SC Freiburg: Realitätsverlust als Bewusstseinserweiterung

Veit Cornelis

Aus. Ende. Vorbei. Gestern verlor der SC Freiburg 0:2 gegen Sevilla FC verloren und ist damit aus der Europa-League ausgeschieden. fudder-Autor und Fußball-Essayist Veit Cornelis hat für uns aufgeschrieben, wie er den Abend erlebt hat und welche Lehre er daraus zieht.



„Trauere nicht. Was Dir in einer Form genommen, wächst Dir in anderer wieder zu“ (Dschalal ad-Din ar-Rumi, persischer Philosoph, 1207–1273)


Es ist schon ein bisschen Europapokalstimmung aufgekommen. Gestern. Stadion an der Dreisam. Knapp 15.000 Seelen verirren sich durch die Nebelbänke auf ihre Plätze. Wir halten Glitzerpapier hoch, als die Mannschaften einlaufen. Einen kurzen Moment frage ich mich, warum die Melodie der Champions-League-Hymne ergreifend ist und das Europa-League-Ding, irgendwie ... mal an der Musikhochschule nachfragen. Interpretation von Hymnen. Wird sicher irgendeine Arbeit darüber geben. Vergessen.

Halte wieder mein Glitzerpapier hoch. Glitzer, Glitzer. Ein Hauch Europapokalstimmung. Kann das klappen? Anpfiff. Geht los. Letztes Spiel international? Wie war das im  Sommer: den vielen Stuttgart-, Mainz-, Bremensympathisanten bin ich an dieser Stelle ein Entschuldigung schuldig. Ich habe das nicht so gemeint, dass Freiburg das Beste ist, was der Liga passieren kann und wir auf jeden Fall diesen Pokal holen. Und wer will, darf mich begleiten nach Turin zum Finale und überhaupt ... klassischer, sommerlicher Realitätsverlust, formuliert in Flip-Flops und kurzer Hose.

Mit genau zwei Paar Socken übereinander, drei Shirts plus Pulli und einer gefütterten Winterjacke sitze ich nach 90 Minuten gestern auf der Tribüne und friere. Die Romantik des Nebels ist verflogen. Nebel ist jetzt böse. Im Hitchcock-Style fegt er an den Flutlichtmasten vorbei. Fehlen eigentlich nur die Vögel, die den Untergang ankündigen.



Etwa 23 Uhr. Es ist amtlich: Es war das letzte Spiel auf internationaler Bühne. Was werde ich morgen zu hören kriegen. Neben den mitleidigen „war doch schön mal ein bisschen zu schnuppern, oder?“, hin zu „Stuttgart ist halt einfach doch besser“, zu „Freiburg ... wollen halt auch mal ...“, solch eine Mitteilung wird von meinem Hirn gar nicht aufgenommen. Und dann natürlich das Schlimmste: „Was war gestern eigentlich in der Stadt los - so viel Polizei und Menschen ... wegen Weihnachtsmarkt oder was!?“ - vermutlich hätte die Gründung eines Geburtshauses in der Wiehre mehr Anhänger gefunden.

Vielleicht ist diese Stadt auch einfach nicht geschaffen für internationalen Fußball. Die Leidenschaft der letzten Saison hat sich nicht so richtig übertragen, das Virus „Europa-League“ hat eine Epidemie in Frankfurt ausgelöst. In Freiburg hat man einfach nur Schnupfen.

Ich hatte zuviel geträumt

Ankunft zuhause. Sitze weiterhin mit meinen zwei Paar Socken, drei Shirts plus Pulli und gefütterter Winterjacke auf dem Sofa, das mich warm empfängt und dennoch keinen richtigen Trost spenden kann. Ich hatte zuviel geträumt. Im Sommer und vor diesem Spiel. Finale war ja gar kein Thema mehr. Dazu bin ich die letzten Wochen in der Realität gewesen und habe keinen Zugang zur Welt der Bewusstseinserweiterung. Weder Drogen noch Meditation könnten mich vor der derzeitigen Lage beschützen.

Aus meiner Jackentasche krame ich die Heimspiel heraus und begebe mich noch einmal in die Welt der Träume. Hätte ich gerne mal meinen Enkeln gezeigt. Voller Stolz. Die hätten vermutlich nur über den alten Sack gelacht und nach 28 Champions-League-Siegen für Bayern München sich wieder auf ihr digitales Panini-Album konzentriert, in dem der SCF keine Rolle spielt. Ich aber hätte da sitzen können, der Versuch der Erinnerung, während die Demenz auf dem Marsch zu mir ist. Kann mich also gar nicht mehr genau daran erinnern, hätte ich gedacht, 2013 - das ist lange her.

Sevilla, Freiburg ... ach ja, ich erinnere mich; starre auf die Heimspiel ... Ein Herzinfarkt tut gar nicht so weh, wenn die Saison am Ende noch gut ausgeht ...

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[Bilder: dpa]