SC Freiburg: Derby verloren, Achtung gewonnen

Clemens Geißler & David Weigend

Unter den Ditzinger Augen und der schweren Zunge Günther Oettingers hat der SC Freiburg das BW-Derby gegen den VfB Stuttgart mit 0:1 verloren. Die Leistungssteigerung im Vergleich zum Hamburgspiel war allerdings deutlich sichtbar. Butscher nach dem Spiel: "Wir müssen jetzt im Training diese Geilheit entwickeln, ein Tor zu machen."



Emotionen

Sie bleiben anfangs ziemlich hinter den Erwartungen zurück. Argwöhnisches gegenseitiges Beäugen von Spielern wie Fans. Beim Bierstand am Jahn mischen sich VFbler unter Badner, ein Stuttgarter räumt gar einen im Weg stehenden Bierkrug auf die Seite und erntet dafür vereinzeltes wohlwollendes Kopfnicken. Von Feindschaften rund ums Stadion jedenfalls keine Spur.
Dies ändert sich dann aber durch die Begrüßungsgesänge der Nordtribüne: Meistens werden die Landeshauptstädter verbal irgendwo zwischen Verdauungstrakt und Enddarmbereich lokalisiert.

Nach dem aberkannten Ausgleichstreffer durch Neuzugang Cissé wacht auch noch der letzte Sesselfurzer auf. Das ganze Stadion fühlt sich um den verdienten Ausgleich betrogen. Aber – wäre dieser auch verdient gewesen?



Steno I

Man kann die Frage auch ohne gelbrote Badnerbrille mit einem Ja beantworten, jedenfalls aus Sicht der zweiten Hälfte. Im ersten Durchgang nämlich ist das Übergewicht der Gäste klar ersichtlich. Sie sind lauffreudiger und damit auch kompakter und haben schon in den ersten 20 Minuten einige Gelegenheiten zu verzeichnen:

Zwei aussichtsreiche Versuche von Pogrebnyak (einmal Freistoß, einmal Abpraller aus kurzer Distanz) und mehrere Kopfbälle gelangen zum Gehäuse des Sportclub.

Die nächsten Minuten gehören dann aber den Einheimischen, doch Bastians nach einem schön vorgetragenen Angriff und Makiadi scheitern knapp, der erneut wendige Caligiuri kurz darauf schon etwas deutlicher.

Leider kommt es kurz vor dem wärmenden Pausenglühwein zu einem ziemlichen Tohuwabohu im Freiburger Strafraum. Nutznießer desselben und damit Schütze des goldenen Tores darf sich Ciprian Marica nennen. Bei beiden Fangruppen ist er nicht gerade der Liebling: In Stuttgart als überteuerter Chancentod verschrien, hat er auch bei den Sportclubfans kaum Kredite: Bereits in den Anfangsminuten sackte er in einem Allerweltszweikampf noch zusammen wie eine Wildsau mit Fangschuss, turnte aber kurz darauf wieder leichtfüßig wie ein junges Rehkitz über die saftige Weide am Dreisamufer.



Halbzeit

… bringt das übliche Fachgesimpel: „Vielleicht noch ä 1-1“ oder „Sie spiele besser als in Hamburg“ munkelt man mit Kaiserstühler Zungenschlag. Ansonsten sieht man Leute, die versuchen, vier Glühwein in einer Hand durch die Mengen zu balancieren. Sie haben schmerzverzerrte Gesichter, weil ihnen die heiße Plörre über die Hände läuft und sie blicken immer wieder vorwurfsvoll auf Personen, die ihnen im Weg rumstehen.

An den Getränkeständen werden die Trinkgefäße mit ganzer Hingabe gereinigt. Die Spülschwämme sind hart und schwarz, weitere Reinigungsmittel scheint es hier nicht zu geben und so erhält man, falls man nicht protestiert, das Getränk seiner Wahl noch mit dem Lippenfett des Vorgängers am Becherrand. Herpes royal!

Steno II

Jedenfalls kommt der Sportclub mit deutlich mehr Engagement aus der Pause, wenngleich die erste Chance gleich wieder den Schwaben gehört. Nach Hlebs Solo über links, nicht dem ersten zu diesem Zeitpunkt, kann Ömer Toprak schließlich auf der Linie klären.

Danach agiert etwa 20 Minuten nur noch der SCF. Wiederum ist es etwa der nach dem Wechsel sehr offensiv agierende Felix Bastians, der zweimal für erhebliche Gefahr sorgt.

Und irgendwann fällt dann auch der Ausgleich durch den Neuzugang vom FC Metz, Papiss Demba Cissé, der einen Flachschuss mit rechts überlegt im Tor unterbringt. Nach grenzenlosem Jubel zeigt einer aufs Feld. Oh, nein: Schiedsrichter Dr. Brych, über neunzig Minuten betrachtet mit einer sehr schwachen Leistung, hebt den Arm.



Was er gesehen hat, war Butscher, der im Abseits stand. Eine berechtigte Entscheidung, wie der SC-Kapitän im Nachhinein zugibt. Da der Zeitpunkt der Intervention allerdings sehr spät erfolgt, nämlich, als sich der Assistent bereits wieder auf dem Weg zur Mittellinie befindet, ist der Unmut auf Nord groß. Entsprechend wird Brych jetzt zum Buhmann der Massen. Es fallen die üblichen Verschwörungsgesänge von der Fußballmafia DFB und noch zahlreicher die Pfandbecher aufs Spielfeld.

Die verbleibenden Minuten und Bemühungen reichen nicht aus, um wenigstens noch zum Ausgleich zu kommen, so dass man mit gemischten Gefühlen das Stadion verlässt.



Fazit

Wieder keine Punkte, wieder keine Tore, dafür aber deutlich mehr Torchancen als zuletzt und eine klare Leistungssteigerung. Letzteres betrifft vor allem den kämpferischen Bereich, denn über weite Teile zeigte sich der Sportclub vor allem im Mittelfeld präsenter, enger an den Leuten und zum Teil auch besser organisiert.

Dazu ist ebenfalls hervorzuheben, dass man heute einige vielversprechende Debüts beziehungsweise Comebacks sehen durfte: Der völlig überraschend in der Startelf stehende Daniel Williams spielte solide, Pappis Demba Cissé zeigte seine technische Klasse und wenigstens in einer Situation auch seine Torgefahr und Ömer Toprak spielte, als sei er nie weggewesen: Stabil und zweikampfstark, wenn auch da und dort verständlicherweise noch etwas antrittsschwach.

Im ganzen war es eine klare Leistungssteigerung, die alle Freiburgfans hoffen lassen kann, dass es wieder aufwärts geht, wenn auch vielleicht nicht gleich in Leverkusen und gegen Schalke, so aber zumindest gegen die Gegner auf Augenhöhe.

Stimmen

Felix Bastians:
„Wir waren viel besser als gegen Hamburg. Wir haben eine engagierte Leistung gezeigt, die Zweikämpfe angenommen. Unser Auftreten war aggressiver, zielstrebiger. Leider sind keine Punkte dabei herausgekommen. Wir hatten genug Chancen. Irgendeine muss doch mal reingehen! Ich hatte eine Kopfballmöglichkeit, das war knapp. Caligiuri hatte ein, zwei Torchancen. Wir können auf dieser Leistung aufbauen. In der zweiten Halbzeit haben wir noch mal alles nach vorne geworfen. Wenn man 0:1 hinten liegt, muss man noch mal alles riskieren.“

Daniel Williams:
[Kallsruh meets Tupac Sprech]

„Dass ich heute spiele, habe ich gestern nach dem Training erfahren. Ein bisschen nervös war ich schon. Mein erster Einsatz bei den Profis war aber ganz in Ordnung, denke ich. Mir wäre es lieber gewesen, wenn wir drei Punkte geholt hätten. Gegen Alexander Hleb zu spielen, war schon was anderes als ein Gegenspieler aus der Regionalliga. Der hat bei Arsenal und Barcelona gespielt. Hleb hat Qualität. War ne schöne Erfahrung. Beim Gegentor habe ich den Einwurf n’ bisschen verpennt, da kam der Ball über mich drüber. War unglücklich. Hätte ich schneller reagieren müssen.“

Heiko Butscher:
„Jetzt wird’s eng, das ist uns bewusst. In Leverkusen werden wir nichts geschenkt bekommen. Aber sobald wir wieder ein Tor machen, wird der Knoten platzen. Denn wenn wir in Führung gehen, dann gewinnen wir meistens die Spiele. Wenn wir in Rückstand geraten, haben wir Probleme, das Spiel umzudrehen. Es fehlt uns gerade das Glück vorne im Abschluss. Die Kaltschnäuzigkeit. Wir müssen das im Training üben: Dass hier jeder die Geilheit entwickelt, ein Tor machen zu wollen. Dann schaffen wir das auch mal im Spiel. Wir haben das Potenzial. Ich weiß, dass wir mindestens drei Mannschaften hinter uns lassen können.“

Robin Dutt:
„Es war ein sehr intensives Spiel. Hut ab vor unserer jungen Mannschaft mit dem Durchschnittsalter von 23,5 Jahren. Alles Spieler übrigens, die auch nächstes Jahr bei uns unter Vertrag sind. Das gibt mir Hoffnung. Ja, der Beruf des Sportjournalisten ist ein sehr schöner. Aber müssen Sie unbedingt herausstellen, dass wir wieder kein Tor geschossen haben? Ja, das ist richtig. Aber ein bisschen Anspruch, ein bisschen mehr über den Tellerrandschauen und sehen, was hier von den jungen Spielen geleistet wird – und dann gleich mal eine positive Frage stellen und nicht nur von dem nicht geschossenen Tor sprechen. Für jeden ersichtlich. Dazu bedarf es glaube ich nicht der Frage.“

Die vom Aussterben bedrohte Art: SC UND Bayern Fan