SC Freiburg vs 1. FC Nürnberg: Erfahrungen mit der eigenen Existenz

Veit-Lorenz Cornelis

Puuuuh. Was für ein Spiel! fudders Fußall-Philosoph über die drei E motions-Phasen während des Spiels SCF vs. FCN:



Phase 1: Der Backenzahn

Ich glaube wirklich zu keiner Zeit meines Lebens, so sehr nervös gewesen zu sein. Rational betrachtet ist das natürlich völliger Blödsinn – doch in diesem Moment glaube ich daswirklich. Doch der Reihe nach. „Was wäre gewesen wenn“ – dieser Satz liest sich im Rückblick eines solchen Spiels natürlich herrlich. Doch vor dem Spiel... man hat es den Fans angemerkt.

Beim samstäglichen Anstehen am Eingang der Tribüne, was im Übrigen irgendwie anders abläuft als das Anstehenan der samstäglichen Supermarkt-Kasse, also irgendwie ruhig und respektvoll und nicht drohend und fordernd mit einem Einkaufswagen an der Ferse, also beim Anstehen an der Tribüne, da hat man es schon gemerkt. „Was wäre wenn“ – die Aliteration eines Spiels. Eines Spielsgegen den FCN. Mit diesem „Was wäre wenn“ in meinen Ohren spüre ich ein erstesdeutliches Ziehen in meiner Brust. Und mein Backenzahn rechts oben – mein esoterischangehauchter Zahnarzt hat mir mal erklärt, dass Backenzähne die Spiegel unserer Seele sind – er (der Backenzahn) tat weh an diesem Nachmittag in der Schlange vor der Nordtribüne.Schmerzmittel: der Blick auf das satte Grün des Stadions.

Kann mir in diesem Moment nichtvorstellen in einem Zweitliga-Stadion zu stehen... unmöglich... doch „was wäre wenn“

Phase 2: Der Herzinfarkt

Während der ersten Halbzeit haben sich die Schmerzen meines Backenzahnes deutlich verlagert. Mittlerweile entsprechen alle Symptome denen eines Herzinfarktes, die auf Wikipedia so zu finden sind (Kaltschweißigkeit, Angst, Druck auf der Brust, schweres Atmen und so weiter.) und Pogatetz und Drimic sind meine Gifte: vergesst das Rauchen, Saufen und Fressen.

Heute sind die Namen der Gegenspieler die Noxen, welche uns an den Rand des Lebens drängen. Gibt es überhaupt ein Gegengift in diesem Moment? Ein Blick um mich herum und der Schmerz ist kurz vergessen: was die Galeria Nordtribünean diesem frühen Abend abliefert ist Nobelpreisverdächtig (und lässt allen Schmerzvergessen)!

Mit dem „Steht auf, wenn ihr Badner seid...“ – einer Solidaritätsbekundung mit der Schönheit und Eleganz eines sozialistischen Arbeiterliedes vorgetragen – steht das eckigeRund voll hinter dieser Mannschaft. Soli-Party in Littenweiler. Unser Wille: ERSTE LIGA!

Mitten hinein in eines dieser Soli-Lieder des Nachmittags: der Pfiff, der eine meiner Arterien am Herzen für einen kurzen Moment vollständig verschlossen hat. Elfmeter für Freiburg kurznach der Pause. Während Mehmedi anläuft bin ich damit beschäftigt ein Upgrade meine Krankenversicherung bezüglich Chefarzt und Einzelzimmer zu tätigen.

Denn ich bin mir sicher – ich brauche die volle medizinische Kompetenz, wenn er verschießt. Bis zum Einschlag des Balles im Netz vergehen für mich, für uns Alle, Minuten. Der Ball scheint ineinem schwarzen Loch zu sein. Zeit und Raum sind völlig aus den Fugen geraten. E=mc2wurde an diesem Tag widerlegt! Einstein kann einpacken – Mehmedi scheint unterwegs in der Mission: Widerlege die Relativitätstheorie.

Ich glaube nicht mehr an die Existenz von Fußball – Nein! – ich glaube gar nicht mehr an den Mensch als ein Individuum seines... TOOOOOOOOOOOOOORRRRRRRRRRRRRR... Es klingelt in meinen Ohren. Das Blut sackt in die Beine. Ich blicke in offene Münder undsehe Bier durch die Luft fliegen. Ich bin in  diesem Moment froh, dass mich ein Bierbecher am Kopf trifft!

Denn so spüre ich: ich bin existenter als die Existenz himself. Vergiss es, du philosophischer Mist! Mehmedi hat uns gezeigt – wir leben... und zwar richtig!

Phase 3: Die Leberzirrhose

Als Felix Klaus dieses unglaubliche Tor schießt ist klar: An diesem Spieltag sind wir näher an Liga Eins als die Wochen zuvor. Fritz Keller räumt die Kartons mit der Aufschrift „Abstiegsplätze“ in den Transporter und sucht nach den Kisten mit „Platz 14“. Wie gerne würde ich ihm beim Tragen helfen. Doch ich versuche zu begreifen, dass ich keine Kopfplatzwunde habe und vermutlich auch (noch) keinen Herzinfarkt.

Jedoch ist ab diesem Moment ein anderes Organ ins Zentrum gerückt und steht in direkter Konkurrenz zu meinem Gehirn: meine Leber will trinken, mein Gehirn die Sportschau sehen. Es siegt zunächst die Leber.Bleibt meinem Gehirn sich Gedanken zu machen „Was wäre wenn“:
  • Was wäre wenn wir auch in Stuttgart gewinnen?
  • 35 Punkte müssten reichen – also noch zwei Siege!?
  • Wie werden wir den gesperrten Julian Schuster in derzeit guter Form ersetzen?
  • Warum kann ich eigentlich nicht so gut kicken?
Mit all diesen Fragen im Kopf und einer herrlichen Felix-Klaus-Gedenk-Klebe schieße ich eine Coladose Richtung Mülleimer. Das Ding geht nicht rein. Warum auch. Zum Glück hat´s keiner gesehen. Aber was wäre wenn...