Rugby-WM-Finale: Public Viewing im O'Kellys

Julia Nikschick

Was ist die vermeintlich männlichste Sportart der Welt? Fußball? Handball? Rugby! Am Sonntag ging es im Eden Park Stadion in Auckland/Neuseeland um die höchste Ehre: den Rugbyweltmeistertitel 2011. Aber nicht nur dort standen sich Neuseeländer und Franzosen gegenüber - auch im Freiburger Irish Pub O'Kellys.



Zehn Minuten vor Anpfiff stolpere ich ins O’Kellys, einem gemütlichen irischen Pub eingeklemmt zwischen UB-Baustelle und Stadttheater. Der Pub ist zum Bersten voll. Nachdem ich mir gerade noch einen Sitzplatz ergaunern konnte, beobachte ich das Treiben. Immer mehr Zuschauer strömen herein. Die Bedienungen versuchen sich - mit Guinnesgläser wedelnd - eine Schneise zu schlagen um die Getränke an Mann, Frau, Kind, Oma und Opa zu bringen. Hilfsbereit sind alle, so geht das ersehnte Bierglas durch zehn Hände bis es schließlich auf der anderen Seite des Pubs ankommt.


Mittlerweile ist es 10 Uhr vormittags. Die ersten Töne der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, schallen via Leinwandübertragung durch den Pub. Drei Franzosen springen auf, bekleidet mit napoleonischer Uniform samt Zweispitz und singen aus voller Kehle mit. Peinlich ist hier nichts, denn für sein Land gibt man alles. Fahne, Stimme, doch vor allem Herz.



Nach der neuseeländischen Hymne senkt sich Stille über die Zuschauer. Alle starren gebannt auf die Leinwand. Die „All Blacks“, die Nationalspieler Neuseelands, beziehen Stellung. Doch nicht für den Anstoß, sondern um zu Tanzen. Haka, nennt sich der Ritualtanz, der traditionell vor Beginn des Spieles aufgeführt wird. Er dient vor allem einem Zweck – dem Gegner Stärke und Furchtlosigkeit zu demonstrieren.

„Das ist der Tod“, singen sie auf Maori, „das ist das Leben!“ Die maorischen Tätowierungen spannen sich über ihre muskulösen Arme, doch Angstmachen ist zwecklos! Frankreich steht Schulter an Schulter, Siegeswillen im Gesicht. Die wenigen Neuseeländer die sich heute im Pub eingefunden haben, jubeln und brüllen schon jetzt. Vertrauen muss man haben! Kick Off.

30 Männer jagen einem Ball hinter her. Eigentlich keinem Ball, eher einem Ei. Fängt ein Spieler das Ei liegt spätestens 10 Sekunden später ein Menschenberg aus zehn Leibern auf ihm. Die Hälfte versucht ihm den Ball zu entreißen, die andere ihn zu schützen. Wie ein Baby wird der Ball an den Körper gepresst nur um ihn im richtigen Moment an einen Teamkameraden weiter zugeben. Dann geht das Prozedere von vorne los.

Im Pub wird es immer heißer. Der Zuschauerstrom ist nicht abgerissen und langsam frage ich mich, ob sich der Raum magisch ausdehnt, um auch dem letzten begeisterten Zuschauer Platz zu bieten. Neuseeland hat den Ball und gelangt in die Endzone. Mit anschließendem Kick durch die Tore gehen sie 8:0 in Führung. Glücksgebrüll ertönt, die neuseeländische Fahne weht durch den Raum. Noch ist nicht aller Tage Abend, denke ich - auch wenn ich insgeheim zu All Blacks halte.



Zur Halbzeit führt noch immer Neuseeland, doch die Stimmung ist ungebrochen gut und aufgeheizt. In zehn Minuten Pause ist nur Zeit um schnell frische Luft zu schnappen oder eine Zigarette zu rauchen. Ich versuche erneut, die Bedienung auf mich aufmerksam zu machen. Die Luft ist zum Schneiden dick, die Fenster beschlagen. Langsam mischt sich unter den Schweißgeruch auch noch der verlockende Duft gebratener Hamburger. Lecker, doch bis die Bedienung bei mir ankäme, wäre der Burger wohl kalt. Also warten auf das Ende des Spiels.

Erneuter Anpfiff. Bereits sieben Minuten nach der Halbzeitpause holen die Franzosen auf: 8:7. Die drei Napoleonesen springen auf ihre Stühle, reißen fast den Beamer von der Decke. Spannung wie beim Fußball, doch der Kampf auf dem Feld ist ein anderer. Unnachgiebig wird gekämpft, auf den Gegner gesprungen wie auf ein Pferd oder sich gegenseitig akrobatisch in die Höhe gehoben, nur damit die eigene Mannschaft zuerst am Zug ist. Unter lauten Ohhhhhs! und Ahhhhs! fiebert die Menge dem Abpfiff entgegen.



Der letzte Speilzug, noch 30 Sekunden. Die Neuseeländer schreien: „Festhalten!“ Kein Raumgewinn mehr für die Franzosen und erst recht kein Ballbesitz mehr. Die All Blacks hören auf ihre Fans. Drei, zwei, eins! Neuseeland ist Weltmeister!!! Die Franzosen buhen, ziehen ihren Zweispitz und trappeln betrübt hinaus auf die Zigarette danach. Vielleicht war der Maoritanz dann doch ein bisschen zu wirkungsvoll.

Als ich endlich an die frische Luft komme, scheint aber bereits aller Frust vergessen. Weltmeister und Verlierer plaudern ausgelassen über das Spiel. Prost! Auf die nächste WM!



Haka

Quelle: YouTube
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  [Rugbyfotos: dpa]