Sänger Bird Berlin im Interview: "Wenn ich mich mit Glitzerpulver einreibe, fühlt sich das gut an."

Bernhard Amelung

Bird Berlin, eigentlich Bernd Pflaum, kommt aus Nürnberg und steht für bunte, poppige, glamouröse Konzertauftritte. Zu hören und zu sehen ist er am Samstag im Slow Club. Ein Gespräch über Glitzerpulver, Glücklichsein und Nacktheit.

Du wirkst sehr fröhlich. Bist du ein fröhlicher Mensch?

Bird Berlin: Ich denke schon, dass ich ein sehr fröhlicher Mensch bin.

Woher kommt das?

Ich habe irgendwann für mich entschieden, dass ich mit einem Lächeln, mit Lachen, Freude und Liebe leichter durchs Leben komme. Gerade, wenn viel Blödsinn passiert, wenn es Stress gibt im Privaten und in der Gesellschaft, kann ich damit besser umgehen, wenn ich fröhlich bin.

Kannst du auf Kommando lachen?

Schwer. Sehr schwer. (lacht lange)

Jetzt lachst du.

Es fällt mir wirklich sehr schwer, auf Kommando zu lachen. Aber meistens muss man nicht lange warten, bis ein Lacher aus mir rauskommt. (lacht wieder)

Was bedeutet denn für dich Glücklichsein?

Freude und Glücklichsein sind der Schlüssel zu ganz vielen Dingen. Zu vielen Sachen, die man machen muss, die passieren. Ich finde es schöner, wenn die Dinge mit Freude passieren. Glücklichsein stellt sich bei mir schon ein, wenn ich von einem anderen Menschen ein kleines Lächeln bekomme, eine kleine, positive Anmerkung. Ein schöner Augenblick, der mich trifft, kann sehr viel Freude auslösen, und Freude bedeutet für mich Glück. Solche Kleinigkeiten sind viel, viel toller als ein Sechser im Lotto. (lacht)

"Sobald ich schwitze, kleben die Klamotten an mir. Das fühlt sich ganz komisch an."

Warum lachst du?

Ach, der Sechser im Lotto ist schon auch cool, den darf man nicht schlecht reden.

Kann deiner Ansicht nach ein Mensch das Glücklichsein lernen?

Ich denke, Glücklichsein lernen ist schwer. Aber man kann sich entscheiden, den Dingen positiv entgegen zu blicken. Man kann sich entscheiden, wie man mit Sachverhalten, Gefühlen und Aufgaben umgeht. Man kann entscheiden, ob man griesgrämig ist oder glücklich. Das kann man auch selbst beeinflussen. Man kann sich beobachten und feststellen, dass man sich noch verändern kann. Man muss nicht in der Sackgasse der Griesgrämigkeit stecken bleiben.

Oder man geht auf eines deiner Konzerte. Deine Auftritte sind bunt, laut, du reibst dich mit Glitzerpulver ein, manchmal ziehst du dich aus. Woher kommt das?

Ich trete meistens in Leggings oder Badehosen auf und trage neonfarbene Stulpen. Das kommt daher, dass ich früher in einer Band gespielt habe, The Audience, und damals hatte ich noch viele Klamotten an. Da ich etwas beleibter bin, komme ich schnell ins Schwitzen, sobald ich mich auf der Bühne bewege. Sobald ich schwitze, kleben die Klamotten an mir. Das fühlt sich ganz komisch an. Deshalb fühle ich mich in Leggings oder Badehosen freier. Das ist für mich wie im Schwimmbad.

Das Glitzer, die Farbigkeit, der Kitsch – da habe ich eine unglaubliche Lust drauf. Farbe und Kitsch machen fast von alleine fröhlich. Farbe im Alltag und auf der Bühne macht so viel aus. Ich habe einfach Spaß, damit zu spielen. Wenn ich mich mit Glitzerpulver einreibe, fühlt sich das gut an. Für mich ist das auch wie ein Schutzschild, mein letzter Rest Unnacktheit. Ein verrücktes Ritterkostüm für meinen körperlichen Striptease, vielleicht auch für meinen Seelen-Striptease, denn auf der Bühne gebe ich von mir persönlich viel Preis. Ich bringe viel Offenheit mit.



Man sagt, ein nackter Mensch sei verletzlicher. Wie siehst du das?

Ja, sicher. Aber sobald ich die Bühne betrete und meine Nacktheit, meine Offenheit präsentiere, habe ich eine gewisse Macht. Ich habe einen Vorsprung in der Geschichte des Abends. Das Publikum muss erst einmal auf meine Nacktheit reagieren, und ich kann die Reaktionen abwarten. Das kann ein Lächeln oder Kopfschütteln sein. Manchmal werden die Menschen auch aggressiv oder verletzend. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich durch meine Nacktheit verletzlicher bin.

Menschen im Publikum werden verletzend?

Das ist durchaus schon vorgekommen, dass manche Gäste einen verletzenden Gedanken in meine Richtung geäußert haben. Ich kann damit aber umgehen. Ich schaffe mir auf der Bühne meine Rückzugsmöglichkeiten und versuche, sie noch mehr in meine Stimmung rein zu holen. Vielleicht verstehen sie dadurch besser, warum ich dort oben stehe, warum ich mich so kleide und schminke.

"Ich mag den Prunk, den Pomp, aber auch Dezentheiten."

"Ach, wie liebe ich roten Samt" singst du auf deinem 2011 veröffentlichten Album. Magst du es glamourös?

Ich mag es sehr gerne glamourös. Ich mag Übertreibungen. Ich mag den Prunk, den Pomp, aber auch Dezentheiten. So ein Spiel zwischen ganz, ganz viel und ganz, ganz wenig. In meiner Musik und Show sind viele Schattierungen dabei.

Wie viel Glamour verträgt deiner Meinung nach der deutsche Pop?

(lacht).

Also keinen.

Ich bin Bands wie Tocotronic sehr dankbar, dass sie es so gemacht haben, wie sie es gemacht haben. Mit der Musik und den Texten dieser Bands bin ich groß geworden. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass deutsche Indie-Pop-Musiker zu verkrampft sind. Ihnen geht es mehr um das Wollen und weniger um das Machen.

Der deutsche Pop braucht stets ein Manifest.

Ich finde es schön, wenn Künstler leben, was sie machen. Wenn es auf mich als Betrachter wirkt, als ob sie gar nicht anders können als das zu machen, was sie machen. In der deutschen Popkultur geht es meiner Meinung nach zu oft um das "Ich-möchte-das-machen", und trotzdem passiert nichts. Es fehlt das "Ich-mache-das". Da dürfen wir Musiker und Sänger noch ganz stark in uns reinhören. Wir dürfen alle noch etwas mutiger, bunter sein, was den Popbetrieb betrifft.

"Wenn Menschen lachen und sich öffnen, sind sie von alleine schön."

Das Fazit vieler deiner Songs ist ja "Liebe". Welchen Zweck erfüllt die Liebe?

Liebe ist alles. Liebe beinhaltet die Lösung für alles, was auf uns zu kommt, was auf uns wartet. Liebe vermittelt auch, dass jeder Mensch wertvoll ist.

Das klingt jetzt arg nach Pädagogik-Lehrbuch.

Aber jeder Mensch ist doch schön und wertvoll. Damit meine ich nicht, dass er tolle Körpermaße hat, eine tolle Figur, ein tolles Aussehen, und dass er sich modisch kleiden kann. Wenn Menschen lachen und sich öffnen, sind sie von alleine schön. Ich möchte den Menschen auf meinen Konzerten einen Raum bieten, wo sie aus sich heraus gehen und feststellen können, dass sie schön sind.

Was bedeutet das konkret?

Ich versuche meinem Publikum zu vermitteln, dass der Mensch mit sich ins Reine kommen muss. Erst, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kann ich auch mit anderen Menschen ins Reine kommen, sie lieben und schön finden.


  • Was: Konzert w/ Bird Berlin, danach Party w/ Birdi himself & DJ Nick
  • Wann: Samstag, 13. Mai 2017, 21 Uhr