SC Freiburg vs. BVB: Noch nicht ganz auf Augenhöhe

Clemens Geißler

In einem ereignisreichen und mitreißenden Spitzenspiel hat Borussia Dortmund beim Sportclub Freiburg am Samstag 2-1 gewonnen. Die Gäste siegten aufgrund der Überlegenheit in der zweiten Hälfte verdient und gewannen damit das siebte Auswärtsspiel in Serie – Bundesligarekord! Die Freiburger waren in Hälfte eins das bessere Team, lagen lange vorne, wurden aber durch einen Doppelpack binnen dreier Minuten vom Tabellenführer im Stile einer Spitzenmannschaft um ihren Lohn gebracht. Trotzdem gab es noch Gelegenheiten zum Ausgleich.



Es ist ja alleine bemerkenswert, dass der Sportclub Freiburg aktuell nun schon die zwölfte Spielzeit in der Fußball-Bundesliga durchläuft. Noch viel erstaunlicher aber ist die derzeitige Platzierung des Teams aus dem Breisgau. Denn das Spitzenspiel am heutigen Tag lautet nicht etwa Leverkusen gegen Bayern München, sondern Sportclub Freiburg gegen Borussia Dortmund. Das ist zweifellos der vorläufige Höhepunkt seit dem Neuanfang unter Robin Dutt und lässt sich als Zwischenergebnis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Mannschaft verbuchen.


Angesichts dieser Vorzeichen war man im Breisgau schon vor dem Anpfiff glücklich. Dieses Glücksgefühl steigerte sich, denn der Sportclub lag lange mit einem Tor vorne und konnte in der virtuellen Tabelle zwischenzeitlich zu Mainz und Leverkusen aufschließen. Und besser noch: Das ganze war durchaus verdient.

Die erste Hälfte geht klar an die Breisgauer. Mehr Ballbesitz, mehr Sicherheit am Ball, Aggressivität in den Zweikämpfen, hohe Laufbereitschaft und schöne Kombinationen. Der Spitzenreiter aus dem Ruhrgebiet vermag kaum etwas entgegenzusetzen, die Spitzen Barrios und Kagawa sind fast vollständig aus dem Spiel genommen.



Irgendwann beginnt das Ganze sich dann auch in Torchancen niederzuschlagen. Die erste wirklich hochkarätige geht auch gleich ins Tor. Weidenfeller im BVB-Tor kann eine Freistoßflanke nicht unter Kontrolle bringen und im allgemeinen Getümmel ist es der Gästeakteur Mats Hummels, von dessen Bein die Kugel ins Tor rutscht: 26. Minute: 1-0.

Alles ist jetzt wie in einem Traum: Man hört Gesänge von der Championsleague, sieht und spürt stehende Badner und hüpfende Nicht-Schwaben. In den zehn Minuten vor der Pause kombinieren sich die Platzherren in einen wahren Direktpass-Rausch und degradieren den Tabellenführer zum Statisten. Dass es in Jürgen Klopp brodelt, kann man förmlich spüren – leider ist gerade kein vierter Offizieller zugegen, dem man mal ordentlich eine vor die Glocke hauen könnte.

Doch dem Sportclub gelingt es nicht, den berühmten Sack zuzumachen; noch vor der Pause vergeben Rosenthal nach Lehrbuch-Kombination, Cissé und Putsila. Ein 2-0 wäre wohl die Entscheidung gewesen.

Stattdessen wandelt sich das Bild nach der Pause wie selten in einem Fußballspiel. Nahezu alles, was der Sportclub vorher richtig gemacht hat, wird jetzt falsch gemacht. Fehlpässe vor dem eigenen Sechzehner, der Ball wird nicht mehr konsequent geklärt, es gibt kaum mehr Entlastung, der Gegner hat viel Raum, ganze Flügel sind völlig verwaist. Derart eingeladen zieht der BVB nun ein zehnminütiges Powerplay vom Allerfeinsten auf. Im Minutentakt fliegen dem immer wieder glänzend parierenden Baumann die Geschosse nur so um die Ohren. Barrios, Sahin, Kagawa und immer wieder Baumann heißen die Protagonisten in dieser Phase. Aber irgendwie steht die Null weiter.

Die Partie verliert in der Folge kurzzeitig das Tempo. Die Teams gleichen sich einander an. Papiss Demba Cissé kommt nach 73 Minuten aus 18 Metern zum Schuss, Weidenfeller pariert aber. Gerade, als man vermuten konnte, das Spiel wieder etwas mehr in den Händen zu haben, kombinieren sich die Borussen über die Mitte nach links. Schmelzers Flanke, Kopfball des eingewechselten Lewandowski, rums, Tor! 75. Minute: 1-1. Der gelbschwarze Anhang, der sich – zusätzlich zu vereinzelten Farbtupfern im ganzen Stadion - bis weit in die Gegen- und Südtribüne hinein erstreckt, steht Kopf. „Borussia, Borussia!“ schallt es aus der Ecke.

Der Tabellenführer legt gleich nach. Schon eine Minute nach dem Ausgleich muss es eigentlich gleich wieder klingeln, ein abgefälschter Ball landet aber nur knapp neben Baumanns Kasten. Dafür fällt das Tor dann kurz darauf: Ein unbedrängter Flachball in die Mitte findet seinen Abnehmer in Mensur Mujdza, dem aus kurzer Distanz ein Eigentor unterläuft, wobei Barrios einschussbereit lauerte. 78. Minute: 1-2.

Jetzt rastet die Ruhrpottgemeinde vollkommen aus. „Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia! Wer wird Deutscher Meister? Borussia BVB!“ singt und hüpft man zur Pippi Langstrumpf-Melodie.



Kurz darauf hat Blaszczykowski die Entscheidung auf dem Stiefel, schafft es aber irgendwie, vollkommen unbedrängt den Ball nicht im leeren Tor unterzubringen. Wir wissen nicht, ob er kurz zuvor einen Anruf aus dem Café King bekommen hat. Aber: Er hätte noch Zeit gehabt, seiner Freundin auf der Tribüne zu winken, hätte mit dem Ball ins Tor laufen können, hätte vielleicht seine Memoiren beginnen können, aber er hat es vermasselt. Nun ja, immerhin beim Scrabble ist sein Name einen ganzen Haufen Punkte wert.

So kommt es noch einmal zur spannenden Schlussoffensive der Breisgauer, die trotz dieser Nackenschläge erneut eine immense Moral beweisen. Cissé köpft nach einem Schuster-Standard neben das Gehäuse. Und mit der letzten Aktion des Spiels hätte der Ausgleich fallen können. Aber es sollte nicht sein, Schusters Kopfball trifft nur die Latte.

Deswegen steht man am Ende mit leeren Händen da. Jammern auf hohem Niveau: Das Spiel war unterhaltsam, hochklassig und spannend bis zur letzten Sekunde. Der Sportclub war gut, der BVB besser.