Samenspender Ed Houben: Der Mann mit mindestens 75 Kindern

Martin Jost

Ed Houben hat mindestens 75 Kinder. Der Niederländer ist Selfmade-Samenspender, der seinen Einsatz über eine Website selbst organisiert - aus der Überzeugung heraus, dass liebevolle Familien Kinder bekommen sollten. Am 21. Mai 2011 ist er beim Wunschkinder-Projekt zu Gast, bei dem das Theater Freiburg und das Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Uni Denkanstöße zur Technisierung der menschlichen Fortpflanzung geben wollen. Martin hat ihn gefragt, warum er die Samenspende selbst in die Hand genommen hat.



Ed, spendest du deinen Samen um Geld zu verdienen?

Ed Houben: Nein. In den Niederlanden gibt es auch kein Geld von Samenbanken für Spenden. Ich habe immer aus Überzeugung gespendet. Es gibt Menschen, die liebevoll sind und sich ein Kind wünschen und die gute Eltern wären. Sie wollen einem neuen Leben eine Chance geben. Das soll nicht am Samen scheitern.


Nebenbei wollte ich nie einem Kind erklären müssen, was ich mit den paar Euro für seine Zeugung gemacht habe. Ein menschliches Leben lässt sich doch nicht mit drei Kästen Bier vom Aldi aufwiegen! Deswegen habe ich es auch seit ich privat spende immer so gehalten, dass ich es unentgeltlich mache.

Warum organisierst du deine Samenspenden jetzt auf eigene Faust?

 

Ich habe zwischen – sagen wir mal – 1999 und 2004 regelmäßig in einer Samenbank gespendet. Aber seit 2002 spende ich auch privat. Mein Bruder zeigte mir damals einen Artikel über ein geplantes Gesetz, das viele Spender irrtümlich befürchten ließ, dass ihre rechtliche Situation sich verschlechtern würde. Dabei sind sie nach wie vor zum Beispiel vor Unterhaltsforderungen sehr sicher. Das niederländische Recht unterscheidet zwischen Erzeugern und reinen Spendern.

Trotzdem ging das Spendenaufkommen erheblich zurück. Die Samenbanken mussten rationieren und meistens entschieden sie, verheiratete heterosexuelle Pärchen zu bevorzugen und alle anderen auf mehrjährige Wartelisten zu setzen. Ich wollte zum Beispiel lesbischen Paaren und Singles mit Kinderwunsch eine Chance geben. Für die bin ich jetzt auf meiner Website zu finden, aber auch für heterosexuelle Paare, und sie können direkt Kontakt aufnehmen.

Außerdem darf ein Spender in einer Samenbank nur 25 mal spenden. Denn er ist anonym und die Wahrscheinlichkeit soll gering gehalten werden, dass sich seine Kinder unwissentlich paaren. Diese Zahl ist mit dem – wie man auf Niederländisch sagt – feuchten Finger – auf Deutsch wäre das wohl „Pi mal Daumen“ – festgelegt worden. Auch wenn man öfter spenden würde, wäre die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering.

Privat kann ich aber unbegrenzt spenden, denn es ist nicht anonym. Ich habe eine Datenbank mit den Eltern, denen ich gespendet habe, auf meinem Computer und meine Schwester hat das Passwort, falls mir etwas passiert. So kann jedes Kind herausfinden, ob ich sein Vater bin.

Kennst du deine Kinder?

Ich kenne viele. Der Wunsch, dass ich Kontakt mit den Kindern habe, ist bei den Eltern so halbe/halbe verteilt. Viele Eltern aus meinen vier ersten Jahren als Spender haben wieder Kontakt aufgenommen, weil das Kind Fragen hatte. Einige schicken regelmäßig E-Mails und Fotos oder ich kann auf ihrem Blog lesen, wie das Kind aufwächst.

Ich muss aus Selbstschutz ein gewisses Desinteresse haben, aber eigentlich interessiert es mich mächtig, wie es den Kindern geht. Nur: Ich habe jetzt 75 Kinder aus privaten Samenspenden. Sechs weitere sind auf dem Weg. Und es ist das Geheimnis der Samenbank, wie viele aus meinen 25 anonymen Spenden entstanden sind. – Ich hätte keine Zeit, alle einzeln zu treffen. Deshalb kommen manchmal viele Paare mit ihren Kindern zu einem großen Treffen.

Vierjährige finden das so mittelspannend, ob ich ihr Vater bin oder jemand anders. Aber sie spielen mit anderen Kindern und irgendwie haben sie so einen ähnlichen Charakter wie ihre Halbgeschwister. Sie bilden zum Beispiel keine Gruppen, sondern spielen alle gemeinsam, während die Eltern sich austauschen und vernetzen. Da freundet sich dann zum Beispiel ein Lesbenpaar aus Köln mit einem Lesbenpaar aus Düsseldorf an.

Warum wolltest du deine Kinder kennen lernen?

In der Samenbank musste ich immer Donnerstagmorgen zum Spenden. Da habe ich bloß Laborpersonal getroffen und das war okay. Einmal musste ich den Termin auf mittags verlegen und da saßen auch Pärchen in der Kinderwunschsprechstunde. Die sollten die Spender nicht sehen und sich fragen: „Kriegen wir von dem vielleicht ein Kind?“ Es war so eine unangenehme Stimmung von Geheimnistuerei und Tabu.

Wenn am Anfang eines neuen Menschenlebens schon ein Geheimnis steht – das kann sicher gut ausgehen oder schlecht. Wir haben keine Lanzeiterfahrungen und vielleicht wird ja ein Mensch im Alter total depressiv, weil er weiß, dass sein Vater ein Samenspender war. Aber ich habe im Fernsehen auch eine Reportage gesehen über Kinder, die ihren anonymen Vater suchen und es schwer haben. Es seinem Kind zu verheimlichen, ist die freie Entscheidung der Eltern. Aber manche Kinder finden spätestens im Biologieunterricht in der Schule heraus, dass da mit den Blutgruppen etwas nicht stimmt. Und ich glaube irgendwie nicht, dass es gut ist, selber hinter so ein Geheimnis zu kommen, zumal in der Pubertät.

Wie läuft eine Spende bei dir ab?

Die meisten Leute finden mich über meine Website. Oder ich habe ihnen früher schon Samen gespendet und sie wollen noch ein Kind. Wir e-mailen dann und telefonieren. Manche melden sich auch nicht mehr, wenn es plötzlich konkret wird.

Früher bin ich zu den Leuten gefahren und musste mich bereit halten, weil ihr Eisprung nicht genau planbar war. Dann wurde ich zum Beispiel auf Arbeit angerufen, wo ich eng in Termine eingespannt bin, und musste am selben Abend noch zum Beispiel nach Deutschland reisen. Aber mit der Zeit sagten immer mehr Wunscheltern: „Es ist unser Kinderwunsch, wir kommen zu dir.“ Ich habe ein Gästezimmer eingerichtet.

Persönliche Sympathie ist wichtig. Wenn wir uns treffen, können sie natürlich immer noch sagen, dass es nicht passt und das nehme ich ihnen nicht übel. Das ist aber noch nicht passiert.

Bei der Wahl der Methode richte ich mich nach dem Wunsch der Paare. Früher bin ich – vielleicht durch den Einfluss meiner älteren Schwestern, die noch von der ersten Welle des Feminismus geprägt wurden – grundsätzlich davon ausgegangen, dass Leute garantiert immer die Bechermethode wollen. Dann fragten in kurzer Zeit mehrere Leute vorsichtig nach der natürlichen Methode. Das war am Anfang ein großer Schritt für mich. Ich mache natürlich halbjährlich Gesundheitstests und frage auch nach welchen.

Inzwischen weiß ich, dass die meisten Leute sich die Zeugung ihres Kindes so natürlich wie möglich wünschen. Besonders, wenn sie schon ein paar Jahre Behandlungsversuche hinter sich haben, wollen sie nicht mehr in einer klinischen und kalten Atmosphäre mit einer Spritze befruchtet werden.

 

Video: Wunschkinder – Der Trailer. Mit einem Auftritt von Ed via Skype

Quelle: YouTube
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Mehr dazu:

Was: Wunschkinder. Abschluss-Kongress des Projekts von Theater Freiburgs und Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Wann: Freitag, 20. Mai, 18 Uhr bis Sonntag, 22. Mai 2011, 16 Uhr [.pdf Wunschkinder-Programm]
Wo: Stadttheater, verschiedene Floors und Spielorte
Wie viel? Schülertickets für das ganze Wochenende ab 8 Euro   [Fotos von Ed: Ed Houben.eu; Spermienbild: Fotolia]