SC Freiburg in München: 75 Minuten Hoffnung

Berti "Piercer" Vogts

75 Minuten saßen die rund 7000 nach München gereisten Fans des SC Freiburg hoffnungsvoll in der Arrog...Entschuldigung, Allianz-Arena. Denn der Rekordmeister zeigte sich am Samstagabend beim Spiel gegen den SCF in müder bis schlechter Verfassung, während der SC Druck machte. Was am Ende robbenbedingt egal war. Leider.



Der Weg nach München

Die Fahrt von Freiburg nach München ist 424 Kilometer lang: 424 Kilometer, auf denen ich und meine Mitreisenden Fankultur und SC-FCB-Fanfreundschaft zelebrieren.

Das mit der Fanfreundschaft ist jedoch dem Umstand geschuldet, dass der Bayern-Fan im Auto sowohl der minderjähriger Sohn als auch der Neffe der anderen Mitfahrenden ist. Wenn man also als der coole Onkel nicht zwingend durch Intoleranz die nach oben offene Coolness-Scala herunterrutschen und die harmonische Familienwochenendstimmung trüben will, toleriert man auch den rot-weißen Fanschal aus dem rechten Seitenfenster. Immerhin hängt aus dem linken Seitenfenster ein schwarz-roter Schal im Fahrtwind. Ein Zustand, der uns überholende Autofahrer mit bayerischen Kennzeichen, die beim Überholen freundlich zuwinken und ihre eigenen rot-weißen Fan-Utensilien schwenken, sichtlich verwirrt.

Ungefähr ab Augsburg summe ich zur Entspannung den Lederhosen-Song vor mich hin, um die Fassung zu waren, denn in München erwarten uns weitere Familienmitglieder, die - obwohl sie aus Baden stammen - ebenfalls Fans des FC Bayern sind. Und ja, ich hoffe - einigermaßen verzweifelt - auf einen Punktgewinn heute.

Das Stadion

Mein letztes Spiel in der Allianzarena datiert aus der vergangenen Saison von einem 2:0 Sieg des SC gegen 1860. Das Spiel - 2. Liga, erinnert ihr Euch noch? - fand an einem Sonntagmittag vor circa 21.000 Zuschauern statt.



Welch ein Kontrast es ist, an diesem Samstagabend in der von außen rot beleuchteten und innen Flutlicht durchleuchteten und mit 69.000 Menschen gefüllten Arena zu stehen. Ein Fantraum.

Stimmung und Ambiente

Undurchsichtig ist das System, mit dem die Gästefans auf die verschiedenen Ebenen der Nordkurve verteilt worden sind. So ist ein einheitlicher Fan-Support der rund 7000 (!) angereisten SC Fans nur schwert möglich. Sehr übersichtlich ist dafür der Blick aufs Spielfeld vom Oberrang knapp unterm Dach.



In den Genuss eines solchen Überblicks auf Spielsysteme und Spielzüge kam ich bisher nur einmal in meinem Leben, im Stadion Camp Nou im Ligaspiel FC Barcelona gegen Mallorca (Endstand übrigens 2:0 für Barca).



Getrübt wird die Stimmung etwas durch die - nunja - Stimmung, denn außer der Südkurve, dem  selbstdefinierten "Herz und Seele" des Vereins, scheint der Event – und Konsumcharakter von Fußballspielen in München unangenehm hoch zu sein.

Verpflegung & Getränke

Sehr ärgerlich für mich und die anderen mitgereisten Fans ist der Umstand, dass man zwar Plastikkärtchen zum Bezahlen mit Geldwert aufladen lassen kann (in der Arena ist keine Barzahlung möglich), die damit erworbenen Speisen und Getränke (nicht eben preisgünstig, übrigens) müssen allerdings in Windeseile in den Gängen konsumiert werden, denn in den Innenraum dürfen wir Zugereisten keine Speisen und Getränke mitnehmen. Immerhin sind die Ordner, die uns über diese Regelung informieren, extrem nett.

Das Spiel

Anpfiff. Nun beginnt er also endlich, der mit Bangen erwartete Tanz unserer Jungs beim glorreichen FC Bayern. Gebangt hat offensichtlich aber erstmal unser Team. Erst, nachdem das verblüffte Fanauge registriert, dass die Mannschaft des FC Bayern nach dem Champions League-Ausflug nach Florenz in dieser Woche gegen den vermeintlichen Abstiegskandidaten aus Freiburg sich nur schwerlich motiviert, legt auch unsere Elf so langsam den Respekt ab.

Der SC beginnt damit, aus einer stabilen Abwehr und einem für die aktuelle Situation aktivem Mittelfeld die ersten Nadelstiche zu setzen. Seit längerem gefällt mir Yacine Abdessadki mal wieder: er läuft viel und reibt sich auf, kämpft und setzt offensive Akzente. Auch Jäger und Schuster haben viel Zug zum Tor und überhaupt ist die Körpersprache des ganzen Teams eine völlig andere, als bei den vergangenen Heimspiele. Ich kann kaum glauben, dass mein heißgeliebter SC gerade das Spiel macht.



Auch Trainer Robin Dutt steht der Leistung der Mannschaft in nichts nach und verbringt das Spiel an der Außengrenze der Coachingzone, in ständigem Kontakt mit dem Team.

Nach einer halben Stunde setzt sich Jonathan Jäger auf links fein durch, der Ball wird nach hinten abgelegt und Cedrik Makiadi fasst sich ein Herz und drischt den Ball unter die Latte ins Tor! 0:1!



Der Jubel unter den Freiburger Fans ist grenzenlos; das Fünkchen Hoffnung schwillt zur heißen Erwartung einer kleinen Sensation an. Wobei das kleine Teufelchen - zumindest in meinem Hinterkopf - beständig sein Mantra herunterspult: "Der Gegner macht das Spiel und gewinnen tun die Bayern."

Mit kontrollierter Offensive unter untätiger Mithilfe der Bayern spielt sich der SC zuerst in die Halbzeit und dann über die 60. Minute hinaus, während auf der Anzeigentafel immer noch ein unglaubliches 0:1 zu sehen ist.



Ungläubig bestaune ich, wie sich Arjen Robben angesichts seiner eigenen Leistung und der seiner Mannschaft aufführt wie das HB-Männchen. Trotzdem gelingt es dem SC nicht, in dieser Phase das 2:0 nachzulegen.

Bayerntrainer Louis van Gaal wechselt Personal und Taktik - Pranjic raus, Timoschtschuk rein und van Buyten wird von defensiv auf offensiv umgestellt.  Und lässt so ab der 70. Minute die Schlussoffensive der Bayern auffahren. Wie eine Walze rollt ebendiese Offensive auf die Freiburger zu; mit enormen Druck auf Schlussmann Simon Pouplin, der Freiburg mit einer erstklassigen Leistung weiter im Spiel hält.



Trotzdem bedarf es eines unberechtigten Freistoßes - Heiko Butscher spielt unabsichtlich Hand - und der Extraklasse von Robben, um den Ausgleich zu erzielen. Zum ersten Mal während dieses Spiels toben die Fans des FC Bayern, während über die Stadionlautsprecher "Tulpen aus Amsterdam" erschallt.



In München länger als eine Viertelstunde auf "Ergebnis halten" zu spielen, ist immer gefährlich, aber der SC kommt nun kaum noch aus dem eigenen Strafraum heraus. Ausgerechnet Ivica Banovic, den der Trainer Minuten zuvor als Routinier zur Stabilisierung der Defensive einwechselte, steigt nun in der 83. Minute massiv gegen Müller ein und verursacht so, weil im eigenen Strafraum, einen dummen, aber berechtigten Foul-Elfmeter.

Einsatz: Arjen Robben. Ergebnis: 2:1. Und wieder dröhnen die Tulpen aus Amsterdam.



Fazit

Nach dem Verlassen des Stadions erwarten uns die farbenverirrten Familienmitglieder, die nicht in der Nordkurve saßen, mit mitfühlendem Schulterklopfen. Wir kontern es mit einem trotzig dahingeschmetterten "Wir feiern trotzdem, Ey-yo!". Heiser sind wir alle.

Ich bin auf dem Heimweg aber doch recht geknickt, weil ich außer dem eben erlebten Genickschuss die Ergebnisse von Hannover und Nürnberg erfahre. Da tröstet mich auch nicht der Fakt, dass uns ein Trupp behelmter Polizisten bis zu unserem Auto eskortiert. Wollen sie uns schützen oder können sie Gedanken lesen? Beim Einsteigen ins Auto höre ich noch mit einem Ohr über Funk: "Sie steigen jetzt in ihre Fahrzeuge, wir können wieder gehen." Ein irritierender Aufwand für unsere kleine Fangruppe, die sowohl SC- als auch FCB-Schals trägt, geschlechtergemischt ist und altersmäßig zwischen 17 und 70 Jahren liegt.

Ich schlafe spät ein in dieser Nacht. Als letzten Gedanken hege ich die Hoffnung, dass das Team die Energie aus diesem Spiel in die letzten verbleibenden Spiele mitnimmt, um doch noch einmal zu punkten. Ansonsten steht beim nächsten Ausflug nach München wieder ein trister Sonntagmittag gegen 1860 ins Haus.

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[Fan- & Stadionfotos: Caro; Spielfotos: dpa]