SC Freiburg: Stimmungen auf Nord

David Weigend

19.000 Zuschauer haben heute Abend im Dreisamstadion eine pomadige Vorstellung des SC Freiburg gesehen, der mit 0:1 gegen Nürnberg verlor. Wir haben uns vor und während des Spiels mit den Fans auf der Nordtribüne über ihre Befindlichkeiten unterhalten. Klar wurde dabei vor allem eines: Jeder hat eine ganz andere Meinung.



Tobias, Dauerkartenbesitzer

"Ich finde es gut, dass wieder mehr Leute ins Stadion kommen. Es wäre natürlich toll, wenn die schon bei den vergangenen Spielen am Freitagabend gekommen wären, gegen Osnabrück zum Beispiel. Aber so sind die Freiburger nicht. Sondern eher Eventfans.

Nervig sind die Stadion-Touristen, wenn man zehn Minuten später als sonst ins Stadion kommt und der Platz, auf dem man seit Jahren steht, von einem dieser Eventbesucher belagert ist.

Aber in der Regel klappt das dann trotzdem irgendwie mit dem Stammplatz. Bleibt abzuwarten, ob die Zuschauer - Fans kann man sie ja nicht nennen - dann auch mitsingen. Solange sie nicht stumm auf den Plätzen stehen oder gar anfangen, die eigene Mannschaft auszupfeifen, freue ich mich über jeden, der kommt. Abgesehen davon geht es hier um viel Geld, das der Verein natürlich braucht.



Dass diese Saison insgesamt weniger Leute ins Stadion kommen, ist eine Entwicklung, die man in einer längeren Zeitspanne einordnen muss. Der SCF ist Normalität geworden. Es herrscht keine Euphorie. Man hat ja alles schon erlebt. Selbst ein Aufstieg dieses Jahr würde keine große Euphorie mehr auslösen. Da müsste schon viel mehr passieren.

Man müsste konstant in der ersten Liga spielen, um ein größeres Stammpublikum an sich zu binden. Ich würde sagen, dass der SCF zirka 8000 Leute hat, die regelmäßig ins Stadion gehen. Der Rest sind Eventfans. Schlechtes Wetter, Monatsende und gerade kein Geld da, Konjunkturkrise - all das sind Faktoren, die einen in die Kneipe locken, unter dem Motto: "Auf Premiere lässt sich entspannter schauen." Da geht man halt nicht zum SC.



Ich habe auch schon die These gehört, dass viele nicht mehr ins Stadion kommen, weil Finke nicht mehr da sei. Das glaube ich aber nicht. Eventuell haben wirklich 500 Leute nach dieser ganzen Geschichte dem Verein den Rücken gekehrt. Aber ich kenne auch Leute, die das Finksche System leid waren und erst jetzt wieder ins Stadion gehen. Das dürfte sich ungefähr die Waage halten.

Das Stadion wird definitiv wieder voller. Das stört mich nicht, solange ich meine Karte habe."



Ein Krozinger Tifosi

"Ich empfinde es als störend und nervig, wenn plötzlich, als wahrscheinlicher Erstligist, alle Sportclub-Fans sind, und zuvor hat man sie Jahre nicht mehr gesehen. Das ist für mich nicht nachvollziehbar und enttäuschend. Diese Leute nehmen den echten SC-Fans dauernd die Plätze weg, kennen teilweise nicht mal die eigene Mannschaft und drängeln sich auf einmal wieder ins Stadion. Das ist doch für die erste Liga eh zu klein!

Mit diesen Möchtegern-Pseudofans kann ich nichts anfangen.

Es ist zwar wirklich etwas zu wenig Publikum im Stadion, zumindest für die Leistung der letzten Spiele, aber das würde sich schnellstens ändern im Falle des Aufstiegs.

Viele der selbst ernannten Fans haben einfach keinen Bock, ins Stadion zu gehen, wenn Ahlen, Augsburg oder Oberhausen kommt. Bei Kaiserslautern ist das was anderes. Zudem ist es das letzte Heimspiel, wo es hoffentlich was zu feiern gibt."



Franky, Finkesympathisant

"Leider sind die Zuschauerzahlen hier im Durchschnitt wirklich sehr gering im Gegensatz zu anderen Vereinen, die keinen so guten Fußball zeigen wie der SC. Angefangen hat es damit, dass sich die SC-Verantwortlichen Stocker, Keller und Breit mit einer erbärmlichen Vorstellung von Volker Finke trennten. Ab da gab es, wie viele wissen, einen großen Bruch. Seitdem habe ich übrigens auch keine Dauerkarte mehr.

Natürlich wohnen wir auch in einer Studentenstadt, in der es leider keine so große Fankultur gibt wie zum Beispiel in Aachen. Wenn man dann noch mehrere Jahre zweitklassig spielt, bleiben die Zuschauer eben aus.

Einen großen Anteil am Zuschauerschwund haben auch die Anstoßzeiten. Nehmen wir den verhassten Freitag. Wie sollen die Fans aus dem Umland pünktlich zum Anpfiff ins Stadion gelangen?

Man ist voll berufstätig und hat um 17 Uhr Feierabend, muss oder sollte noch nach Hause, um was zu essen, dann duschen, Kinder versorgen und so weiter. Da ist es doch klar, dass man nicht mehr die Muße hat, ins Stadion zu gehen.



Dass das Spiel gegen den FCK jetzt schon ausverkauft ist, war mir klar. Da kommen wieder die Sonntagsfans und wollen sich die eventuelle Meisterfeier nicht entgehen lassen.

Leider ist dies in Freiburg schon immer so gewesen: wenn es nicht läuft, bleiben die Zuschauer aus. Ich als echter Fan bin einerseits froh, dass es ausverkauft ist, denn dann kommt wieder Geld in die Kasse und die Stimmung ist dadurch viel besser.

Andererseits können die mir auch gestohlen bleiben, denn dann muss man wieder zwei Stunden vorher kommen, um seinen jahrelangen Stammplatz zu bekommen. Aber am Ende ist es so, dass mir diese Modefans eher auf die Nerven gehen und zu Hause bleiben können. Sollen die doch zum EHC, mal sehen, wie sie dort aufgenommen werden."



Timo, Megaphongegner

Die Wilden Jungs sind für mich Witzfiguren. Was die machen, ist langweilig. Aber sie bilden sich da sonst was drauf ein. Manche finden das cool. Was kann man an denen toll finden, frage ich mich da. Die führen sich halt auf wie der Chef auf der Tribüne. Unglaublich. Es zwingt die doch keiner, ihr ganzes Taschengeld für den SC auszugeben.

Nicht mal in Frankfurt war Freiburg lauter. Und eigentlich kommen ja nur die Hardcorefans mit zu den Auswärtsfahrten.

Die Stimmung auf Nord war früher besser. Es waren zwar weniger da vor dem Ausbau der Nordtribüne, aber die Stimmung war viel besser.

Die NBU, das sind richtige Fans. Das sind auch richtige Ultras im Gegensatz zu den Witzfiguren da. Dem einen da, der sich Anführer nennt, den ziehst du am Ohr und dann heult der. Richtig Fan sein, das bedeutet: richtig abgehen auf der Tribüne, Stimmung machen, nicht so lächerlich.

Und wenn der SC scheiße spielt, kann man ruhig auch mal pfeifen. Aber die jubeln ja alles hoch. Du siehst es ja anderen Vereinen: wenn es da mal nicht läuft, kommen die Fans trotzdem, aber die lassen sich auch was einfallen."



Der Einheitlichkeitskritiker

Es geht vielmehr um die Frage, warum so viele der alten Fans weggeblieben sind. Die Modefans sind doch jetzt im Stadion. Und Mode ist gerade, ultra zu sein. Frag doch mal andere, warum sie nicht mehr kommen. Die Sambagruppen sind ja vertrieben worden, wurden angefeindet. Man muss die nicht gut finden, aber sowas geht zu weit.

Gegen Mainz waren viele da, die in letzter Zeit weniger kommen. Die waren geschockt von dem, was auf Nord abgeht. Diese Vorsängermentalität, die unter anderem darin in Rufen gipfelt wie „Macht sie platt, schießt sie aus der Stadt“ oder auch heute wieder "Nürnberger Arschlöcher".

Vorher gab es eine Art Kodex: der Capo kriegt nur dann den Lautsprecher, wenn er den Gegner nicht diskreditiert. Es ist doch peinlich, was die da als anstimmen.

Und immer dasselbe. Vielen Fans hängt das zum Hals raus: ob du jetzt nach Köln gehst oder nach Frankfurt, nach Duisburg oder nach Rostock. Dieselben Lieder, dieselben Sprüche.



Was ist überhaupt ein Modefan? Was ist gegen einen einzuwenden, der den SC sehen will, wie er in der Bundesliga spielt, und dafür von Hausach im Kinzigtal oder von Offenburg aus anreist? Modisch beim SC sind die Gesellen auf Nord mit ihrer Einheitsmode. Die sehen doch alle gleich aus.

Der Witz ist ja: ob du jetzt Frankfurtfan bist oder Sankt Paulifan oder Kölnfan. Diese Fraktionen sehen überall gleich aus. Du kannst gar nicht erkennen, was für Fans das sind, weil sie alle gleich aussehen.

Nach dem Spiel in jedem Stadion dasselbe Zeremoniell. Die Mannschaft geht zur Kurve, dann klatscht man ein wenig, dann wird einer vorgerufen, dann gibt’s das Humbalied. Spiel für Spiel, ein Einheitsbrei. Die Stadionsprecher sagen das Gleiche. Die hüpfenden Fans, die beim Tor des Monats eingeblendet werden. Wo ist da die Identität des Vereins? Keine Ahnung.

Wenn die das machen möchten, sollen sie es machen. Aber dann sollen sie auch ihren elitären Anspruch ein wenig zurückschrauben. Und nicht denken: das, was die machen, ist das einzig Wahre."



Marius, Wilder Junge

"Leider hat sich die BZ etwas leichtsinnig über uns Ultras Freiburg in der Vergangenheit geäußert und berichtet. Jüngstes Beispiel ist derArtikel zum Stimmungsboykott vom 9. November 2008 (von Michael Dörfler, Anm. d. Red).

Aus diesen Gründen wurde von uns Ultras Freiburg eine Grundsatzentscheidung getroffen und wir werden keine Interviews oder Beiträge an die BZ (da schließen wir Euch ein) geben. Zwar finde ich es gut, dass ihr mit Meinungen der Fans an dieses Thema herangeht und uns speziell nochmal fragt, doch werden wir auch in diesem Fall auf die oben genannte Entscheidung zurückgreifen."