SC Freiburg: Analyse der Saison 2009/2010

Clemens Geißler

Wenn man als Aufsteiger in der Liga bleibt, der Klassenerhalt bereits am vorletzten Spieltag feststeht, wenn man gar vier Mannschaften hinter sich lässt, dann hat man doch eigentlich alles richtig gemacht. Oder? Clemens analysiert die vergangene SC-Saison, deren wechselhafter Charakter so manchem Fan die Nerven raubte.



Erste Phase: Spieltag 1-15

Der Sportclub war ganz passabel aus den Startlöchern gekommen: Vor allem auf fremden Plätzen konnte man das ein oder andere Ausrufezeichen setzen, wie etwa das 1-0 auf Schalke am vierten Spieltag oder gar das 4-0 in der Hauptstadt wenige Wochen danach. Trotz einiger Heimdebakel (0-5 gegen Leverkusen, 0-6 gegen Bremen) rangierte der Sportclub ab dem sechsten Spieltag und bis zur Winterpause immer zwischen Rang 10 und 13. Eine ansehnliche Zwischenbilanz also.

Dann folgte die Durstrecke. Ob man diese im Nachhinein psychologisch begründen und etwa auf den Tod von Achim Stocker im November 2009 verweisen will – immerhin in Hannover hatte der Freitod von Robert Enke womöglich einen solchen Effekt – oder ob man die Ursachen anderswo verortet: Fakt ist eben, dass den Freiburgern für eine ziemlich lange Zeit ziemlich gar nichts gelang.



Zweite Phase: Spieltag 16-26

Die Zahlen sind ein reiner Alptraum: Vom 16. bis zum 26. Spieltag, will heißen in dem Saisondrittel von Mitte Dezember bis Mitte März, brachte es die Elf von Robin Dutt auf gerade mal drei Pünktchen, die in drei Remis erzittert wurden (gegen Köln und Schalke sowie in Mönchengladbach). Geschossene Tore während dieser Phase: fünf. Komplette Harmlosigkeit in der Offensive, gepaart mit Aussetzern in der Defensive. Dazu Ungeschicklichkeit und fehlende Cleverness wie etwa beim Gastspiel in Frankfurt, als man beim Stand von 1-1 auswärts in der Nachspielzeit zum 1-2 Endstand ausgekontert wurde.

Komischerweise konnte man sich trotz dieser Bilanz am Tabellenbild die längste Zeit noch halbwegs erfreuen, weil, was bis zum Schluss der Saison eine Konstante blieb, die Konkurrenz meist ebenso haarsträubend agierte. Sorgen musste man sich erst machen, als binnen 14 Tagen zwei sogenannte Sechs-Punkte-Heimspiele gegen die direkten Konkurrenten auch noch verloren wurden. Das eine (0-3 gegen die Hertha) kläglich, das andere (1-2 gegen Hannover) meinetwegen unglücklich, aber vor allem deswegen bezeichnend, weil die Gäste mit einer noch katastrophaleren Bilanz in den Breisgau gereist waren.



Die Niedersachsen hatten nämlich das Kunststück fertig gebracht, 13 Spiele in Serie nicht zu gewinnen, gerade zwei Unentschieden zu Wege gebracht und bei alledem 34 Gegentreffer kassiert. Aber die Elf von Mirko Slomka nahm den Dreier von der Dreisam mit und war damit wieder im Rennen um den Klassenerhalt, auch weil Pappis Cissé einen rabenschwarzen Tag erwischte, vorne so gut wie alles vergab und schließlich noch ein Eigentor köpfte.

Moniert, kritisiert und gelegentlich auch hinterfragt wurde in dieser Phase vieles und im Grunde das übliche: Das Team sei zu schwach, die Offensive zu harmlos, es mangele an Führungspersönlichkeiten, der Trainer habe kein Konzept, die Mannschaft nehme den Abstiegskampf nicht als solchen wahr und agiere zu brav und summa summarum der Verein als ganzer habe sich mit dem Abstieg bereits abgefunden.

Jedoch, und dies stellt sich in der Rückschau als entscheidend heraus: man hat an der Dreisam am bewährten Konzept der Langfristigkeit festgehalten, den Trainer entgegen üblicher Gepflogenheiten nicht entlassen und ansonsten das verlauten lassen, was zu dieser Zeit nicht viel besser klang als bloße Durchhalteparolen, nämlich den Glauben daran, die Klasse doch noch halten zu können.



Bayern-Spiel als Wendepunkt

Ähnlich wie es schon in der Aufstiegssaison nach einer kürzeren Durststrecke einen Wendepunkt gab, so kann man ihn auch für diese Spielzeit ausmachen. Beide Male endete das Spiel 2-1. Einmal – letztes Jahr – für Freiburg und in Mainz, wodurch die Tabellenführung gefestigt und kurz darauf die Meisterschaft gefeiert werden konnte. Das andere Mal – dieses Jahr – gegen München, und trotzdem hatte das Spiel Signalwirkung.

Man musste sich schon verwundert die Augen reiben, als man sah, wie die Breisgaukicker in der Allianz-Arena auftraten. Nach der beschriebenen Negativserie bot man dem späteren Deutschen Meister nicht nur die längste Zeit die Stirn, sondern spielte phasenweise auch besser, war gut organisiert, ballsicher und führte lange durch Makiadis Tor.

Erst ein unberechtigter Freistoß („Handspiel“ Butscher) und ein Elfmeter (beide Tore durch Arjen Robben) brachten die Bayern doch noch auf die Siegerstraße. Eigentlich musste man nach dieser unglücklich zustandegekommenen Niederlage als Sportclub-Fan jetzt davon ausgehen, dass nach dem sportlichen Knacks in Gestalt von Tabellenplatz 17 nun auch der psychische kommen würde. Doch zum Glück kam dann alles anders. Die bewährte 4-1-4-1 Taktik vom Bayern-Spiel wurde beibehalten und plötzlich holte man wieder die Punkte.



Letzte Phase: Spieltag 27-34

In der entscheidenden Saisonphase wollte plötzlich wieder alles gelingen. Der mit einem Heimfluch belastete Sportclub gewann vier von fünf Heimspielen, sowohl gegen namhafte Kontrahenten wie Wolfsburg oder Dortmund, als auch und fast noch wichtiger gegen den direkten Konkurrenten aus Nürnberg. Die Mannschaft ließ sich auch von Rückschlägen wie dem 1-1 zuhause gegen Bochum oder dem darauffolgenden 0-4 in Bremen nicht beeindrucken.

So gelang es, aus den letzten acht Partien 15 Zähler zu holen und bereits am vorletzten Spieltag in Köln den Ligaverbleib unter Dach und Fach zu bringen. Womit auch Robin Dutts im Kicker-Jahresheft geäußerter Wunsch, ein, zwei Spieltag vor Saisonende die Klasse zu halten, erfüllt wurde.



Inwieweit die taktische Umstellung für diesen erfreulichen Rundenausklang gesorgt hat, ist schwer einzuschätzen. Beachtenswert ist in jedem Fall die Moral der Breisgau-Truppe und die Tatsache, dass diese in der Bundesliga kaum erfahrene Mannschaft es geschafft hat, in der entscheidenden Phase der Runde hellwach zu sein und dem Druck standzuhalten.

Ein Klassenerhalt, der letztlich verdient war und in der Gesamtschau auch von einer größeren Konstanz als es diese Analyse vermuten lassen würde: Sowohl zu Hause als auch auf fremden Platz steht der Sportclub in der Ligastatistik auf einem Nichtabstiegsplatz. In der Hinrunde ebenfalls, einzig in der Rückrundenbilanz kann man sich nur mit dem Relegationsplatz schmücken. Hat man also den Testlauf Bundesliga auf allen Feldern bestanden?

Das Haar in der Suppe

Mit Einschränkungen. Denn es bleibt schon für diese Runde zu konstatieren, dass auch etliche äußere Faktoren für den Klassenverbleib gesorgt haben. Zunächst ist die Schwäche der Konkurrenten zu nennen, die dem Sportclub – böse formuliert – solange Steilvorlagen gaben, bis dieser irgendwann nicht mehr anders konnte, als diese auch anzunehmen. Das Bild, das die Teams aus dem unteren Tabellendrittel während der Runde abgaben, mutet dann doch außergewöhnlich schlecht an.



Sicherlich hat dann auch eine Rolle gespielt, dass man in der ganz heißen Rundenphase mit Wolfsburg und Köln auf zwei Gegner getroffen ist, für die es um nichts mehr ging. Und schließlich war es auch pässlich, zum Rundenende hin – abgesehen von Bremen – gegen keinen Topklub mehr antreten zu müssen. Aber natürlich muss man diese Spiel dann trotzdem erst noch selbst gewinnen.

Etwas kritischer muss der Blick auf die Mannschaftsleistung gerichtet werden. Hier ist besonders das zentrale Mittelfeld zu nennen, das im Grunde über die ganze Runde hinweg eine Baustelle blieb. Hier fehlt nach wie vor ein Führungsspieler, der das Spiel aus der Abwehr aufbaut und die Kollegen im Stellungsspiel organisiert.

Gewappneter scheint man dann im Abwehrbereich zu sein, vor allem, wenn Krmas und Toprak wieder voll einsatzfähig sind. Das große Fragezeichen ist dagegen die Offensive: Idrissou verlässt den Verein, so dass das gesamte Offensivspiel neu ausgerichtet werden muss – was wünschenswert ist, bestand doch die Spieleröffnung in diesem Jahr zu gefühlten 90% in einem langen, hohen Ball von Heiko Butscher auf den Kopf des Kameruners.

Punktuelle Verstärkungen (zum Beispiel Zvonko Pamic), die gestiegene Bundesligaerfahrung des Kaders und das aus der schwierigen Drucksituation gewonnene Selbstvertrauen sollten es also möglich machen, dass der Sportclub auch in der kommenden Jahr seine Ziele wird erreichen können.

[Fotos: dpa]

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