Satirische Jahresvorschau: So wird Freiburg im Jahr 2019

Studentenzimmer mit urban-unterirdischem Flair, ein neuer alemannisch-schwätzender Bundestrainer und ein Manipulationsversuch aus Russland. Was in Freiburg 2019 sonst noch passiert, hat die fudder-Redaktion vorhergesagt.

Januar

Das Referat für bezahlbares Wohnen startet mit einem Paukenschlag in die Arbeit: Stolz präsentiert Referatsleiterin Sabine Recker beim Neujahrsempfang der Stadt ein von ihr initiiertes Projekt: Die International Campus GmbH startet "The Fizz Underground" zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum für Studierende.

Die Idee: Leerstehende Räumlichkeiten der Nachtgastronomie werden zu unterirdischem, vollmöblierten Wohnkomplexen umgebaut. Erstes Objekt ist der ehemalige Club "White Rabbit" – er wird zum "The Fizz Underground Hase". "Die Zimmer zwischen sechs und zehn Quadratmeter haben urbanes Flair", sagt ein Vertreter des Unternehmens.

Jeweils fünf Zimmer teilen sich ein Bad, Sonnenlicht wird über ein komplexes Spiegelsystem in den unterirdischen Komplex eingeleitet. Das Wohnheim am Siegesdenkmal ist nur der Anfang: Zum Start des Sommersemesters ist die Eröffnung von "The Fizz Underground Bambi" im Bermudadreieck, zum Start des Wintersemesters "The Fizz Underground Snow White" am Münsterplatz geplant. Das besondere Flair in zentraler Lage rechtfertige nach Meinung des Betreibers die hohe Miete ab 640 Euro pro Monat. Concierge und Spielkonsolenverleih sind allerdings inklusive.

Februar

Am 24. Februar werden die Freiburgerinnen und Freiburger zur Wahlurne gebeten, um für oder gegen den neuen Stadtteil Dietenbach zu stimmen. 65,4 Prozent wollen, dass der Stadtteil nicht gebaut wird. Für den Gemeinderat und Oberbürgermeister Horn ein herber Rückschlag. Zunächst wird noch spekuliert, ob die Ablehnung mit der verwirrenden Fragestellung zusammenhängt. Die lautete nämlich: "Soll das Dietenbachgebiet westlich der Besançonallee unbebaut bleiben?" Ein Nein war damit ein Ja für den Stadtteil.

Nach zwei Wochen meldet Gernot Erler, Ex-Russland-Beauftragter der Bundesregierung jedoch, dass ihm Dokumente zugespielt worden seien, dass russische Hacker die Wahl manipuliert haben könnten. Massenhaft hätten Fake-Accounts auf Facebook und Twitter die Diskussionen verzerrt und Bürgerinnen und Bürger verwirrt. Das Ergebnis des Entscheids ist somit ungültig, im Herbst soll es einen neuen Bürgerentscheid geben.

März

Nach einer katastrophalen 7:1-Niederlage der Deutschen Nationalmannschaft im ersten Qualifikationsspiel für die Fußball-Europa-Meisterschaft 2020 gegen Holland am 24. März schmeißt Joachim Löw den Trainer-Job hin. Nach vielen Anrufen der DFB-Führungsriege, die sich ein alemannisches Original zurücksehnt, übernimmt Christian Streich das Amt des Bundestrainers. Da Alemannisch und Niederländisch doch relativ eng miteinander verwandt sind, erhofft Streich sich für’s Rückspiel gegen die Niederlande am 6. September einen Vorteil beim Lippenlesen.

April

Am 1. April werden auf dem Münstermarkt zwei neue Wurstbudenbetreiber präsentiert. Für einen der beiden ist es ein Riesen-Comeback: Ex-Oberbürgermeister Dieter Salomon eröffnet seinen durch Graffiteur Tom Brane knallbunt gestalteten Imbisswagen "Didi’s Rote". Dessen Motto lautet "saisonal, regional und leicht mediterran": Würste gemacht aus dem Fleisch glücklicher Schweine aus dem Markgräflerland, seeliger Weiderinder aus dem Hochschwarzwald, dazu Senf von Ireneus Frost und hausgemachter Ketchup aus sonnengetrockneten Kaiserstühler Tomaten.

Als Hommage an seinen Geburtsort Melbourne hat Salomon auch eine lange Rote aus Kängurufleisch auf dem Grill – und plant Monatsspecials mit internationalem Flair, orientiert an Freiburger Partnerstädten. Den Auftakt macht die vegetarische "Tel-Aviv-Yafo-Wurst" aus Kichererbsenmehl, serviert mit gerösteten Zwiebeln, gegrillten Auberginenscheiben und Za’atar.

Mai

Am 26. Mai stehen die Kommunal- und Europawahlen an. In den Freiburger Rat ziehen viele Newcomer, darunter Ex-Polizeipräsident Bernhard Rotzinger, der die meisten Stimmen für die CDU holen konnte und Ex-SC- und nun Bundestrainer Christian Streich als Neuverpflichtung der Grünen. Wiedergewählt wurde Gerlinde Schrempp, die diesmal jedoch für "Die Partei" angetreten war. Zur konstituierenden Sitzung des neuen Rats reist Schrempp mit ihrem Segelflugzeug an und parkt es im Rathausinnenhof. Der Kommentar der Stadträtin: "Satire darf alles."

Juni

Eine eigens eingerichtete Kommission präsentiert eine Lösung im Streit um Lärm am Augustinerplatz. Wenn der Lärmpegel dort überschritten wird, können Anwohnerinnen und Anwohner mittels einer funkbetriebenen Bedienung nach Mitternacht die Treppen in eine Rutsche verwandeln – ohne Vorwarnung. Auf dieser rutscht Freiburgs zu lautes Platz-Party-Volk platzabwärts in ein eigens breit ausgebautes Bächle, das sie in den Gewerbekanal spült.

Die Veranstalter des diesjährigen Christopher-Street-Day haben sich nach den Streitereien um die Umzugsroute eine neue Variante überlegt: Die Parade soll über die KaJo ziehen, aber alle Wagen und Teilnehmer wollen rückwärts laufen, um gegen Mainstream und Homophobie zu demonstrieren.

Juli

Am 17. Juli beginnt das erste ZMF ohne Perry Robinson (RIP). Doch ganz ohne den geliebten Stamm-Klarinettisten muss das Festival am Mundenhof nicht auskommen. Bei der ZMF-Gala präsentiert Alexander Heisler stolz eine hauseigene Entwicklung: ein multidimensionales Perry Robinson-Hologramm, mit dem die Musizierenden live auf der Bühne interagieren können.

Auch bei einem anderen Festival gibt es zeitgemäße Veränderungen. Da alle Tickets schon vor Präsentation des Line-Ups verkauft waren, wagen Bela Gurath und Kollegen einen feministischen Coup: Die Sea You wird das erste All-Female-Techno-Festival der Welt. "Testosteron-Techno hat sich überlebt", kommentiert Gurath selbstkritisch. "Manchmal muss man das Publikum auch mutig in neue Richtungen führen." Der Erfolg gibt ihm Recht: die Kollektive Female:pressure, Discwoman und Room 4 Resistance bespielen umjubelt an drei Tagen die großen Bühnen am Tunisee.

August

Alle flachen Brunnen werden von der Stadt offiziell zum Tanzen freigegeben, um den viel zu stark frequentierten Tanzbrunnen an der Rempartstraße zu entlasten. Am Tennenbacher Platz und am Komturplatz fließt das Wasser fortan im Sommer nur noch an Montagen, danach sind die Brunnen für die Tänzer trocken. Nach etwas mehr als einem Jahr als OB sucht Martin Horn einen Nebenjob: Als Influencer will er Werbung machen, unter anderem für Asics, Daniel Wellington, Manduca und Juice Plus. Der Gemeinderat entscheidet unerwartet, dass Horn keine Offenlegungspflicht dieser Nebeneinkünfte habe. Sein Engagement begründet Horn damit, so "den jungen Menschen" Kommunalpolitik näher bringen zu wollen.

September

Der erst 17-jährige Rapper Krime aus Freiburg-Weingarten mischt sich auf Twitter in einen Streit zwischen Rapper Bushido und einem Berliner Clan ein. Das entfacht einen Shitstorm, bei dem der Freiburger heftig angefeindet wird, aber auf einen Schlag steigt seine Popularität. Der Rapper baut sich per Sondergenehmigung eine Villa im Herdern-Stil an die Bugginger Straße.

Oktober

Neuer Anlauf für Dietenbach: Nachdem die russischen Manipulationen aufgedeckt werden konnten, stimmt Freiburg erneut ab. Dieses Mal sprechen sich die Bewohnerinnen und Bewohner für den neuen Stadtteil aus. Die Fragestellung ist diesmal aber auch deutlich klarer. Sie lautet: "Soll das Dietenbachgebiet westlich der Besançonallee nicht unbebaut bleiben?" Ein Nein war damit ein Ja für ein Nein.

November

Der Club "Neko" im Bahnhofsturm feiert ersten Geburtstag. Die ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vorgängerladens Kagan wünschen sich ihren Club im "17er und 18er" zurück und drehen ein rührseliges Video, in dem sie die Nachtmenschen aus Freiburg dazu aufrufen, eine Petition für die Rückkehr des legendären Clubs zu starten. Es gründet sich die "Interessengemeinschaft Mainstream", die sich für die Belange der Kagan-Freunde einsetzen will. Da sich die Neko-Betreiber Didi Broscheit und Pino Raia vehement wehren, das Neko zu schließen, wird ein Kompromiss geschlossen: Ab sofort wird im Turm unter dem Namen "Nagan" gefeiert – und es gibt Ramen statt Sushi.

Dezember

Nachdem nicht nur Fassadenblenden sondern ganze Fenster aus der UB gefallen sind, trifft die Universität Freiburg eine folgenreiche Entscheidung und beschließt den Rück- und Neubau der UB, viereinhalb Jahre nach deren Neueröffnung. Der Auftragnehmer für den Neubau steht bereits fest: Die Guizhou Ludiya Property Management (GLPM), ein Bauunternehmer aus China, der unter anderem den höchsten künstlichen Wasserfall an einem Wolkenkratzer gebaut hat. Die GLPM rückt mit rund 1000 Arbeitskräften an. Mit Beginn der 900-Jahr-Feier steht die neue UB. Zusätzlich zu ihrer Arbeit in der Innenstadt ziehen die chinesischen Arbeitskräfte nach Feierabend Dietenbach II hoch. "Zum Ausgleich", sagt Bauleiter Xhu Zhi Wang.

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