SC Freiburg: Die Stunde der Loser

Clemens Geißler

Die Aufstiegshoffnung der SC-Fans, sie wurde gestern gleich in der ersten Halbzeit des Wehenspiels von einer völlig desolat auftretenden Freiburger Mannschaft im Keim erstickt. Auch wenn ein Sieg letztlich nichts genutzt hätte - einen verpfuschteren Saisonabschluss hätte man sich kaum vorstellen können.



Als Kind hatte Wolfgang Schäuble einen Traum: Sportreporter werden. Daraus ist nichts geworden, aber gestern darf er dennoch mal ans Mikro, denn er kommentiert das Sportclubspiel live aus dem Dreisamstadion für den Südwestfunk: Der Sportclub sei „erstaunlich, fast erschreckend schwach“ gestartet und habe schon am Anfang Glück gehabt, nicht in Rückstand geraten zu sein. Dafür, dass noch eine kleine Aufstiegschance bestanden habe, sei von den Freiburgern „zu wenig Offensivkraft“ gekommen. Hingegen hätten die Gäste sich sehr geschickt angestellt, einen „schlimmen Abwehrfehler“ zum Führungstor genutzt und den Platz verdient als Sieger verlassen.


Von dieser Analyse aus dem Ministerium des Inneren bekommen die Fans auf Nord freilich wenig mit. Sie entrollen lieber ihr "Stasi 2.0 Plakat" mit Schäubles Konterfei.



„Aufstiegstraum. Mit Euch macht träumen Spaß“ ist vor Beginn der Partie auf einem anderen Transparent in der Nordkurve zu lesen. Dumm nur, dass dieser Funke auf die Mannschaft erst gar nicht überspringt. Was die Dreisamkicker in der ersten Hälfte abliefern, ist mit pomadig, unpräzise und konzeptlos noch eher wohlwollend beschrieben.

Nicht nur, dass vorne überhaupt nichts zusammenläuft. Auch hinten herrscht zeitweise Konfusion. Nach 16 Minuten nutzt Nikolaos Nakas einen Tiefschlaf der Sportclub-Abwehr zum 0:1. Der Wehen-Reporter zwei Sitzplätze weiter reibt sich amüsiert die Hände: „Sein erstes Profitor“.



Es gibt Spiele, in denen ein Gegentor als Weckruf dient. Das gestrige ist kein solches. Die Breisgauer kicken wie auf Baldrian – als sei die Saison gelaufen und im Grunde alles egal. Man fühlt sich stark an den Auftritt gegen Offenbach erinnert. Natürlich wissen die Fans schon bald, dass Mainz und Hoffenheim führen, aber aufgrund von strikter Nachrichtensperre im Stadion ist dies den Profis höchstens gefühlsmäßig bekannt. Was sie zeigen, ist viel zu wenig und so ist genannter Traum eigentlich schon ausgeträumt, bevor er richtig begonnen hat.



Zumal die einzige Mannschaft mit Chancen die Gäste sind. In der 38. noch hämmert Dennis Schmidt den Ball über den Kasten. Zwei Minuten später dann bestaunen elf Freiburger aus höflicher Distanz, wie ein gewisser Kristjan Glibo eine flache Hereingabe acht Meter vor dem Tor gemütlich annimmt und zum 0:2 einschießt. Er hätte sogar noch die Zeit gehabt, Torhüter Langer per SMS zu informieren, in welche Ecke er zu schießen gedenkt. Tristesse und Regenwetter. Das Hohngejubel von Nord wird von der Haupttribüne mit Pfiffen quittiert.

In Hälfte zwei merkt man immerhin, dass sich die Mannschaft etwas vorgenommen hat. Sie spielt mit mehr Einsatz und baut phasenweise tatsächlich so etwas wie Druck auf: 48. Linksschuss Matmour am langen Winkel vorbei. 49. Masic pariert einen Günes-Freistoß. Kurz darauf noch eine Doppelchance, wieder ist es Matmour, der scheitert. 63. Gelungene Kombination zwischen Idrissou und Glockner, doch der Neuzugang aus Duisburg trifft das Tor nicht.



Fünf Minuten später wird dem Sportclub ein Elfmeter verwehrt. In der Mauer hatte Siegert einen Aogo-Freistoß mit der Hand geblockt, der schwache Schiedsrichter Kinhöfer aber den Tatort an die Strafraumgrenze verlegt. Insgesamt gefällt sich der neutrale Mann darin, sich im lockeren Trab und teilweise gar im Stile eines frühpensionierten Feiertagsausflüglers fortzubewegen. So steht er oft viel zu weit weg vom Geschehen und macht daher einige ärgerliche Fehler bei der Bewertung von Zweikämpfen.

Ihm entgeht auch, dass Matmour klar im Strafraum gehalten wird (73.), dafür spricht er bei einem sichtlich abgefälschten Schuss den Wehenern einen Abstoß zu (80.). Das ist jetzt sogar Gästeschlussmann Masic unangenehm und so legt er die Kugel eben selbst an die Eckfahne. Immerhin das Eckenverhältnis ist ein Erfolg: 13:3.

Dem Spielverlauf angemessen wäre eine schwere Sinfonie von Bruckner gewesen. Stattdessen fegt nach Spielschluss unerträglich fetziger Partysound aus den Boxen. Die Fans honorieren mit lautem Gesang und einigen Wellen die Saison-Leistung des Teams. Und am Ende ist es sogar Robin Dutt selbst, der – von den Massen wild gefordert – auf den Zaun steigt, das Megaphon greift und die altbekannte Zeremonie einleitet, die schon so viele Heimpartien dieser Spielzeit beschlossen hat: „Geeebt mir ein Haaaaaaa…“