SC Freiburg in Dortmund: Viele Grüße aus dem Kühlschrank

David Weigend

Der SC Freiburg hat Borussia Dortmund zum 100-jährigen Vereinsbestehen ein recht unnötiges Dreipunktegeschenk gemacht. Ein eisiger Bericht aus dem Gästeblock im Westfalenstadion, das sich nach dem Abpfiff in eine Großraumdisse mit Lasershow und Disco Boys-Beschallung verwandelte.



„Meine Olle wünscht sich wat für umme Hals zu Weichnachten. Ich schenk`ihr n Stück Seife.“ Top-Statements wie diese hört man wohl nur im Pott, genauer, in der S-Bahn zwischen Wattenscheid und Dortmund. Wir drei Freiburgfans werden neugierig beäugt, noch ist man freundlich zu uns, findet es sogar „toll“, dass wir zur 100-Jahresfeier des BVB zu Gast sind. „Hömma, ich hoffe, ihr habt nicht unsere Fanfreundschaft vergessen“, sagt ein Schwarz-Gelb-Beschalter, bevor er die Zweiliter-Faxe aufknapst und wohlig nippt.


Im Dortmunder Hauptbahnhof, einem Gebäude, dessen Architekt es immerhin gelungen ist, sein Werk noch hässlicher zu gestalten als den Freiburger Karlsplatz, wird es verdammt eng. Die Fans werden nur stoßweise in den U-Bahnschacht gelassen. Es bildet sich ein drückender Haufen, die Wartezeit vertreiben sich die Dortmunder mit Schmähgesängen auf Schalke 04.

Eine halbe Stunde später stehen wir im Gästeblock des Borussia-
Gefrierfachs (Fotos: Borussia Dortmund - SC Freiburg) . Ein paar Zahlen: Minus 14 Grad, geschätzte 3500 SC-Fans, insgesamt 80.100 Zuschauer. Viele Anhänger sind seit 6 Uhr morgens unterwegs, haben die Schlitterpartie über A5 und A3 auf sich genommen. Nicht wenige haben die Nacht davor noch Party gemacht. Kater, Kilometer und Konterbiere. Das volle Programm vor Weihnachten, da gibt’s kein Vertun.

Allein schon wegen der gnadenlosen Kälte muss man brüllen, klatschen, singen, rumhüpfen. Die Tribüne ist steil. Auswärtsfeeling: Man steht wackelig mit seinen schneevermatschten Stiefeln auf den Klappsitzen, umarmt die Schultern der Nebenmänner rechts und links, bekennt lautstark seine Liebe zum SCF.

Dieser scheint die Anfeuerung seiner Anhänger zu hören, denn er ist in der ersten Halbzeit klar die bessere Mannschaft, bietet gefälligen Angriffsfußball, lässt sich von der beeindruckenden Südtribüne, jener schwarz-gelben Fanwand, nicht einschüchtern. Caligiuri und Banovic machen Druck, vorm Tor geht wieder mal nichts. Ein Fan im Nikolauskostüm analysiert: „Das ist doch so, wie wenn man jedes Mal ne Braut abschleppt und dann sagt man ihr im Bett: ,Sorry, aber ich will jetzt lieber pennen.’“



In der 19. Minute köpft Barrios mustergültig das unverdiente 1:0 für Dortmund. Pouplin ist machtlos und Sprüche wie „Den hätt’ ich noch mit der schlappen Eichel gestoppt“ fehl am Platze. Allerdings steht Barrios auch sträflich frei, Felix Bastians hat ihn kurz aus den Augen verloren. „Charly Schulz hätte diesen Ball gegessen und im gegnerischen Tor wieder ausgeschissen“, lässt sich ein ergrauter SC-Fan aus dem Hochschwarzwald vernehmen.

Danach kurze Aufregung bei uns im Gästeblock. Ein offenbar besoffener und leicht minderbemittelter Borusse klettert über die Absperrung und versucht, eine Schlägerei vom Zaun zu brechen. Er kassiert ein paar Schellen, wird von einem Ordner hinausgezerrt und steht als der gestörte Asi-Prol da, der er vermutlich auch ist.

Die zweite Halbzeit verläuft mau. Das Spiel holpert ohne nennenswerte Höhepunkte über den teils gefrorenen und mit einer Schneeschicht bedeckten Rasen. Auch diesen Platzverhältnissen ist das oft ungenaue Passspiel im Freiburger Mittelfeld geschuldet. Was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass Jonathan Jäger und Tommy Bechmann schon seit Wochen ihrer Form hinterherlaufen.



Fazit: Ein Punkt wäre aufgrund der starken ersten Halbzeit durchaus verdient gewesen. Und von dem angekündigten Spektakel „100 Jahre BVB“ hat man mehr erwartet. Klar, das Stadion ist an sich schon beeindruckend und ein Fußballtempel von Weltrang, aber die nur teilweise funktionierende Lasershow nach Abpfiff konnte im abgedunkelten Rund kaum ein SC-Herz erwärmen. Trotzige "Heja SCF-Rufe" angesichts der größenwahnsinnigen BVB-Selbstabfeierei. Zum Schluss gibt’s noch ne Wurst von den völlig verfrorenen („Wir stehn hier seit halb zwölf), aber immer noch freundlichen Damen mit der Bratzange. Ein Sieg auf Kohle wäre natürlich besser gewesen.

[Fotos: Bernard Décard]