SC: Aufstiegschance durch Trägheit verspielt

Clemens Geißler

Der SC Freiburg hat gestern Abend gegen die Offenbacher Kickers mit 0:1 verloren und somit seine Aufstiegschance versaubeutelt. Besonders ärgerlich deshalb, weil der direkte Konkurrent Mainz 05 ebenfalls verlor. Clemens hat versucht, dem Kick dennoch etwas Erheiterndes abzugewinnen.



Jörn Andersen: Als ehemaliger Stürmer von Eintracht Frankfurt ist er vielen ein Begriff. Als Trainerfuchs hat er sich dagegen noch keinen Namen gemacht. Doch gestern hat er seine Elf zum Gastspiel an der Dreisam genau richtig eingestellt. Die Hessen – bis dahin in der Auswärtstabelle mit mickrigen sieben Punkten Vorletzter - fahren einen überlebenswichtigen Dreier im Abstiegskampf ein, Freiburg ist nach der Pleite so gut wie aus dem Aufstiegsrennen.


Als Schiedsrichter Aytekin zum Pausentrunk bittet, ist keiner im Stadion wirklich zufrieden. Die Konkurrenten Gladbach, Köln und Hoffenheim führen; an der Dreisam steht es 0-0. Dabei ist der Sportclub bis dato weit überlegen. 5-0 Ecken, viel Ballbesitz und Spielkontrolle, kaum Fehlpässe. Kurz: So, wie man mit einer Führung im Rücken agieren sollte. Doch die Führung fehlt.

Matmour hatte nach zwei Minuten ein Schwaab-Zuspiel nicht umgemünzt. Und, als nach 15 Minuten wieder Schwaab Banovic steil schickt, verpassen dessen Querpass Krmas und Idrissou, weil sie sich gegenseitig behindern. Noch ein gutes halbes Dutzend mehr oder weniger tolle Gelegenheiten darf man ab Minute 20 notieren. (Abgefälschte) Weitschüsse und Standards, aber alles nicht zwingend.



Offenbach – das spürt man – ist ganz klar auf ein 0-0 aus. Schon in der zweiten Minute schindet der Hessen-Goalie Cesar Thier bei einem Abstoß Zeit. Die Replik von Nord folgt auf dem Fuß: „Fliegenfänger“ und „T(h)iere in den Zoo“. Doch auch dieser durchaus wacklige Gegner fasst so langsam Vertrauen und macht in Minute 44 etwas ganz und gar Verrücktes: Er greift an! Oualid Mokhtari muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, warum er mittig 16 Meter vor dem Tor stehend noch einmal auf den mitgelaufenen Judt querlegt, anstatt es selbst zu probieren.

Wer nach Wiederbeginn einen Sturmlauf der Badner erhofft, sieht sich getäuscht. In kaum verändertem Trott versucht man gegen die tief stehenden Gegner zum Erfolg zu kommen. Das größte Manko bleibt dabei, dass es zu keinem Zeitpunkt der Partei gelingt, Tempo in die Aktionen zu bringen. Bis der Sportclub mal über 5-6 Stationen das Spiel verlagert hat, haben die eifrigen Kickers die Räume schon wieder zugestellt.

Wie ein idyllischer Waldbrunnen plätschert das Spiel so eine ziemliche Zeit dahin. Immerhin kommt man dann dazu, sich der hessischen Mundart der umsitzenden Journalie zu erfreuen, einige Punkte der to-do-Liste durchzugehen, den Gesängen der Fans zu lauschen: „Macht sie nieder, schießt sie aus der Liga“ oder eine ganze Weile auf zwei Haupttribünenbesucher zu schauen, die bei jeder halbwegs gelungenen Pitroipa-Aktion aufspringen, frenetisch jubeln und nimmermüde Fotos schießen.



Ein weiteres unterhaltsames Highlight ist, als die Offenbacher Betreuer zwei Mal hintereinander den lechzenden Spielern Trinkflaschen zuwerfen, diese aber im Flug aufgehen und leer bis auf den letzten Tropfen bei den Spielern ankommen. Da lacht die Haupttribüne von Herzen.

Dass der Kick nicht völlig zur Nebensache gerät, verhindert Idrissou mit einem Schuss ans Außennetz nach Pitroipa-Pass. Nach einer Stunde liegt die Kugel gar im Netz der Hessen, doch Idrissous Abstauber aberkennt Linienrichter Leicher, auf dessen Namen einem spontan einige zu reimende Schimpfworte einfallen. Ich brüte gerade über Worten, die sich auf Aytekin reimen, als Langer in höchster Not eine glasklare Chance von Agritis verhindert. Dieser Name wiederum – jeder Hobby-Hypochonder wird da zustimmen – klingt wie eine Krankheit.



Offenbach also leidet gerade an akuter Agritis, als plötzlich der Ergebnisdienst die Massen zum (letztlich einzigen Mal) aus der Lethargie reißt: „Mainz-Aachen 0-1“. Also strauchelt doch einer der Konkurrenten. Jetzt nochmal Gas geben. Und tatsächlich rücken die Breisgauer jetzt weit auf, aber –außer einem verunglückten Bencik-Kopfball - ohne rechte Durchschlagskraft.

Dann landet ein Befreiungsschlag der Hessen bei Oliver Barth. Der Ersatz für den kurz vor Spielbeginn verletzten Heiko Butscher macht seine Sache im ganzen gut, doch in dieser Aktion nicht. Obwohl er recht unbedrängt steht, schlägt der den Ball mit dem Rücken zum Spiel und mit dem schwachen Fuß zum Gegner. Urplötzlich kontern eine Handvoll Offenbacher gegen drei Freiburger. Mokhtari macht es dieses Mal besser und vollendet: 83. Minute: 0-1. Damit hat selbst der kühnste Hesse nicht gerechnet.

Doch selbst durch die Freiburger Brille muss man sagen, dass der Gästesieg aufgrund der klareren Torchancen nicht einmal unverdient ist. Dass er zudem ein Senkblei für die gerade erst wieder aufgekeimten Aufstiegshoffnungen ist, ist die zweite bittere Erkenntnis des Tages: Aus zwei Spielen muss der Sportclub jetzt sechs Punkte, Hoffenheim dagegen darf höchstens einen und Mainz gleichzeitig höchstens zwei holen – dann könnte man die ohnehin kaum mehr einzuholenden Kölner ausklammern. Allemal eine Sache für Konditionalsatz-Fetischisten oder einfacher: ein bisschen zu viele „Wenn‘s“.

Mehr dazu:

 fudder.de: Interview mit Andreas Glockner