fudder-Interview

Sänger Lion O. King im Interview: "Ich möchte ein Mysterium schaffen"

Emma Tries & Julia Stulberg

Lion O. King, Leon, Mr. Gold – der Grunge-Folk Sänger hat viele Gesichter. Mit fudder hat er über sein Alter Ego und seinen Hang zur Mystik gesprochen. Am 7. Juni spielt er im Café Ruefino in Freiburg.

Momentan bist du auf deiner "Royal-Misfits"-Tour unterwegs. Wie waren deine bisherigen Erfahrungen auf der Tour?

Ich fühle mich sehr gut, bisher hatten wir echt coole Gigs. Das ist jetzt das dritte Album und wir steigern uns jedes Mal, seitdem das Soloprojekt angefangen hat. Im Umfang und was die Touren angeht. Dieses Jahr ist es das erste Mal mit ganzer Band, im ersten Jahr war ich hauptsächlich alleine unterwegs, das Jahr darauf oft als Duo.

Auf der Bühne stehst du nicht als Leon, sonder als Lion O. King. Wer ist diese Person, hat er eine eigene Persönlichkeit?

Ich war gestern auf einer Picasso-Ausstellung und was seine Attitüde angeht, ist Picasso schon ein Vorbild für mich. Immer das zu tun, was nicht erwartet wird, das zu tun, was Verwunderung erzeugen könnte. Dafür ist dieser Stage Character da, um über das Alltägliche hinauszugehen und Welten zu erschaffen, die aber durch mein eigenes Leben inspiriert sind.

Ich selbst habe vielleicht auch ein ganz interessantes Leben, aber es ist nicht Hollywood. Deswegen ist der Stage Character ein Weg in diese Welt.
Zur Person:

Leon Ostrowski ist der Name der Person hinter Lion O. King. Der 30-jährige Sänger mit der rauchigen Stimme wohnt in Berlin und ist derzeit auf Tour in Deutschland, Großbritannien und den USA. Inspiriert von David Bowie und Michael Jackson, ist sein Stil eine Mischung aus Blues, Folk, Indie und Grunge.

In Lions Biografie steht, er ist in Äthiopien geboren und hat schon die ganze Welt bereist. Wie viel deiner Biografie stimmt mit Lions überein?

Ich schreibe mit einem Songwriting-Partner aus Portland gerade an einer Biografie für den Stage Character, damit das Lion O. King-Projekt mehr Tiefe bekommt. Wir haben uns zum Beispiel überlegt, dass seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind, dass er in keinem Land lange genug gelebt hat, um dort wirklich Fuß zu fassen und die Sprache richtig zu lernen. Er ist immer unterwegs gewesen. Wir sind zwar beide in Äthiopien geboren, aber ich persönlich bin danach in Darmstadt aufgewachsen und hatte eine relativ ruhige Kindheit. Das war mir einfach zu langweilig, deswegen ist der Stage Character auch da, um alles voll auszuschöpfen. Ich bin schon ein wenig rumgekommen, war einige Male in New York oder noch einmal in Äthiopien, aber bei Weitem nicht so zugespitzt wie Lion. Ich glaube auch, dass man so etwas nicht so gut rüberbringen kann, wenn man selbst keine Erfahrungen hat.
"Ich sage mir und anderen gerne manchmal, dass ich eigentlich gar nicht existiere, weil ich mich mit Persönlichkeitsbeschreibung schwer tue."

Wie strikt trennst du Lion und Leon? Bist du ein ganz anderer Mensch?

Komplett strikt. Manchmal, wenn ich abends Leute treffe, denen erzähle was ich mache und die nach dem Stage Character fragen, biete ich manchmal eine kleine Kostprobe an. Die sind dann meistens auch richtig schockiert, das sind wirklich zwei paar Schuhe. Ich würde sagen, mein Stage Character ist durch mein Wesen inspiriert, aber dabei bleibt es auch. Ähnlich,wie wenn man eine Maske aufsetzt. Manchmal haben wir auch Gemeinsamkeiten, zum Beispiel, was die Biografie angeht. Ich bediene mich dann sozusagen bei den Facts.

Wer ist denn dann Leon?

Ich sage mir und anderen gerne manchmal, dass ich eigentlich gar nicht existiere, weil ich mich mit Persönlichkeitsbeschreibung schwer tue. Ich könnte sagen, ich habe ein sonniges Gemüt, aber es gibt auch Leute, die mich schon sehr unangenehm erlebt haben. Einen Charakter kann man eigentlich gar nicht greifen. Deswegen ist für mich eine Charakterbeschreibung höchstens als Annäherung möglich. Aber eigentlich geht es mir viel besser, wenn ich mich selber eher als eine Reihe von Phänomenen betrachte als als ein festes Ich.
"Immer mit der Erwartung zu brechen, das macht das gewisse Etwas aus."

Wie ist die Kunstfigur Lion O. King entstanden?

Sechs Jahre lang war ich in einer Band und irgendwann kamen wir vor einen Widerspruch, der sich nicht lösen ließ. Ich war sehr ehrgeizig und wollte viel erreichen, war aber zu schüchtern, um das auf der Bühne durchzuziehen. Dazu kam, dass die anderen nicht mehr wirklich den Ehrgeiz hatten, das Projekt weiterzuführen, deswegen haben wir uns aufgelöst. Als ich dann wieder bei Null angefangen habe, ist mir ganz schnell aufgefallen, dass ich besser über den Weg der Vorstellungskraft gehe und ein eigenes Szenario erschaffe. Diesen Charakter habe ich dann als jemanden erschaffen, der aus sich rausgeht und keine Zweifel an den Tag legt. Das hat mir super geholfen, um diesen Widerspruch auch zu lösen und nicht mehr so schüchtern zu sein.

Am Anfang waren die Leute aber ein wenig schockiert, viele sind auf mich zugekommen und haben mich gefragt, wie’s mir geht, weil sie sich Sorgen machten. Sie konnten das nicht trennen. Es gibt immer noch einige Leute, auch Freunde von mir, die Lion O. King nicht mögen.



Wären du und Lion gut befreundet?

Auf jeden Fall. Ich glaube, ich würde ihn feiern (lacht), ich glaube, er fände mich nett. Er würde mich ab und zu mal um Rat fragen und irgendwann würde er mich vielleicht zu langweilig finden. Aber ich glaube, wir würden echt gut klarkommen.

Viele Künstler benutzen ihr Alter Ego für Selbstbewusstsein und um Freiheit zu haben. Ist das bei dir ähnlich?

Ja, genau das ist es. Das hat mir super geholfen um diesen Widerspruch auch zu lösen und nicht mehr so schüchtern zu sein. Die Freiheit zu machen, was man will, frei von den Erwartungen, die die Leute an die eigene Person haben. Deswegen habe ich auch Picasso erwähnt, da ist etwas Schelmisches drin. Immer mit der Erwartung zu brechen, das macht das gewisse Etwas aus. Dass man etwas Unerwartetes tut, etwas Kurioses und da ein Skandal entsteht, das gefällt mir. Ein bisschen Chaos.

Wie würdest du dein Album "Royal Misfits" in drei Worten beschreiben?

Chaos. Selbstbewusstsein. Sein Selbstbewusstsein im Chaos finden.

Auf deiner Website findet man einen geheimnisvollen Text zu deinem Album. Hast du einen Hang zum Mystischen?

Das erzähle ich voll vielen Leuten in Bezug auf das, worum es mir bei Lion O. King geht: Ich möchte ein Mysterium schaffen. Jemanden, über den man Geschichten erzählt, aber keiner weiß, welche davon wahr sind.

Du bist schon viel rumgekommen. Wo geht die Reise als nächstes für dich hin?

Ich bin jetzt schon oft woanders, ich war letztens erst in Texas und durch die Tour verbringe ich viel Zeit in England. Ich versuche, das Unterwegssein zu leben.

Oft gibt es ja auch eine konzeptuelle Heimat. Meine Eltern wohnen in Süditalien und wenn ich da im Winter einfach mal entspannen kann, ist das ein tolles Gefühl. Aber es zieht mich tatsächlich ein bisschen in die USA, aber ich würde gerne zwischen Amerika und Berlin pendeln. Mir ist es wichtiger, als Künstler leben zu können, als die Stadt, in der ich wohne. Ich würde nicht dieses Leben opfern um in New York wohnen zu können, dann aber einen 40-Stunden-Job arbeiten müsste. Wenn du als Künstler in New York wohnst, dann hast du am Besten geerbt oder bist erfolgreich, sonst kannst du’s vergessen, da ist Berlin ein wenig gnädiger.

Hast du schon Zukunftspläne für dich und Lion?

"Royal Misfits" ist jetzt mein drittes Album. Als ich mit dem Soloprojekt angefangen habe, habe ich mir einen 20-Jahre Plan-gemacht: In zehn Jahren zehn Alben, danach fünf Alben in zehn Jahren, mit längeren Songs und Musikvideos. Danach häng ich’s an den Nagel. Als grauer Mann möchte ich wahrscheinlich nicht mehr auf der Bühne stehen.

  • Was: Lion O. King "The Royal Misfit"
  • Wann: 7. Juni, 20.30 Uhr, Café Ruefino
  • Wo: Café Ruefino, Granatgässle 3 Eintritt: frei

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