Ruhm in Rumänien für eine Freiburger Band

Johanna Schoener

Eine tolle Geschichte: Eine Freiburger Band erobert den Balkan mit Musik vom Balkan. Äl Jawala nennen sich die Freiburger Musiker. Zwei Wochen lang waren sie kürzlich mit ihren “Balkan Big Beatz” in Rumänien unterwegs, spielten als einer der Headliner auf dem großen Stufstockfestival, kamen im rumänischen Fernsehen und sprangen nebenbei nur knapp dem Tod von der Schippe... “Fahrendes Volk” oder “Reisender” bedeutet Äl Jawala im Arabischen. Für die Freiburger Band war ihr Name vor wenigen Wochen Programm - sie begab sich auf den Weg nach Rumänien. Es ist gar nicht lange her, da machte sich Mani Gutau von Urma, der rumänischen Nummer-Eins-Band, auf die Suche nach interessanten westeuropäischen Musikern. Die Balkan Melodien von Äl Jawalawaren ihm vertraut. Die Art, wie sie diese mit Hip-Hop, Trip-Hop, Jungle, Jazz und anderen Beats ihrer Jugend verzwirbeln, überzeugte ihn. Letztes Jahr spielten die Freiburger dann als erste westeuropäische Band beim Stufstockfestival in Rumänien. Vom Newcomer der Nebenbühne stiegen sie dieses Jahr zu einem der Headliner auf. Am letzten Festivalabend, dem 3.September, rockten sie die Hauptbühne. Für die Freiburger hieß das Rumänien-Rummel: vor dem Konzert ein Interview mit dem Sender TVR 2(vergleichbar mit dem ZDF), dann eine geplante Live-Übertragung des Gigs, die wegen technischer Schwierigkeiten erst eine Woche später ausgestrahlt werden konnte, und schließlich fand sich Markus von Äl Jawala neben Mani (Urma) mit Übersetzungsknopf im Ohr auf der Gästecouch in einer rumänischen Kultursendungwieder. “Es ist schon verrückt, wenn du nach einem Beitrag über Beyoncé live als Studiogast interviewt wirst”, erzählt Markus, “und dann versagte auch noch die Technik und die Stimme der Übersetzerin wurde immer leiser.” Trotz Aufregung gelang es ihm ? zusammen mit Mani ? über das Festival, das rumänische Publikum und die Zusammenarbeit von Urma und Äl Jawala zu plaudern. Auf dem neuen Album von Urma ist Markus als Percussionist dabei.

Der Blitzerfolg von Äl Jawala in Rumänien ist umso bemerkenswerter, bedenkt man, dass sie sich in Freiburg über Jahre von der Straße ins Jazzhaus und auf die ZMF-Bühne hochgespielt haben. Es war im Sommer 2000, als sich Steffi (Saxophon), Krischan (Saxophon), Markus (Percussion, Schlagzeug) und Daniel (Percussion, Schlagzeug, Digeridoo) zum Jammen in Markus’ Küche, am See und auf der Straße zusammenfanden und damit die Entwicklung hin zur Band lostraten. 2004 vervollständigte Daniel Nummer zwei am Bass das Quintett, so wie es heute besteht. Woher rührt die Begeisterung der Rumänen für die Freiburger Band? Da ist der Wiedererkennungseffekt des uralten Volksliedguts vom ganzen Balkan, mit dem Äl Jawala experimentiert. Hierzulande machen diese orientalischen Einflüsse den Exotenfaktor der Band aus und brennen sich unauslöschlich in die Höhrerohren. In Osteuropa sind die Zigeunermelodien von Kindesbeinen an vertraut. Faszinierend ist für die Rumänen dagegen die neuartige Mischung mit Clubsounds und die Spielweise der Musiker. Äl Jawala übernimmt fast kein Lied eins zu eins. Sie spielen mit Teilen von Melodien, geben ihnen neue Harmonien und unterlegen sie mit andere Rhythmen. Fünzig Prozent ihrer Stücke sind ohnehin Eigenkompositionen. “Die unterschiedlichen Blickwinkel auf unsere Musik, sind für uns unheimlich spannend”, sagt Steffi, “jede Seite hört das heraus, was ihr weniger vertraut ist.” Es ist eine Art wortloser Kulturaustausch, der dabei entsteht. Zwar erscheint es schwierig, mit rein instrumentaler Musik eine Message rüberzubringen, aber Äl Jawala haben den Traum, ihre Musik zu einem nations-, religions- und generationsübergreifenden Erlebnis zu machen. Was sich so utopisch anhört, passiert bereits bei den Straßenkonzerten der Band. Wer die Äl Jawalas einmal auf der Straße erlebt hat, weiß um hüpfende Kinder- und wippende Seniorenfüße ? Grund genug, sich nie von der Straßenmusik zu trennen. “Nirgendwo erreicht man so viele Leute”, glaubt Steffi, “Clubs haben immer eine Zielgruppe”.

Mit ein bisschen Glück entsteht auch dort ein bunt gemischtes Publikum. Beispiel Bukarest: Im Club “Terassa Old School” war die Band am 31. August am späten Nachmittag gerade mit dem Aufbau beschäftigt. Ein Haufen Feierabendler der Oper von nebenan kehrte zum Essen ein. Der Soundcheck veranlasste sie zu bleiben. Ein paar Stunden später tanzten auch die über 50jährigen buchstäblich auf den Stühlen. Generationsaustausch gelungen, der nationale Austausch an diesem Abend in einer Hinsicht “missglückt”: Nach dem Konzert kamen ein paar Leipziger Touristen zu den Freiburgern. Sie waren auf dem Konzert, um einmal eine echte rumänische Band zu erleben. Bei aller Begeisterung ob der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Rumänen ? das Land hatte auch stressige Seiten, Stichwort Fahrstil gleich Freestyle. Autobahnen gibt es kaum in Rumänien. Gängiger sind die meist einspurigen Highways, auf denen vom Pferdegespann bis zum Lastverkehr alles fährt, wie es will. Nach einer kurzen durchfeierten Nacht waren Äl Jawala durch ein Flusstal in den Kaparten unterwegs nach Cluj, wo sie abends auf der nächsten Bühne erwartet wurden. Plötzlich rasten zwei Riesentrucks nebeneinander auf sie zu. Unter großem Geschrei zwang Daniel den neuen Bandbus zu einer beherzten Vollbremsung. Eine Handbreit vor ihnen scherte der überholende Truck zurück in seine Spur. Nachdem sie dem Tod nach eigenen Aussagen um Haaresbreite entkommen sind, basteln Äl Jawala an neuen Projekten. Shantel, der mit seinem Bukowina Clubregelmäßig das Jazzhaus in einen osteuropäischen Tanzkeller mit Elektronikeinschlag verwandelt, wird ein Stück der Band remixen und drei weitere produzieren. Die EP soll im Winter rauskommen. Außerdem beginnen für Äl Jawala gerade die Arbeiten an einem Album mit überwiegend eigenen Stücken, welches im kommenden Jahr erscheinen soll. In Freiburg sind sie das nächste Mal am 2. Dezember im Jazzhauszu erleben.


Mehr dazu:



Äl Jawala

Steffi Schimmer (Altsaxophon) Krischan Lukanow (Tenor- und Altsaxophon) Markus Schumacher (Percussion, Schlagzeug) Daniel Pellegrini (Percussion, Schlagzeug, Digeridoo) Daniel Verdier (Bass)

Diskographie

2005: Live at Jazzhaus Freiburg 2004: Balkan Big Beatz ? Live 2002: Urbannâtya Weitere Infos und CD-Bestellung auf der Homepagevon Äl Jawala.

Klangprobe: