SC Freiburg verliert das Spitzenspiel

Clemens Geißler & David Weigend

Jörn Andersen, der Johnny Winter des Zweitligafußballs, hat es erneut geschafft, drei Punkte aus Freiburg zu entführen. Im Spitzenspiel der Zweiten Bundesliga unterlag der SCF heute Abend den Gästen aus Mainz mit 0:1 und muss die Tabellenführung nun bis auf weiteres an den 1. FC Kaiserslautern abtreten. Ein analytischer Report aus zwei Stadionecken.



Im Presseraum des Dreisamstadions: Am Ende sitzt da Jörn Andersen mit seinem grau-grauen Bosspullover vor der etwas trüben Herbstdeko, bestehend aus einem zusammengetackerten Korb mit Kürbisattrappe, Laub und Kroppzeug. Andersen, der mittelgescheitelte Norweger, den man noch aus den Panini-Sammelalben kennt, im Eintrachtrikot, stoisch grinsend. Heute grinst er nicht, obwohl er der Boss des Abends ist: den Tabellenführer vom Thron gestoßen, sein Team auf den zweiten Platz emporgehoben. Nein, heute nippt er einfach nur an seiner Kaffeetasse und sagt: "Aber es war ein bisschen unrecht, Freiburg war sicher dominierend."


Erster gegen Dritter: Das bedeutet meist zögerliches Abtasten und Sicherheitsfußball. Heute aber sehen 18.500 Zuschauer ein temporeiches und hochklassiges Zweitligaspiel, das bis zur letzten Sekunde spannend bleibt. Leider ohne, dass dem Sportclub auch nur ein Tor vergönnt bleibt - entweder, weil man gute Chancen liegen lässt oder weil Schiedsrichter Kinhöfer es anders sieht.



Am Anfang überwiegt noch ein wenig Schlaumeier-Überheblichkeit bei den Fans auf Süd: "E Einsnull langt. Einsnull heimschuuffle un arschlecke." Und: "Ou, de Buplääh! Ha ja, sicher." Buplääh betont auf der ersten Silbe, gemeint ist der Freiburger Torwart. Der bald hinter sich greifen muss:
Eine scharfe Flanke des sehr agilen Baljak köpft Bancé aus fünf Metern ein. Pouplin und Toprak sehen dabei in der Mitte nicht allzu glücklich aus. 13. Minute: 0-1. Chancenauswertung Mainz: 100 %.

Das erschwert die ohnehin schon nicht leichte Aufgabe noch mehr. Die Gäste hatten sich sowieso nicht vorgenommen, das Spiel selbst zu gestalten, mit der Führung im Rücken stehen sie jetzt aber noch tiefer. Wie Dutt später in der Pressekonferenz sagt: "Mainz stand nach der Führung zurecht mit zehn Mann hinten drin."



Trotzdem stellt sich der Sportclub ganz geschickt an: Immer wieder werden über viele Stationen Lücken gesucht, ohne die eigene Deckung zu entblößen. Resultat dieser ansehnlichen Bemühungen sind eine Vielzahl ordentlicher Gelegenheiten: 18. Minute: Ein Mainzer Abwehrspieler wirft sich in Idrissous Linksschuss, drei Minuten später scheitert Toprak nach Glockners Freistoß.



Dann Minute 42: TOOOR!! Was? NEIN! Abdessadkis Kopfball liegt bereits in den Maschen, doch der Unparteiische versagt dem Treffer die Gültigkeit: Wohl hat er ein Foulspiel von Mohamadou Idrissou gesehen. Ob er damit richtig liegt, ist aus einmaliger Betrachtung nicht zu entscheiden und das stadioninterne sogenannte Highlight TV beschränkt sich auf die Darbietung des Gästetreffers.

Am Ende der ersten Hälfte steht ein feldüberlegener Sportclub, langsam unter die nassen Klamotten kriechende 5,7 Grad Celsius, ein beschlagenes Kameradisplay und ein auch durch Unterlegen aller auffindbaren Stadionzeitungen (Überschrift: "SC-Flugplan gegen Mainz: Dreier landen") nicht zu verhindernder kalter Hosenboden. Kaffee und Glühwein in bald willkürlicher Mixtur helfen da auch nur bedingt.



"Ja, Mainz steht gut." Das sagt Annette Lösle (rechts im Bild) in der Halbzeit leidlich anerkennend. Lösle, 41, ist die gute Seele der SC-Geschäftstelle. Seit 1993 verkauft sie dort Karten für alle Kategorien. Sie selbst sitzt am liebsten auf Süd, hoch oben. "Ich finde, hier hat man die beste Sicht. Ich schaue mir die Spiele auch gern aus der Torwart-Perspektive an", sagt sie. Und, war Stocker schon da? "Der ist schon wieder heim. Der geht immer kurz vor Anpfiff. Jetzt sitzt er vorm Videotext." Und Finke? "Ich hab ihn im Stadion nicht mehr gesehen, seit er weg ist", sagt Lösle. "Aber er wohnt noch in Freiburg."

Wahrscheinlich hockt er in irgendeiner verqualmten Kaschemme an der Kartäuserstraße und zieht sich das Spiel auf nem Schwarzweißfernseher rein, während er sich eine Selbstgedrehte nach der anderen reinjagt. Aber das ist nur eine böswillige Vermutung eines Fans, den wir hier lieber nicht namentlich nennen.



Viele von den älteren Anhängern auf Süd, die mit den Schirmmützen, sind sowieso ein wenig zynisch bis wortkarg: Und, wie finden Sie das Spiel bis jetzt? "Schlecht." Wo haperts? "Weiß net." Eloquenter sind lustigerweise diejenigen, die gar nicht da sein dürften: "Wissen Sie, eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein. Bänderriss, bin krankgeschrieben." Trotzdem hat der Lederjacken-Mann, der auch ein Dufner-Double sein könnte, durchaus Recht mit seiner Halbzeitanalyse: "Der Glockner hat ja wohl Schlaftabletten geschluckt. Der muss raus. Türker rein."



So sei es: Mit Suat Türker für Glockner und frischem Schwung kommen die Hausherren aus den Katakomben.

Doch die erste Chance gehört den Gästen. Feulner wurstelt sich an den Außenlinie gegen zwei Breisgauer durch, seine Flanke köpft wiederum Bancé neben den Kasten.

Drei Minuten später eine möglicherweise elfmeterwürdige Situation, als der Mainzer van der Heyden Idrissou ziemlich grob am Einschuss hindert: Türker hatte schön aufgelegt. Dann Minute 62: TOOOR!! Was? NEIN! Wieder liegt das Leder im Netz, wieder ist Kinhöfer sofort zur Stelle, um das jubelnde Spielerknäuel zu entwirren: Handspiel Idrissou, Gelbe Karte.



Dies veranlasst die Massen dazu, den Rheinhessen lautstark mitzuteilen, dass sie ohne Schiri keine Chance hätten. Dann sorgt Butscher mit einem wuchtigen Kopfstoß gleich wieder für Furore, doch Wache lenkt diesen gerade noch über die Latte. Die Gäste wackeln jetzt gehörig und können sich in dieser Phase nur noch mit planlosen Befreiungsschlägen behelfen. Wann fällt endlich der Ausgleich?

Dann wieder einer dieser nadelstichartigen Gästekonter: Baljak, neben Bancé auffälligster Mainzer, scheitert aber aus kurzer Distanz am rechten Fuß Pouplins. Durchatmen und anfeuern.

Die letzten zehn Minuten haben es in sich. Die Chancen fallen mitsamt dem Dauerregen vom Himmel. 81. Minute: Idrissou nach Flanke von Abdessadki über den Kasten. 82.: Pouplin lenkt einen Schuss von Bancé zur Ecke. 85: Türker steht in bester Position vor Dimo Wache, verzieht aber unglücklich.

87.: nach Ballverlust von Schwaab taucht wiederum Bancé vor Freiburgs Nummer 1 auf, wieder bleibt Pouplin Sieger.

89. Tommy Bechmann zieht auf Linksaußen davon, seine Hereingabe wird abgefälscht und wird so zur mehrfachen Einschusschance. Jäger aber überhört das zehntausendfach verzweifelte „Schiiieeeeeß!“ seines Anhangs und entscheidet sich für ein leichtfüßiges Dribbling, das ihn freilich immer weiter vom Tor wegtreibt. Seine Rückgabe donnert Abdessadki mit Links auf das heute schon mehrfach malträtierte Rothaus-Schild der Südtribüne.



Angesichts dieser aufwühlenden Endphase fällt ein sachliches Fazit umso schwerer: Nüchtern betrachtet ist es Jörn Andersen zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres gelungen, mit einer guten taktischen Marschrichtung drei Punkte aus dem Breisgau zu entführen. Während jedoch seinerzeit gegen Offenbach, wie fudder urteilte, die Aufstiegschancen durch Trägheit verspielt wurden, bot der Sportclub nun eine beherzte und engagierte Leistung in allen Mannschaftsteilen, die durchaus mindestens einen Punkt verdient gehabt hätte.



"Diese Niederlage tut natürlich weh", so Dutt, der aber im gleichen Atemzug feststellte: "Ich habe bei uns aber auch viele positive Dinge gesehen, die wir in den kommenden Partien brauchen werden. An der Leistung unserer Mannschaft kann ich heute wenig aussetzen."

Ihr Spieler im Müllmanndress, wir sehen uns am 27. Januar, 20.30 Uhr im DFB-Achtelfinale zur Revanche. Bis dahin lauschen wir in ermatteter Melancholie dem geduldigen Dauerregen, der schon seit anderthalb Tagen die Dreisam anschwillen lässt.