Sascha Lobo: "Selbstdisziplin ist eine schlechte Charaktereigenschaft"

Carolin Buchheim

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist Fachmann für das Aufschieben von Dingen. Zusammen mit Kathrin Passig hat er das Buch "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" geschrieben. Caro hat ihm per E-Mail Fragen über das Aufschieben und das Internet als Zeitverschwendungsmaschine gestellt. Und natürlich kamen Saschas Antworten ein bisschen verspätet zurück.

Sascha, Du hast ein Buch über Prokrastination geschrieben. Prokrastination - was ist das überhaupt?


Prokrastination bedeutet Aufschiebeverhalten, also alle möglichen Dinge nicht dann zu tun, wenn sie dringend scheinen, sondern später oder auch mal nie. Darunter leiden viele Menschen; je nach Studie sind bis zu 25% der Bevölkerung betroffen. Das muss aber gar nicht sein – das Leiden, meine ich. Die Prokrastination hingegen schon, weil sie ein wichtiger Gegenspieler der schlechten Eigenschaft Selbstdisziplin ist. Wenn man nämlich für irgendetwas viel Selbstdisziplin aufbringen muss, ist das oft ein Zeichen, dass etwas falsch läuft. Gleichzeitig kann man sich dem Aufschieben auch mit Wonne hingeben und die positive Wirkung für sich entdecken: es gibt zum Beispiel für die meisten Aufgaben einen richtigen Zeitpunkt, auf den sich lohnt zu warten. Vieles ist auch einfach egal, andere Probleme kann man wegwarten.

Hatten Deine Co-Autorin Kathrin Passig und Du Probleme, die Deadline für das Buch einzuhalten?


Nicht mehr als sonst auch. Wir haben ja beide den schwarzen Gurt in Prokrastination, irgendwann kann man sich dann einigermaßen richtig einschätzen. Manchmal jedenfalls. Abgesehen davon sind Deadlines eines der wenigen Instrumente, die man als Prokrastinist gut benutzen kann. Schade nur, dass man sich selbst keine Deadlines stellen kann – das müssen andere tun, und dazu noch glaubhaft mit mehreren Weltuntergangsszenarien im Nichterfüllungsfall anreichern. So ähnlich ist das Buch auch fertig geworden, mit vier Wochen Verspätung. Zu denen noch 8 Tage Verspätung kamen. Und 10 Stunden. Und 20 Minuten. Aber geschafft.

Wird seit der Erfindung des Internets mehr prokrastiniert als vorher?

Vermutlich ja, so meine eigene Theorie – und zwar, weil der Mensch pro Tag nur ein bestimmtes Maß an Arbeit überhaupt in der Lage ist abzuleisten. Diese Arbeit geht aber zumindest theoretisch mit digitalen Mitteln sehr viel schneller. Der Rest der Arbeitszeit wird also mit Internet aufgefüllt. Dieses Szenario ist übrigens bei Festangestellten wie auch bei Freiberuflern zu beobachten. Natürlich ist das Netz eine Zeitfressmaschine. Aber ich glaube nicht, dass man Zeit überhaupt verschwenden kann, wenn man genau das tut, was man eben gerade machen möchte. Dazu kommt, dass die Menschen im Netz ja soziale Fähigkeiten schulen, Kommunikation betreiben, Wissen anhäufen – das alles mag nicht im Sinne eines etwaigen Arbeitgebers sein, wenn es tagsüber im Büro passiert, aber es ist trotzdem Prokrastination in seiner reinsten Form. Und als solche zunächst gut. Wenn man die richtigen Schlüsse daraus zieht und sofort kündigt, wenn es häufiger passiert.

Ist das Prokrastinieren eine Charaktereigenschaft, die man akzeptieren muss, oder kann man sich mit Netz-Diäten und Methoden wie 'Getting things done' umerziehen?

Definitiv akzeptieren. Alles andere, vor allem Methoden auf Zwang, ist auf beide Arten doof: wenn es nicht funktioniert, fühlt man sich schlecht. Wenn es funktioniert, auch. Menschen prokrastinieren, und zwar je nach Fragestellung bis zu 90% der Menschen. Auch weil sich viele überfordert fühlen. Es gibt heute auch einfach tausende Dinge in der Gesellschaft, die einen überfordern können. Und es oft auch tun. Das ist ganz normal, dass man irgendetwas nicht hinbekommt, das geht eben den meisten Menschen so – manche können es bloß besser verbergen, weil es in weniger relevanten Bereichen passiert. Ansonsten ist Toleranz gegenüber dem eigenen Wesen sehr wichtig. Man sollte sich nicht so viel übel nehmen, oft genug ist die Welt schuld und nicht man selbst. Das wäre ja auch noch schöner.

Für alle, die noch nicht genug prokrastinieren: Welche Websiten empfiehlst Du zur Zeitverschwendung?

Ich empfehle natürlich Twitter, das sich vor allem lohnt, wenn man es gemeinsam mit einer Anzahl von Freunden und Bekannten beginnt (und mir untertwitter.com/saschalobo folgt). Ansonsten ist meine Lieblingsseite reddit.com, eine sehr simpel aufgebaute, aber hochspannende Social News Plattform. Dort bekomme ich eine Vielzahl der interessanten Links her. Die Königsdisziplin der Zeitverschwendung (die es ja gar nicht gibt) ist aber sicher das Engagement in einer Online-Community. Das muss nicht mal ein Social Network sein, sondern einfach das Blog, das Forum oder das Network, in dem gerade Menschen sind, mit denen ich gern kommuniziere. Wenn man in soetwas hineingerät, kommt man erst Jahre später oder auch nie wieder heraus.

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Zur Person

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist Autor, Blogger, Werber und hat auch einige ausgedachte Berufe. Er ist derzeit der meistgelesene deutschsprachige Microblogger (twitter.com/saschalobo). Sein letztes Buch – zusammen mit Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig verfasst – tägt den Titel "Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin")