SC Freiburg vs HSV: Besuch bei den Rollstuhlfans

David Weigend

Der SC Freiburg ist mit einem respektablen 1:1 gegen den Hamburger SV in die Bundesligasaison gestartet. Wir haben den Kick vom Spielfeldrand aus beobachtet und dabei den SC-Fans im Rollstuhl Gesellschaft geleistet. Ein Spielbericht aus sitzender Perspektive.



Dass Eugen Hotz (Foto unten) heute Behindertenbeauftragter beim SC Freiburg ist, hat auch etwas zu tun mit seinen Besuchen in der Konditorei Birlinger an der Hansjakobstraße im Jahr 1992. Hotz war damals im Außendienst tätig für die Firma Ferrero und nahm bei Birlinger gern eine Jause ein, auch deshalb, weil der SC-Fan dort die beiden Spieler Martin Braun und Andreas Zeyer traf, während sich diese bei Kaffee und Kuchen von Finkes Trainingseinheiten erholten. Eines Tages setzte sich Hotz dazu, man kam ins Gespräch und schloss Bekanntschaft.


Es verging ein Jahr. Bei Hotz wurde ein Tumor im Rückenmark diagnostiziert. Zweimal musste der Kaufmann operiert werden. Hotz wurde Rollstuhlfahrer. Und als Martin Braun den Kollegen aus dem Café Birlinger wieder traf und sein Schicksal erfuhr, machte er sich beim Vorstand stark für die rollenden Fans des SC Freiburg.



All das erzählt der Schwabe Hotz, nachdem er eine Tüte Pommes frites mit Majo und Ketchup verspeist hat. Der bärtige Mann sitzt im dunkelblauen Sportrolli der Marke Bock zwischen Spielfeld und Haupttribüne. Rechts und links von ihm sitzen zehn Kollegen vom Rolliclub, teils mit Betreuern und Zivis.

Erste Halbzeit, der Sportclub liegt 0:1 hinten. Hotz kramt unter seinem Oberschenkel ein Etui hervor, entnimmt ihm eine Zigarette, zündet sie an, inhaliert und sagt: „Immer, wenn ich im Präsidium vorbeischau’, sag’ ich dem Dufner und dem Stocker: ,Wir Rollstuhlfahrer sind eure treuesten Fans. Wir kommen bei Wind und Wetter. Denn das Stadion ist für uns die einzige Möglichkeit, wo man rauskommt und was erleben kann.’“ Im selben Moment tritt der Rollifahrer Daniel aus Wut über eine Schiedsrichterentscheidung gegen die Werbebande. Rumms!



Hotz ist zufrieden mit der Art, wie der Sportclub mit seinen Rollstuhlfans umgeht. Es gibt insgesamt 75 Plätze für die Körperbehinderten – vor der Haupttribüne und an der Gegengeraden. „Über die Sichtverhältnisse können wir uns nicht beklagen. Außer dem Dreisamstadion gibt es kein Bundesligastadion, in dem wir direkt am Spielfeldrand sitzen dürfen.“ Das einzige Manko sei der fehlende Regenschutz.

29. Minute: Oliver Barth verlässt blutend den Platz. „Oje“, sagt Hotz. Der Barth, das sei ein feiner Kerl. Im Mai habe Hotz mal beim Training zugeschaut und dann sei er auf dem SC-Gelände aus Versehen rückwärts in ein Loch reingefahren und umgekippt. „Bin gefallen wie eine deutsche Eiche. Der Barth war sofort da, hat noch den Idrissou und den Butscher gerufen und zu dritt haben die mich da wieder rausgeholt und aufgerichtet. Ich bin ja nicht gerade der Leichteste.“



Und so ganz selbstverständlich sei das auch nicht. In eine ähnliche Situation sei er mal in der Eisenbahnstraße geraten, an einem Vormittag, als er zur Bank wollte. „Da kamen Jugendliche vorbei, sahen mich am Boden und meinten nur: ,Schau’ mal einer an, um die Uhrzeit schon liegen die Säufer in der Gosse rum.’“ Hotz gelang es mit einiger Kraft, sich allein am Geländer wieder hochzuziehen. Er hat gelernt, mit der Behinderung umzugehen.

70 Mitglieder hat der Rolliclub, unter ihnen auch geistig Behinderte. Man jubelt und brüllt wie auf Nord, die Rollis fühlen sich als große Familie. In der Halbzeitpause kommt Arno Becker herangerollt, ein guter Kollege von Hotz. Becker hatte vor zwei Jahren einen Autounfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Becker und Hotz planen die Auswärtsfahrt nach Stuttgart am nächsten Samstag.

Hotz kann 15 bis 20 Meter an Krücken gehen, das rechte Bein gut bewegen und auch ein Auto mit Automatikschaltung steuern. Nächste Woche wird er Becker mitnehmen nach Stuttgart. „Und im September fahren wir mit 25 Mann nach Berlin zum Herthaspiel in einem Extrabus für Behinderte“, sagt Hotz. Auch zu den entsprechenden Fanclubs anderer Vereine hege er gute Kontakte, etwa zum Rollwagerl von Bayern München.



Die 65. Minute, als Tommy Bechmann den Ausgleich erzielt, ist natürlich für die meisten im Stadion der glücklichste Moment des Tages. Bei den Rollifahrern wird sichtbar, welch einen Kraftstoß solch ein Tor auslöst. Die 34-jährige Alexandra aus Teningen (erstes Foto) drückt sich für genau vier Sekunden aus dem Rollstuhl. Ihr Oberkörper bildet zum Unterleib fast einen rechten Winkel, doch gekrümmt steht sie da und küsst ihre Mutter voller Freude auf den Mund. Dann sinkt sie wieder in den Stuhl zurück. Später wird sie sagen: „Ja, ich mache das bei jedem Tor. Und meine Mutter sagt, ich quieke dann wie ein angestochenes Schwein.“

Für das Foto zieht sie sich extra jenes Trikot an, das ihr Ali Günes nach dem Sieg im Pokalspiel gegen Hoffenheim geschenkt hat.

Auch durch Eugen Hotz geht ein Ruck beim SC-Tor. Aber er ballt nur die Fäuste und spannt seine starken Arme an. „Aufspringen geht nicht, da würde ich nach vorne wegfallen“, sagt Hotz. Auch Bier darf er keines trinken, bloß Wasser. „Alles andere würde in den Beinen Spastiken auslösen.“



Schluss, Ende, Aus, sagt Hotz beim Abpfiff. Der Punkt gehe in Ordnung und der SC habe einen respektablen Start in die Bundesligasaison hingelegt. „Das war schon ne Schau.“ Zwar kommt Heiko Butscher bei der Ehrenrunde nicht wie sonst vorbei, um sich per Handschlag von den Rollifahrern zu verabschieden. Aber dafür humpelt Ömer Toprak übers Spielfeld und winkt mit der Krücke. Alexandra winkt zurück. Sie strahlt übers ganze Gesicht.

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