Saufen, bis nichts mehr geht

Anja Metz & Carolin Buchheim

Vor einer Woche starb ein 16-jähriger Schüler in Berlin an den Folgen einer schweren Alkoholvergiftung. Er soll 52 Tequila hintereinander getrunken haben. Der Tod des Jugendlichen hat die Diskussion über Alkoholmissbrauch von Minderjährigen angeheizt. BOGY-Praktikantin Anja Pross hat für fudder recherchiert: Wie stehen Freiburger Jugendliche zum Thema Koma-Saufen? Was sagen Freiburger Fachleute, Politiker und Partyveranstalter zum Thema? Und: Was kostet eigentlich eine Nacht im Notarrest der Polizei?



Was ist Koma-Saufen?

Koma-Saufen. Kampftrinken. Wettsaufen. Egal wie man es nennt, es geht darum, so lange Alkohol zu trinken, bis nichts mehr geht.Mediziner nennen diese Art des Alkoholkonsums Binge-Drinking; Binge ist das englische Wort für Saufgelage. Ein Binge-Drinker trinkt nicht wie ein "normaler Alkoholiker" jeden Tag Alkohol, sondern typischerweise nur am Wochenende, dann aber in extrem großen Mengen.

Dumping- und Flatrate-Angebote von Disco- und Kneipenbetreibern fördern die Sauferei der Jugendlichen. In Freiburg gibt es zum Beispiel die Bad Girls Night in der Nachtschicht, in der Frauen mittwochabends von 21 bis 23 Uhr umsonst Alkohol trinken können. Ein ähnliches Angebot macht das Thekenpersonal des Funparks an Samstagabenden. Zu anderen Zeitpunkten verkauft man dort 99-Cent Drinks, manchmal gilt auch 'No Limit'. Dann kann man sich bereits für €8 den ganzen Abend die Kante geben.

Was ist so schlimm an Binge-Drinking?

  • Binge-Drinking ist gesundheitsschädlich. Binge-Drinker tragen das hohe Risiko, sich während ihres Alkoholrauschs zu verletzen, zum Beispiel durch Stürze oder Unfälle. Oft droht eine Alkoholvergiftung, stets der Kater am Morgen danach. Außerdem ist regelmäßiges Binge-Drinking ein Weg in die Alkoholgewöhnung und schließlich in die Sucht.
  • Binge-Drinking steht im Zusammenhang mit Straftaten. Laut der Kriminalitätsstatistik des Jahres 2006 der Polizeidirektion Freiburg standen im vergangenen Jahr 52% aller Körperverletzungstatverdächtigen in der Altstadt unter Alkoholeinfluss. Ulrich Brecht, Pressesprecher der Polizeidirektion Freiburg: "Wir sehen ganz klar einen Zusammenhang zwischen Straftaten von Jugendlichen und deren Alkoholkonsum."
  • Binge-Drinking macht Frauen und Mädchen zu leichten Opfern von Straftaten. Binge-Drinking macht es schwer, eigenverantworlich zu handeln oder sich gegen ungewollte Anmache zu wehren, denn Alkoholrausch macht Menschen angreifbar und verletzlich. Veranstaltungen wie 'Bad Girls' Night' machen Frauen und Mädchen zu Objekten, die durch Alkohol 'willig' gemacht werden. 
  • Binge Drinking macht die Party kaputt. Nicht nur für denjenigen, der von der Party nichts mehr mitbekommt, sondern auch für alle anderen Anwesenden. Denn deren subjektives Sicherheitsgefühl wird durch die aggressiven Binge-Drinker beeinträchtigt.



Was sagen Fachleute?


1) Die Ärztin

"Ich habe schon den Eindruck, dass der Alkoholkonsum von Freiburger Jugendlichen zunimmt", sagt Dr. Maren Hermanns-Clausen. Sie ist die Leiterin der Vergiftungsinformationszentrale der Uniklinik Freiburg. 2001 hatte sie mit 43 Alkoholvergiftungsfällen von Kindern und Jugendliche zu tun, 2006 mit 85; Dieser Anstieg ist jedoch auch mit vermehrten Beratungen zu erklären, denn im gleichen Zeitraum verdoppelten sich die Beratungszahlen der Giftzentrale beinahe.

Der jüngste Patient war neun Jahre alt. "Richtig los geht es mit Alkoholvergiftungen aber so ab 12 oder 13." Von allen 362 jugendlichen Alkoholvergiftungs-Patienten der letzten fünf Jahre waren 15 'schwer vergiftet', ein meist komatöser Zustand.

Ihrer Meinung nach dürfen Jugendliche Binge-Drinking und Alkoholvergiftungen nicht bagatellisieren. "Wenn es einem Freund nach starken Alkoholkonsum schlecht geht, dann muss man mindestens einen Arzt rufen! Man darf niemanden, der schwer alkoholisiert ist, sich selbst überlassen, sondern muss sich verantwortlich fühlen!" Sie rät: "Lieber einmal zuviel den Notarzt rufen oder in die Notfallpraxis fahren."

Die aktuelle Diskussion über 'Koma-Saufen' empfindet sie jedoch als problematisch. "Meiner Meinung nach besteht die Gefahr, dass solche Verhaltensweisen erst durch eine Hype-Berichterstattung richtig attraktiv und zum Trend werden."

2) Die Anonymen Alkoholiker

"Ich schätze die Suchtgefahr durch Kampftrinken als sehr groß ein", erklärte eine (anonyme) Vertreterin des Dienstbüro der Anonymen Alkoholiker Interessengemeinschaft e.V., dem Dachverband der Anonyme Alkoholiker Selbsthilfegruppen in München.

"Die Jugendlichen denken, sie haben ihr Trinkverhalten auch beim Kampftrinken im Griff, aber die Gefahr eines Suchteinstiegs ist da." In den anonymen Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker sind nur 0.8 Prozent aller Teilnehmer unter 21, also weniger als einer von Hundert.

3) Die Polizei

"In der Altstadt gibt es jedes Wochenende bis zu acht Vorkommnisse, an denen Betrunkene beteiligt sind", sagt Ulrich Brecht, Pressesprecher der Freiburger Polizei. Sie hat mit 'Komasäufern' jedoch nur dann zu tun, wenn Straftaten verübt werden. "Alkoholisiert sein ist nicht verboten. Wir kommen ins Spiel, wenn die Leute Krawall machen."

Den typischen Klienten gebe es nur bedingt. "Die meisten alkoholisierten Jugendlichen, die uns auffallen, sind zwischen 16 und 20 Jahre alt und meist männlich. Aber auch Mädchen und junge Frauen fallen uns auf."

Polizeioberkommisar Peter Wagner (Bild unten) vom Polizeirevier Nord am Stadttheater bestätigt diese Erfahrung. "Früher hatten wir fast nur mit Jungs im Vollrausch zu tun, die größtenteils Bier tranken. Seit der Einführung von Alcopops hat sich das geändert: Durch Alcopops und süße Mixgetränke wie Vodka-Redbull treffen wir immer mehr Mädchen mit höheren Promillezahlen an."



Laut der gerade veröffentlichten Kriminalitätsstatistik der Polizeidirektion steht Alkoholkonsum im direkten Zusammenhang mit Körperverletzungsdelikten, Sachbeschädigungen und Beleidigungen.

Die Polizei hofft, dass sich die Lage beruhigen wird. Dazu beitragen soll das Hausverbots-Programm der Freiburger Nachtgastronomie und die verstärkten Einsätze am Wochenende, zum Teil in Einsatzanzug.

Was passiert, wenn die Polizei betrunkenen Jugendlichen aufgreift?

Trifft die Polizei Jugendliche an, die so betrunken sind, dass nicht sicher ist, ob sie allein wieder sicher nach Hause kommen und wenn keine Freunde in der Nähe sind, die helfen können, bemühen sich die Polizeibeamten, die Eltern des Jugendlichen zu erreichen. Diese können ihre alkoholisierten Kinder dann auf dem Revier abholen. Gegebenfalls wird ein Notarzt hinzugezogen.

"Wir wollen keine Jugendlichen über Nacht bei uns behalten, sondern sie so schnell wie möglich in die Obhut ihrer Eltern übergeben", erklärt Oberkomissar Wagner. "Bei Jugendlichen kommt eine nächtliche Ausnüchterung bei uns auf dem Revier daher nicht so häufig vor. Tatverdächtige einer Gewalttat verbringen aber durchaus schon mal eine Nacht bei uns."



Normalerweise holen Eltern ihre Kinder innerhalb von kürzester Zeit auf dem Revier ab. "Wenn Eltern ihre betrunken Kinder auf dem Revier einsammeln, sind die meisten überrascht und enttäuscht. Für die Kinder ist diese Erfahrung ein heilsamer Schock, der bei 95 Prozent der Jugendlichen Wirkung zeigt", erklärt Wagner weiter. "Nur bei ganz wenigen Wiederholungstätern ist den Eltern so etwas vollkommen egal. Diese Jugendlichen haben dann auch keinen familiären Rückhalt mehr."

Eine Mutter weigerte sich, ihr Kind abzuholen und wollte auch kein Taxi bestellen. Die Beamten fuhren den betrunkenen Jugendlichen dann nach Hause. "Natürlich bekam die Mutter dann eine Rechnung: Unsere Beamten sind teurer als ein Taxi!"

Was kostet so etwas?

Eine Fahrt im Polizeitaxi nach Hause kostet ca. €50, denn jeder Einsatz eines Beamten schlägt mit €24 pro angefangener halber Stunde zu Buche. Eine ganze Nacht im Notarrest, ohne Matratze, aber mit Decke kostet rund €100; oft zuzüglich Reinigungsgebühren.

Angenehm ist es dort nicht; die Gemeinschaftszelle, in der Jugendliche unterkommen, hat weder Waschbecken noch Klo. "Wer aufs Klo muss, muss klingeln, dann begleiten wir ihn auf die Toilette."



4) Der Jung-Politiker

Sebastian Müller, Stadtrat von Junges Freiburg, hat in der vergangenen Woche einen offenen Brief an den Oberbürgermeister zum Thema Komasaufen geschickt. Er fordert eine Verschärfung der Polizeiverordnung, die den Konsum von Alkohol an bestimmten Nächten in Gruppen verbieten soll; außerdem fordert Müller schärfere Kontrollen des Jugendschutzes und eine Wegnahme von Alkohol, bevor das Maß des Trinkens gefährlich wird; außerdem will Müller die Gründung eines Präventions-Teams nach Vorbild des Jugendschutz Karlsruhe. Es gehe dem Stadtrat nicht um das Verbot des Nachtlebens, aber um die Einschränkung von "Vorglühen auf der Straße".

"Alkoholkonsum, der nicht in einer Gaststätte stattfindet, sondern einfach draußen irgendwo auf einer Bank, mit einer Gruppe von Leuten, den soll es zu bestimmten Zeiten, wie am Wochenende, nicht geben."

5) Die Veranstalter

Auch das Vorstandsteam des Kulturzentrum Z hat sich vor Kurzem zum Thema geäußert. "Wir finden es gut, dass gerade eine öffentliche Diskussion über den teilweise exzessiven Alkoholkonsum junger Menschen einsetzt", schrieben Wiebke Lüther, Christian Liebl, Axl Rutz und Barbara Ruder in einem offenen Brief. "Wir denken, dass man dem Phänomen Komasaufen etwas Positives entgegen setzen muss."

Im Z können Jugendliche selbst aktiv werden und Partys und Konzerte organisieren. "Wenn ein Jugendlicher von einem anderen, der gerade erfolgreich eine Party veranstaltet hat, gesagt bekommt 'Junge, du knallst dich zu viel zu, was willst Du eigentlich im Leben?', dann gibt das in der Regel mehr Anlass zum Nachdenken, als Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter je erreichen können."

Flatrate-Saufen ist im Z tabu. Nicht-alkoholische Getränke werden dort konsequent zu niedrigen Preisen (Wasser €0,50; Cola etc. €1) angeboten.





Was sagen Jugendliche?

Francois, 17 Jahre
"Ich selber habe noch kein Kampftrinken gemacht, habe es aber bei Freunden mitbekommen.
Folgen, die ich mitgekriegt habe, waren zum Beispielt Fahrrad- und Rollerunfälle. Alkoholvergiftungen sind auch schon vorgekommen. Am Wochenende oder auf Partys trinke ich schon richtig. Letztes Wochenende habe ich zu viel getrunken, zum ersten Mal war ich mit 14 Jahren betrunken. An Schnaps komme ich durch ältere Freunde. Meine Eltern bekommen das Ganze nicht mit, ich habe schon Respekt vor ihnen. Die aktuelle Diskussion ums Koma-Saufen ist okay, aber es sollte mehr getan und weniger diskutiert werden.

Wael, 15 Jahre
"Ich habe noch nie beim Kampftrinken mitgemacht und auch keiner meiner Freunde, denn aufgrund meiner Religion trinke ich gar keinen Alkohol.
Ich finde es nicht gut, dass es die meisten Jugendlichen so übertreiben. Deren Familien sollten da mehr bei ihrer Erziehung tun. Dass so viel übers Koma-Saufen geredet wird im Moment, finde ich übertrieben."


Rabea, 19 Jahre (links) und Christina 18 Jahre Rabea: "Wir haben selbst noch nie 'Kampftrinken' gemacht. Bei Freunden haben wir es aber schon mal mitbekommen. Einmal hat ein Mädchen so viel getrunken, dass sie im Krankenhaus gelandet ist."

Christina: "Wir trinken Alkohol eigentlich nur zu besonderen Anlässen, wie zum Anstoßen oder zum Essen. Gut nach Hause gekommen sind wir bisher immer."
Rabea: "Die Diskussion über Kampftrinken ist insofern gut, als dass sich Dinge ändern, wenn über sie diskutiert wird. Ich glaube, Eltern werden dadurch vielleicht wachgerüttelt. Eltern sollten etwas an der Situation ändern und ihre Erziehung verbessern, denn Verbote allein geben nur den Anreiz, sie zu missachten."

Saskia, 15 Jahre
"Ich habe weder selbst kampfgetrunken, noch davon im Bekanntenkreis gehört.

Auf Partys trinke ich unterschiedlich viel, ab und zu bin ich auch schon mal betrunken gewesen. An Alkohol komme ich über ältere Freunde. Meinen Eltern macht das gar nichts aus. Um etwas zu verändern sollte der Staat härtere Verbote einführen."

Jessica, 23 Jahre
"Ich hab mal wegen einer Wette beim Kampftrinken mitgemacht. Am nächsten Tag hatte ich Kopfschmerzen und einen guten Kater, aber Schlimmeres ist nicht passiert. Ein Kumpel von mir hat aus Liebeskummer ziemlich gesoffen und ist am Ende in der Psychatrie gelandet. Zum ersten Mal war ich mit 14 oder 15 betrunken, jetzt trinke ich eher seltener Alkohol, nur in Ausnahmefällen am Wochenende. Für mich war es immer einfach, auch an harten Alkohol zu kommen. Mein Ausweis ist nie kontrolliert worden. Ich denke, sowohl der Staat als auch die Familie sollte mehr für Jugendschutz tun. In den Kneipen und Supermärkten wird sehr wenig kontrolliert."


Julian, 16 Jahre "Ich habe schon mal Koma-Saufen gemacht. Zwar nicht wirklich bis ins Koma, aber doch soweit, dass ich gekotzt habe. Bei meinen Freunden ist das ähnlich, viele meiner Kumpels waren schon mit Alkoholvergiftungen im Krankenhaus. Wenn ich abends ausgehe, trinke ich manchmal, bis das Geld weg ist. Zum ersten Mal so richtig betrunken war ich mit dreizehn. Ich werde beim Alkoholkauf nie kontrolliert. Ich glaub', meine Eltern vertrauen mir schon insoweit, dass ich mich nicht ins Koma saufe. Solange die wissen, wo ich bin, ist ihnen der Rest egal.
Als ich mal zu Hause wegen Alkohol gekotzt hab', war meine Mutter geschockt und mein Vater hat mich ausgelacht. Strafe habe ich aber keine bekommen."

Julian, 17 Jahre
"Ich selbst hab' noch nie Kampftrinken gemacht, aber bei Freunden hab' ich es schon mitbekommen. Manche sind ganz schön aggressiv geworden. Einer meiner Kumpels lag auch mal vor der Disko und hat alles vollgekotzt, das war das schlimmste Mal.

Wenn ich in die Disco gehe oder wenn ich Lust dazu habe, trinke ich auch mal mit zwei Kumpels eine Flasche Wodka, danach bin ich dann gut angetrunken und kann feiern gehen. Sonst krieg' ich auch Alkohol von älteren Freunden. Meine Eltern wissen davon, sie sind bei dem Thema ganz locker. Ich finde, es liegt wohl eher an der Erziehung, wenn das Verhalten von Jugendlichen mit Alkohol ausartet. Die aktuelle Diskussion finde ich übertrieben. In Großstädten wie Berlin ist es bestimmt viel, viel schlimmer."


Sandra, 19 Jahre
"Kampftrinken finde ich bescheuert. In meinem Freundeskreis wird das einfach nicht gemacht. Die Leute, die das machen, wollen einfach nur cool sein. Wenn überhaupt, dann trinke ich auf einer Party drei bis vier Gläser, obwohl ich auch schon mal so betrunken war, dass ich gekotzt habe. Eine Schockerfahrung war das aber nicht.