Samstag: Sludge und Postrock auf dem Sommerfestival im AJZ Kirchzarten

Matthias Cromm

Sludge heißt zu deutsch Schlamm und ist gleichzeitig jener Musikstil, der morgen das Sommerfest der Freunde des guten Tons im AJZ Kirchzarten durchzieht. Zufall? Keine Ahnung. Ordentlich Postrock wird's da jedenfalls auch zu hören geben. Matthias Cromm stellt uns die Bands vor - darunter auch den Headliner Lento aus Rom.



Sludge entstand Ende der 80er Jahre. Nach vorherrschender Meinung war der Stein des Anstoßes das Album Gluey Porch Treatments (1987) von den Melvins, einer Band aus Montesano/Washington (Kurt Cobain war großer Fan und zeitweise so was wie Roadie der Band, Drummer Dale Crover spielte auch auf den ersten Nirvana-Aufnahmen). Damals befand sich die Musikszene im Rausch der Geschwindigkeit, alles wurde immer schneller und schneller, die Melvins brachen diesen Trend mit einem langsam schleppenden, unglaublich voluminösen Album, irgendwo zwischen Jimi Hendrix, Black Sabbath, Black Flag, Geräuschen und Feedback.


Der Grunge aus Seattle/Washington hat durchaus eine enge Verwandtschaft mit Sludge, und während die Melvins keine eigentliche Sludge-Band sind, nahm vor allem die Szene um New Orleans die neue Spielart auf, entschleunigte die Musik und prägte den Namen Sludge in Anlehnung an den zähen Sumpf und Schlamm rund um ihre Heimat und ihre zähe Spielart.

Die große New-Orleans-Referenzband ist natürlich EyeHateGod. Einfach gesprochen haben wir es mit schwer Blues-infiziertem und meist von Postrock unterwandertem unglaublich fettem aber zugleich unglaublich langsamem Metal oder Hardcore zu tun - vielleicht auch so was wie depressivem Stoner-Rock.

Bekannte Bands, die Sludge mit - ich will das jetzt mal Alternativerock nennen - kreuzen, sind die großartigen Mastodon, Baroness, Kysesa, Isis oder auch Neurosis. Hier entstand so was wie das Genre Post-Metal, während Bands wie Crowbar, Down oder vielleicht auch die Melvins eher einen Schuss Stoner-Rock zugeben und eher Stoner-Sludge weiterentwickeln. Viele Bands setzten eigene Noten, gerne mal mit Elektronika, dissonanten Ausflügen oder Geräuschen. Am besten man hört selbst mal rein und hier ist die Gelegenheit.

Headliner des Festivals sind Lento, eine Band aus Rom, die schon einige Male bei den Freunden des guten Tons zu Besuch war. Lento sind auf dem Bochumer Label Denovali Records zuhause, einem kleinen aber sehr rennomierten Szene-Label mit höchst kreativem Output. Sie klingen düster metallisch, wie langsamere Neurosis, fettere Mogwai oder die Doom-Ausgabe von Swans. Sludge mit deftigen Hardcore-Ausbrüchen, teilweise düsterer Ambient mit fast schon sakraler Note und sphärischen Drone-Ausflügen, um wieder in ungebändigtem Lärm zu explodieren. So was sollte man laut hören, sehr laut. Hat was von Red Sparowes, Boris oder Isis. Wer so was mag, sollte sich Lento unbedingt anhören.

Dark Tharr ist doch tatsächlich eine Band aus Freiburg, relativ untypisch besetzt - Vocals, Gitarre und Schlagzeug werden von Damen bedient, nur der Bassist ist bärtig. Dark Tharr liefern dunklen doomigen Sludge, und die Vocals kommen so grabestief daher, dass man schon zweimal hingucken muss, woher die denn kommen. Eine hochwertige Band, die sicher nicht nur Aufgrund des kurzen Anreiseweges gebucht wurde.

Samuel Jackson Five kommen aus Norwegen. Sie haben sich wohl nach Samuel Jackson und den Jackson 5 benannt? Allerdings sind sie nur zu viert, was die Sache natürlich amüsant macht. Prinzipiell sind Samuel Jackson Five eine Postrock-Instrumental-Band à la Caspian; sie erzählen bildstarke Geschichten aus Gitarrenwänden, flüchtigen Augenblicken und polyrhythmischer Poesie. Fast in Richtung Sigur Ros mit einem Arcade-Fire-Einschlag. Begonnen haben Samuel Jackson Five anscheinend mal als Drum-&-Bass-Projekt, mittlerweile steuern sie ihren Klangkreationen ab und an sogar Vocals bei.

Das Fuzz Orchestra aus Milano trägt einen Hauptbestandteil ihres Tuns bereits im Namen, ansonsten trifft experimenteller Avantgarde-Metal auf Spaghettiwestern. Enrico Morriconisch-staubige Flächen treffen auf Black Sabbath, angereichert durch Geräusche und gesamplete Filmsounds. Das Fuzz Orchestra klingt vintage, staubig und trocken-heiß. Nach sengender Sonne und tiefen Abgründen.

Das Luxemburger Trio Heartbeat Parade verzichtet auf Sänger und Gesang, die Vocals sind Spoken Word Samples die großartig mit ihren fordernden Posthardcore/Mathrock-Rhythmen und satten Gitarrenriffs verschmelzen. Die Vocals vom Band steigern die Dramatik der Songs, ohne der Zuschauer durch einen Frontmann/Sänger vom im Vordergrund stehenden musikalischen Geschehen abzulenken. Heartbeat Parade sind vielleicht etwas treibendere Russian Circles.

Ein tolles, abwechsungsreiches Line-up. Wer also Affinität zu schwerer Gitarrenkost hat, guten Postrock schätzt oder sich gerne mal von Avantgarde-Lärm zu Boden pressen lassen möchte, dem sei auf das höchste geraten, dem Sommerfest der Freunde des guten Tons beizuwohnen. Es gibt Spannendes zu entdecken, es wird laut, und vielleicht klappt es ja eines Tages auch mit dem Sommer!

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[Foto: Promo]