Samuel Sieber: Die junge Stimme Europas

Bianca Fritz

Seit sieben Jahren vertritt der Basler Samuel Sieber auf internationalen Sitzungen des Europäischen Jugendparlaments die Schweiz und unterstützt in leitenden Funktionen die jüngeren Jugendlichen. Am 24. Oktober wird der 25-jährige Schweizer Präsident des Jugendparlaments – und das als Nicht-EU-Bürger.



Den großen Organisationsstress dafür hat er hinter sich. „Ich bin Schweizer – ich bin halt gut organisiert“, scherzt Samuel Sieber. In diesem Scherz steckt viel Wahrheit. „Wenn in Tschechien der Busfahrer nur gelangweilt herumsteht, dann kann ich entweder das Chaos ausbrechen lassen, weil alle Jugendlichen ihre Taschen in den Bus werfen, oder aber ich greife ein und organisiere“, beschreibt er eine Situation, in der er eingegriffen hat. Sicher ist das ein Grund, warum seine Bewerbung zum Präsidenten des Europäischen Jugendparlaments angenommen wurde.


Die Jungparlamentarier werden nicht gewählt, sondern von ihren Kollegen beurteilt. Wer gute Arbeit leistet, steigt auf. Dabei spielt keine Rolle, ob jemand aus einem EU-Mitgliedsland stammt oder nicht. Europa wird in weiterem Sinne verstanden: Derzeit stehen 32 Nationalkomitees 27 EU-Staaten gegenüber.

Im französischen Rennes wird der Medienwissenschaftsstudent vom 24. Oktober bis zum 2. November rund 250 Delegierten aus über 30 Ländern vorsitzen. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der Vizepräsident der EU-Kommission Jacques Barrot werden erwartet. Während der Sitzung werden die Jugendlichen über die politische Beteiligung in Europa, Umweltpolitik und die Situation in Georgien oder der Ukraine diskutieren. Ihre Ergebnisse werden sie in Resolutionen festhalten, die sie an die EU-Kommissionen und das Europäische Parlament weiterreichen.

Bewirken diese Schreiben überhaupt etwas? „Ich denke, wir werden zumindest als Stimme der Jugend in Europa ernstgenommen“, sagt Sieber. Außerdem hätten solche Veranstaltungen auch einen Bildungseffekt für die Jugendlichen. „Politisch zu diskutieren – und das auf Englisch – das ist schon nicht ohne. Ich behaupte, dass ich in diesen zehn Tagen mehr lerne als in einem Monat Uni“, sagt Sieber. Außerdem schwärmt er von den internationalen Kontakten: „Ich habe viele gute Freunde gewonnen und inzwischen ganz Europa gesehen. Nicht als Pauschaltourist, sondern wirklich mit den Menschen dort.“

Es ist erstaunlich, dass Sieber nur wenige Kilometer von seinem Heimatort Münchenstein entfernt in Basel studiert. Für ein Auslandssemester hat Samuel Sieber neben seinem politischen Engagement, der Arbeit als Hilfswissenschaftler an der Uni und Nebenjobs als Pressesprecher und PR-Mitarbeiter bisher schlicht die Zeit gefehlt. Trotzdem blickt er häufig neidisch zu seinen Freunden in der EU, die ohne großen Behördenaufwand im europäischen Ausland studieren. „Die Mobilität ist sicher ein Grund, warum ich die Schweiz gerne in der EU sehen würde. Der andere ist, dass die Schweiz heute schon von der EU profitiert und für sie bezahlt – aber nicht mitbestimmen kann.“

Mit dem zehntägigen Vorsitz des Europäischen Jugendparlaments beendet der parteilose Samuel Sieber seine politische Karriere zunächst und konzentriert sich auf sein Studium. „Ich denke, dass es Zeit wird, die politische Verantwortung an Jüngere abzugeben.“

Eine Einstellung, die einigen Politikern gut täte.

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Das EU-Jugendparlament

Das European Youth Parliament (EYP) wurde 1987 im französischen Fontainebleau gegründet als ein unabhängiges Bildungsprojekt für junge europäische Menschen. In eine Landesdelegation kann gewählt werden, wer sich auf nationaler Ebene beweist – häufig sind das Schulteams.

Die Mitglieder des Parlaments sind meist 17 bis 25 Jahre alt – eine offizielle Altersbeschränkung gibt es nicht. Die Teilnahme wird von Firmen, Stiftungen und öffentlichen Institutionen finanziell gefördert. Interessierte Schüler können sich noch bis zum 10. November für die 19. Auswahlsitzung der deutschen Delegation bewerben unter

Web: Europäisches Jugendparlament in Deutschland [Dieser Artikel erschien heute ebenfalls im Politikteil der Badischen Zeitung.]