der Anwesenden, das spürt man, steht hinter Stocker. Vereinzelte Gegenrufe werden niedergebrüllt.

Derart beflügelt plaudert Stocker jetzt munter drauflos, nach einer Stunde wähnt man sich in seinem Wohnzimmer. Auch sein Schlusswort wird bejubelt: „Wir brauchen jetzt endlich wieder Ruhe im Verein und vor allem eine Aufbruchsstimmung."

Konstatierungen

Als nächstes hat Schatzmeister Dr. Heinrich Breit das Wort. Da er viel über Zahlen spricht, nutzen Teile des Publikums die Gelegenheit zu einem Toilettengang oder einer Raucherpause. Manch einer verpasst so die Information eines Fehlbetrages von 445.000 Euro, der ohne eine nachträgliche Zuwendung von 630.000 Euro von Seiten des WM-Finanzkomitees sogar noch größer ausgefallen wäre. Breit ist sachlich und eloquent, gelegentlichem Raunen begegnet er mit seiner Lieblingsphrase: „Ja, ich konstatier’s nur“. Ihm obliegt dann auch die Beantwortung von elf schriftlich eingereichten Fragekomplexen mit insgesamt 72 Fragen der „Wir sind Finke“-Initiative.

Die Fragen sind offensichtlich bewusst als Störfaktoren eingesetzt, ihre Beantwortung bringt nur selten sachlichen Gewinn. Beispielsweise wird nach Mitgliederstatistiken gefragt, man fordert gar die Entwicklungszahlen der Dauerkartenverkäufe, aufgeschlüsselt nach Tribünen-, Landkreis- und Altersgruppenzugehörigkeit. Solche Fragen werden weitenteils mit „Buh“, „Pfui“, „Raus“ oder „Wichtigtuer“ quittiert.

Das Scheitern von Pro-Finke

Den eigentlich brisanten Teil, die Aussprache, moderiert Dr. Gundolf Fleischer, unter anderem Präsident des Badischen Sportbundes. Fleischer sorgt zwar für allgemeinverbindliche und taugliche Spielregeln. Aber bei den brisanten Anträgen bezieht er ziemlich hölzern Position zugunsten der vierköpfigen Vorstandschaft, etwa indem er ernsthaft zu vermitteln versucht, den Antrag auf geheime Abstimmung abzulehnen, weil dieses Procedere zeitlich nicht hinzubekommen sei: „Viele von uns kommen von einem harten Tag oder müssen morgen früh raus zum Arbeiten.“

Die Vermutung liegt nahe, dass Fleischer nicht gerade neutral agiert und mit Keller symphatisiert. Ansonsten gefällt er sich darin, Binsenweisheiten unters Volk zu streuen: „Jede actio ergibt eine reactio."

Ein Eidgenosse unter den Sportclub-Mitgiedern moniert daher aufgebracht im Stil der Ricolawerbung: „Ja, appr, du bischd doch dr Moderathor“ – und wird von der Gegenfraktion angepflaumt. Manch einer feixt ob des verbalen Schlagabtauschs. Grund zur Freude gibt es dabei eigentlich nur für eine Seite: Für die Pro-Finke-Seite nämlich hängen auf dieser Versammlung die Trauben zu hoch. Es scheint, als hätten sie sich selbst ins Abseits gestellt. Resigniert kommentieren sie Fleischers Statements mit „Quasselquassel“, „Schwätzer“ und winken ab.

Schmid bleibt

Ein Antrag nach dem andern wird abgelehnt, die Ablehnung lautstark bejubelt. Auch der Vorwurf, die Verdienste Finkes wären nicht angemessen gewürdigt worden, geht in der allgemeinen Unruhe unter. Eher verzweifelt wirkt da noch der Versuch, die Neuwahl des Fanbeauftragten Marc Schmid zu torpedieren, weil zwei mit Stadionverbot versehene Anhänger trotz allem noch Mitglied des Sportclub seien. Dies sei, wenn überhaupt, so Heinrich Breit, das Verschulden von Martin Braun, der bislang diese Funktion innehatte.

Spielen auf Zeit

Der Vorstand hat mit dem Kern der Mitglieder im Rücken die wohl schwierigste Mitgliederversammlung aller Zeiten überstanden. In Sachen Finke sah es auch danach aus, als wolle der Vorstand auf Zeit spielen. Wenn die jetzige Mannschaft Erfolg hat, so mag sich manch einer denken, kräht bald kein Hahn mehr nach der Mitgliedschaft für Finke. Diese Taktik wird wohl auch aufgehen. Ob sie hilft, die entstandenen Gräben zu schließen und die teilweise übertriebene Hysterie zu beenden, steht auf einem anderen Papier.