SC Freiburg: Mer lasse die Angst in Kölle

David Weigend

"Hoch Tief" mit Dreisam Magics, Pogo im Gästeblock, die härtesten sechs Minuten der Welt und schließlich die erlösende "Raupe Nimmerunten" sowie Glückwünsche von Manuel Andrack: Hier kommt der SC-Klassenerhalt-Partyreport aus dem Rheinland. Danke, SCF, für diesen unvergesslichen Nachmittag!



Am Freitag, den 30. April 2010, um 15.45 Uhr stehen die beiden Freunde Yassine Abdessadki und Jonathan Jäger (hier nicht im Bild) in ihren Mannschaftssakos vor der großen Anzeigetafel des Freiburger Hauptbahnhofs. Sie warten auf den Zug, der sie und die Mannschaftskameraden nach Köln bringen wird, zu dem Ort also, an dem sich in 24 Stunden entscheidet, ob man dann mal oben bleibt oder gleich mal weiterzittert.


Entspannt sehen Yacine und Jonathan nicht aus. Während Sunnyboy Felix Bastians wie ein mondäner Geschäftsmann wirkt, kommen Yacine und Jonathan rüber wie zwei griechische Unterhändler, die zu abenteuerlichen Kreditverhandlungen ins Rheinische reisen.



Einen Tag später ist die Stimmung unter den Sportclubfans vor Anpfiff ähnlich angespannt. Wir Rot-Schwarz-Beschalten sitzen auf der weitläufigen Rasenfläche vorm Müngersdorferstadion und unterhalten uns bei einem ersten Kölsch über die befremdlichen Wahlplakate der Bürgerbewegung Pro Köln, die nach Schweizer SVP-Vorbild versucht, mit einer durchgestrichenen Moschee Stimmen für die anstehende Landtagswahl zu fangen. Als uns dann noch eine Handvoll Kölnfans mit aggressiver Körpersprache beäugt, merken wir, dass die Fanfreundschaft unserer Wilden Jungs mit den Aachenanhängern in Müngersdorf offenbar nicht besonders gern gesehen wird.



Doch wie sich zeigen wird, handelt es sich bei diesen Streitsuchern um eine Ausnahme. Bald schon hellt sich die Stimmung auf. Man trifft viele bekannte Gesichter, spielt mit Gundelfinger Dreisam Magics „Hoch Tief“, macht Erinnerungsfotos mit Schlumpf-FC-Fans und witzelt über rheinische Paris Hiltons, die ihre neuen Sonnenbrillen trotz Bewölkung der Umwelt präsentieren.



„Bildunterschrift: FC-Spielerfrauen zweite Mannschaft, wir nehmen auch Drachmen“, textet SC-Fan Börny, der aus dem Pott angereist ist und sich unterwegs mit Herthafans herumschlagen musste, deren Garderobe nicht über Pullis mit dem Aufdruck „Sektion Stadionverbot“ in Runenschrift hinausging.

Nach einigen weiteren High-Fives mit Knaddly-Kollegen stehen wir im Gästeblock auf Nord. Die Party geht los. In der neunten Minute erscheint in Form von 0:1-Torschütze Zoran Tosic allerdings ein ungebetener Partygast, dessen Anwesenheit einfach ignoriert wird. Der Kölner an sich ist schon mit wenig zufrieden: Nach dem Führungstor lässt er sich zu La-Ola-Wellen hinreißen.

Viele Freiburger Fans schauen lieber auf das hübsche Dutt-Plakat ("The SpeCial One") oder den mitgebrachten Zeitungsausschnitt, der in der Art einer Mathe-LK-Aufgabenstellung die Bedingungen definiert, unter denen der SC Freiburg erstklassig bleibt.



Jener Papierausriss wird in der 31. Minute als Freudenkonfetti in die Luft geschleudert. Idrissou hält den Sportclub durch seinen Ausgleich im Spiel. Die Fans tun alles, was in ihren Kräften steht, um den SC anzufeuern. Das Lied, das einem noch bis spät in die Nacht als fieser Ohrwurm hängenbleiben wird, ist „Sport Club Freiburg Super SCF“ in der Melodie von Gigi D’Agostinos „L’amour toujours“.

Genau jene Liebe ist es, die den Gästeblock überschwemmt, als Idrissou in der 57. Minute den Führungstreffer erzielt. Allen SC-Fans geht das Herz auf, man möchte weinen vor Glück und wenn die „menschgewordene Erdnuss Johannes B. Kerner“ (Kurt Kister) für eine Inside-SC-Reportage im Gästeblock anwesend wäre, man würde selbst diese umarmen.

 



Gerade, als wir mitten durch den Block eine Gasse bilden für einen zünftigen Pogo, fällt der Ausgleich durch Freis. Wie ein fieser, kleiner Leberhaken. Jetzt heißt es noch mal: sechs Minuten Zittern und Durchhalten. Der Blick auf die Anzeigentafel bestätigt, dass aufgrund der Niederlagen von Bochum und Nürnberg ein Punkt reichen würde. Die letzten sechs Minuten ziehen sich wie der Anstieg zum Schauinsland. Doch mit dem Schlusspfiff ist der Gipfel erreicht. Man steht ganz oben und der Druck fällt ab. Klassenerhalt!

Spieler, Trainer und Angestellte des Sportclubs laufen jubelnd zum Gästeblock. Jäger und Abdessadki: ihre Gesichter sprechen eine ganz andere Sprache als noch vor 24 Stunden, die frischbedruckten Obenbleibershirts stehen ihnen deutlich besser als die Sakkos.



„Achim Stocker für immer und ewig“, skandieren die SC-Fans, die hernach „die Raupe sehn“ wollen. Tatsächlich formieren sich die Spieler zu einer Raupe Nimmerunten. Ein unvergesslicher Nachmittag.

Wir lassen es uns nicht nehmen, noch ein wenig mit befreundeten Kölner Fans weiterzufeiern. Von denen kriegen wir erstmal einen Geißbock-Anstecker an die SCF-Shirts gepinnt, wir revanchieren uns mit White Rabbit-Buttons.



Dann gehen wir in den „Treffer“, einer Art Schwarzwaldblick für FC-Fans, direkt neben der Nordtribüne. Dort spielt die Band „5 vor 12“, es gibt Kölsch für einen Euro. Der Sound ist nicht gerade unserer (wir hätten uns BAP in 81er-Originalbesetzung mit "Ne schöne Jrooss" gewünscht), aber an solchen Tagen ist man nicht wählerisch.



Hier tummeln sich die FC-Fans mit Herz, unter ihnen auch Ex-Harald-Schmidt Sidekick Manuel Andrack, der uns gleich zum Klassenerhalt gratuliert und ankündigt, zum nächsten Kölner Gastspiel im Dreisamstadion am Start zu sein: „Ihr seid ein super symphatischer Verein. Außerdem hat ein befreundeter Schauspieler von mir gerade am Freiburger Theater ein Engagement für drei Jahre bekommen.“

Wir feiern noch bis tief in die Nacht in den Kneipen der Kölner Innenstadt, mit uns eine trinkfeste Batterie kölscher Jungs und Mädels, die sich „to the heart“ mitfreuen. In dieser Nacht sind Geißbock und SC-Greif unzertrennliche Freunde.



PS: Wir hoffen, dass dieser symphatische SC-Fan, der mit dem Velo anreiste, inzwischen Wohlbehalten daheim angekommen ist.

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