SC Freiburg in Frankfurt: Melancholie am Main

Clemens Geißler

"Hey, das geht ab! Freiburg steigt niemals ab, steigt niemals ab!", so der Refrain des neuen Lieblingshits unserer SC-Atzen. Die waren nach Abpfiff erstmal gut gefrustet. Deshalb spart sich Clemens die Analyse und richtet sein Augenmerk auf die Randerscheinungen des 1:2 in Frankfurt.



Leider währt die Führung auf der Anzeigentafel nicht mal bis zur Pause. Schon wieder wird der Sportclub bestraft für Unerfahrenheit oder - sagen wir es ruhig direkt - Dummheit! Der Stadionsprecher bläst gerade zur Nachspielszeit, als die Freiburger Innenverteidigung sich zum Entsetzen aller Badner dazu entscheidet, das eigene Abwehrzentrum für Altintop aufzumachen. Nicht mal mehr der verdiente Punkt! Und ehrlich: Wer ein echter Sportclubfan ist, will jetzt alles hören außer einer Analyse.


Deswegen nun alles - außer einer Analyse:

Beschränken wir uns auf die Szenerie abseits vom Spiel! Thema Stadionwurst. Statt der versprochenen Feuerwurst legt uns jemand mit dreckigen Fingernägeln einen halben Autoreifen zwischen die pappigen Wecken. Schmeckt zum Heulen! Und außerdem: Wir haben nur Ketchup benutzt, aber einen tüchtigen Stulpen Senf am Jackenärmel!



Auf der Rückfahrt mit der S8 nach Wiesbaden dasselbe Spiel: mit einem spontanen Hausmeister-Krause-Ausruf („Aaahh, de jooote alte Senf“ - alemannischer Dialekt vor lauter Niederlagen-Depression auch noch verlernt) kratzt ein Ortenauer in Sportclub-Zipfelmütze seinen Tschoben sauber und hält den Mostrich-Zeigefinger einem verirrten japanischen Flugreisenden ins Gesicht. Dieser rümpft angeekelt die Nase und lässt erschrocken seine Samsonite-Kombi auf die Zehen des Störenfrieds hinabrauschen. AUA!

Im Hintergrund erschallen von heißem Äpplwoi aufgeheizte, und von Strophe zu Strophe undeutlicher werdende Sprechchöre zum Thema „Frankfurt: Europapokal, Oropopokol!“ Ein einsamer SC-Fan skandiert mit wirbelnden Fäusten: „Hey, das geht ab! Freiburg steigt niemals ab, steigt niemals ab…“ Und auf einmal wird das wahr, was im Gästeblock nicht immer geklappt hat, denn: ,Und der ganze Zug (Block), der hüpft, ole ole! Und der ganze Zug (Block), der hüpft, ole ole!...’ Ein Lied, das Kult werden kann: „Hey, das geht ab! Freiburg steigt niemals ab, steigt niemals ab…“! Das würde auch Frankfurt-Frieder (Name frei erfunden) finden, der mit seiner Gitarre alte Eintracht-Lieder zum Besten gibt.



Anderthalb Stunden nach Spielschluss: Um frische Luft zu schnappen, sind wir einfach mal in Rüsselsheim ausgestiegen. Erste Kneipe dort: eine urige griechische Taverne namens „ Leonidas“. Hierhin schaffen es nur die ganz Harten: Der Wirt heißt Kosta (sprich: Koschda), kommt aus Kalamata und ist eingefleischter Olympiakos (oder wie er sagt „Biakos“) –Fan.



Zusätzlich zu seinem an sommerliche Urlaube erinnernden Akzent besticht er durch alle wichtigen Fähigkeiten: Auch in schwierigen Situationen behält er stets den Überblick und stellt, wann immer es ihm an der Zeit scheint, einige Gläser kristallklaren Ouzos in die Meute aus Alkohol- und Fastnachtsleichen. Wir sagen: „Koschda, Effcharisto!“ und bis demnächst mal wieder!

Melancholischer Schlussakkord: Sportclub, tröste dich! Du bist vielleicht zu grün für Liga Eins, aber du hast noch echte Fans: Sie hassen Kommerz und Schulden, tragen einfache Kleider und Sportclubschals und wohnen in Karlsruhe, Mannheim, Rüsselsheim, Darmstadt und ja, auch Frankfurt (alles Auskünfte aus dem Gästeblock). Sie fahren dir nach und sie werden immer da sein, egal wie schwer alles momentan aussieht.



Dass das nicht selbstverständlich ist, mag ein Eindruck vom Samstag zeigen: Die Rede ist vom SV Wehen, wo sechs (!) VFB-II-Fans mehr Stimmung gemacht haben als 2.000 Wehener (übrigens mit den Alt-Freiburgern Torge Hollmann und Suat Türker). Aber die Gäste haben halt auch nach vierzig Minuten schon 4-0 geführt. Das ist hoffentlich keine Ansage fürs Hertha-Spiel?! Am Sonntag werden wir’s wissen! Nie mehr Zweite Liga!