Sänger Alex Tsitsigias von Schrottgrenze im Interview: "Niemand soll Angst haben, sich mit Gender und Sexualität zu beschäftigen"

Bernhard Amelung

Das Konzert der Band Schrottgrenze an diesem Samstag ist abgesagt. fudder veröffentlicht das Interview mit Sänger Alex Tsitsigias über Punk, performte Aggression und sexuelle Orientierung trotzdem.

Alex, mit eurer Band Schrottgrenze positioniert ihr euch zwischen Pop und Punk. Geht man davon aus, dass Punk performte Aggression ist, worauf seid ihr wütend?

Alex Tsitsigias: Wir sind auf viele Dinge wütend, die aktuell in Deutschland passieren. Das Erstarken der rechtspopulistischen Bewegungen erregt unseren Zorn. Wir sind wütend auf Menschen, die Minderheiten diskriminieren. Als Musiker sind wir jedoch keine Darsteller von Wut. Wir arbeiten nicht mit der Aggression als Stilmittel. In unseren Songs verfolgen wir eher einen verträumten Ansatz und verwenden entrückte, melancholische Stimmungen.

Woher kommt die Vorliebe für poppige Schattierungen auf eurem aktuellen Album?
Alex Tsitsigias: Wir hatten schon immer eine Schwäche für poppige Komponenten. Powerpop ist eine Musikrichtung, auf die sich alle Mitglieder von Schrottgrenze einigen können. Wir stehen einfach auf Bands, die schlichte, komprimierte Popsongs raushauen, zum Beispiel Blondie. Diesen poppig-wavigen Ansatz praktizieren wir in unserem Spiel selber gerne.

Wie schwer ist es eigentlich, einen einfachen Popsong zu schreiben?
Alex Tsitsigias: Das Einfachste ist oft das Schwerste. Erst recht, wenn man als Musiker mit zunehmendem Alter eine Fülle an Erfahrungen ins Studio bringt. Da spielt man schnell zu kompliziert, zu over-the-top. Die große Herausforderung ist, das wieder auf das Wesentliche eines Songs herunter zu brechen. Minimalismus, mit zwei Gitarren zu arbeiten, keine Overdubs, keine Experimente, das hört sich einfacher an, als es in Wirklichkeit ist.



In euren Songs auf "Glitzer auf Beton" sprecht ihr Entfremdung, Liebe, Sexualität und Gender-Fragen an. Wie behält man bei so vielen Themen den Überblick beim Songschreiben?
Alex Tsitsigias: Viele Gedanken, die die Grundlage unserer Texte bilden, entspringen der Lebenserfahrung, unserer Lebenswirklichkeit. Wir verarbeiten, was wir in den vergangenen Jahren im Alltag erlebt und gesammelt haben. Der Überblick ergibt sich durch die Reflexion des Erlebten. Im Idealfall verdichtet sich das wie in einem Song wie "Sterne". Die Zeile "Lieb’ doch einfach, wen du willst", klingt zunächst sehr beliebig und profan. In dem Gender-Kontext bekommt sie aber eine tiefere Bedeutung.

Niemand soll Angst haben, sich mit den Themen Gender und Sexualität zu beschäftigen.


Gender-Kontext klingt sehr akademisch und so gar nicht nach schnell konsumierbarem Pop.
Alex Tsitsigias: Bei uns sind die Inhalte nicht konstruiert. Sexualität und Gender-Fragen bestimmen durchaus meinen Alltag. Als homosexueller Mann werde ich damit ganz oft konfrontiert und habe dadurch einen ganz anderen Zugang. Mit ist aber sehr wichtig, dass ich in meinen Texten terminologisch nicht komplex und akademisch rüberkomme. Ich möchte, dass unsere Texte auch ohne Vorwissen verstanden werden können. Niemand soll Angst haben, sich mit den Themen Gender und Sexualität zu beschäftigen.

Woran liegt es deiner Ansicht nach, dass im Jahr 2017 immer noch viele Menschen Berührungsängste vor diesen Themen haben?
Alex Tsitsigias: Dafür gibt es sicher viele Erklärungen. Das kann man nicht auf eine einzigen Grund herunter brechen. Man muss stets im Einzelfall schauen, aus welcher Situation heraus diese Ängste entstehen. Das ist das eine.

Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass Menschen, die sich in between verorten, die sich ausleben und eine Unfassbarkeit haben, immer den Menschen ein schlechtes Gefühl geben, die auch verdrängte Sehnsüchte haben, die sie aber zurück gestellt haben, weil sie sich einem Lebensentwurf untergeordnet haben. Manche Menschen fühlen sich dann durch Homosexuelle oder Trans-Menschen daran erinnert. Das ist durchaus eine diskutierte These.

Homosexualität als Konfrontation?
Alex Tsitsigias: Die wenigsten homosexuellen oder Trans-Menschen verstehen sich meiner Ansicht nach als konfrontativ. Einige sicher, schon, aber oft auch aus einer Not heraus, weil die Konfrontation von der anderen Seite kommt. Da sind Dynamiken im Spiel, die durch gesellschaftliche Umstände entstehen.

Die Gesellschaft mag den Transvestiten am liebsten, wenn er auf der Bühne steht und eine nette Show macht. Sie mag ihn als Kunstfigur, aber er darf auf keinen Fall eine wirkliche Person sein.


Wie versteht sich denn vor diesem Hintergrund Saskia Lavaux?
Alex Tsitsigias: Wenn ich als Saskia auftrete, ist es eine Überzeichnung durch bestimmte Stilmittel wie Make-up. Ich schaffe Sichtbarkeit, mache mich sichtbarer. Dadurch wird mein Auftritt auch zu einem konfrontativen Akt. Die Menschen merken, dass ich etwas inszeniere. Ich muss mich da aber gar nicht verorten. Das wird von der Gesellschaft immer verlangt, stößt aber bei mir auf Unverständnis. Ich mache das, weil ich Lust darauf habe. Die Gesellschaft aber mag den Transvestiten am liebsten, wenn er auf der Bühne steht und eine nette Show macht. Sie mag ihn als Kunstfigur, aber er oder sie darf auf keinen Fall eine wirkliche Person sein, die ihre Identität auslebt.

Die Gesellschaft mag es halt schlicht und linear.
Alex Tsitsigias: Der Mensch möchte Sicherheit, und das Einfache gibt Sicherheit. Doch dann merkt man im Laufe seines Lebens, dass Sicherheit auch nur begrenzt befriedigend ist. Man kann Sehnsüchte gut ertragen, so lange sie auf einer Bühne gespiegelt werden. Aber wenn man eigenen Sehnsüchten im Alltag begegnet, zum Beispiel trifft man Saskia Lavaux in der Damenabteilung eines Warenhauses, dann ist man schockiert. Mein Anliegen ist es, Queer-Menschen im Alltag zu akzeptieren und dass man aufhört, es als Unsicherheitsfaktor wahrzunehmen, wenn sich jemand anders kleidet oder andere Praktiken ausübt.

Diese Freiheit erscheint vielen als Bedrohung...
Alex Tsitsigias:...es gibt nun einmal Homophobie. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt Menschen, die da ganz schnell Grenzen überschreiten und übergriffig werden. Das erlebt man als homosexueller oder Trans-Mensch in Deutschland eigentlich zu jeder Zeit und in jeder gesellschaftlichen Schicht. Das ist auch der Grund, warum ich den Song "Sterne" auf die sexuelle Orientierung und Gender-Thematik zugespitzt habe.

Viele sagen, die sexuelle Orientierung sei Privatsache...
Alex Tsitsigias: Das stimmt nur bedingt. In jeder Werbung, in jedem Spielfilm, wird Heterosexualität produziert und reproduziert. Homosexuelle haben aber auch das Bedürfnis, sichtbar zu sein, sichtbar in der Öffentlichkeit, weil sie sonst die ganze Zeit in einer Art Hegemonialgesellschaft leben. Deshalb ist die sexuelle Orientierung nur bedingt privat. Sie sollte öffentlich sein, um eine Gleichstellung zu schaffen. Diese Sichtbarkeit soll auch unser Album "Glitzer auf Beton" unterstützen.
Zur Person

Alex Tsitsigias, 1979 in Peine (Niedersachsen) geboren, ist Sänger der Power Pop- und Post Punk-Band Schrottgrenze. 1994 von Tsitsigias und Timo Sauer (auch Mitglied der Indie-Band Tusq) gegründet, veröffentlichte die Band bis 2007 sechs Studioalben. Nach einer Auszeit (2007) und Auflösung (2010) haben sich Tsitsigias, Sauer, Benni Thiel und der neue Bassist Hauke Röh im Sommer 2016 wieder zusammen getan – und im Januar dieses Jahres das Album "Glitzer auf Beton" veröffentlicht. Wann immer Tsitsigias Lust hat, tritt er als Saskia Lavaux auf.

Hinweis

Das für Samstag, 27. Mai geplante Konzert mit Schrottgrenze im Swamp fällt aus. Sänger Alex Tsitsigias steht krankheitsbedingt in den nächsten Tagen nicht zur Verfügung. fudder.de berichtet, ob und wann es einen Nachholtermin geben wird.

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