Rudiger: In der Chemo habe ich mich fit gehalten

Dana Hoffmann

Benjamin Rudiger, Mountainbikefahrer aus dem Team Rothaus Cube, musste sich noch im Februar dem letzten Zyklus einer Chemotherapie unterziehen. Am 10. Juni ging er dann beim Waldhaus Bike-Marathon an den Start und gewann. Am 17. Juni gewann er schon wieder, diesmal beim Black Forest Ultra in der Tandemwertung, gemeinsam mit seinem Cousin André. Wie geht sowas?



Benjamin Rudiger kann kaum ruhig sitzen. Sein Fahrrad steht neben ihm an die Wand gelehnt, startklar. Wenn man es nicht wüsste, würde man nicht vermuten, dass der 23jährige noch bis Anfang des Jahres geschwächt und kahlköpfig im Krankenhaus lag. Der Mountainbiker aus dem Team Rothaus-Cube hat im Februar den letzten von sechs Chemotherapie-Zyklen überstanden und den Lymphdrüsenkrebs besiegt.


Zwei Rennen hat er seit dem schon erfolgreich absolviert. Er wurde Erster beim Mountainbike- Marathon in Waldhaus über 42 km und siegte auch in Kirchzarten: Zusammen mit seinem Cousin André trat er 77 Kilometer in die Pedale des Tandems.

Benny, herzlichen Glückwunsch zum Tandem-Sieg. Hat die Kraft für einen Einzelsieg noch gefehlt?

Nein. Ich wäre auch schon alleine gestartet, aber das war eine abgemachte Sache mit André. Als ich Anfang des Jahres noch total fertig von der Chemo auf dem Sofa lag, kam uns die Idee, dass wir als Tandem starten, falls ich noch nicht fit bin.



Du bist erst vor ein paar Monaten aus dem Krankenhaus entlassen worden und jetzt schon wieder fit. Wie geht das?

Es kann sich keiner so richtig erklären, wie ich mich so schnell regenerieren konnte. Eine Woche nach meiner Entlassung habe ich einen Leistungstest gemacht. Da ging noch gar nichts. Ich hatte keine Kraft und die Blutwerte waren auch im Keller. Nach sechs Wochen hab ich’s noch mal versucht und da war auf einmal alles super gut. Das lag vielleicht daran, dass ich allgemein ein körperlich höheres Niveau habe als andere. Auch während der Chemo habe ich versucht, mich fit zu halten.

Wie denn?

Es gab natürlich Tage, an denen nichts ging. Da bin ich höchstens mal spazieren gegangen. Soweit das möglich war, habe ich Nordic Walking gemacht oder bin mit dem Rad auf der Rolle gefahren.

Wie hast du dich motiviert, an den kraftlosen Tagen?

Ich habe gedacht: Mir geht’s scheiße und wenn ich mich bewege, dann wird’s besser. Sehr einfach. Und es hat geklappt. Die ersten 20 Minuten waren meistens nicht so toll. Aber hinterher ging’s mir immer gut.



Sport als Antrieb für die viel beschworene mentalen Stärke?

Der Sport hat auf jeden Fall geholfen. Auch da gibt’s manchmal schlechte Zeiten. Wichtig ist, dass man immer sein Ziel im Auge behält. Ich habe zum Beispiel davon geträumt, wieder eine Startnummer an mein Rad zu bauen und Rennen zu fahren.

Das hast du geschafft.

Dran glauben muss man, sonst bringt das alles nichts. Ich habe mich nie mit dem Gedanken beschäftigt, dass ich nicht mehr radfahren könnte. Für mich gab es immer nur eine Möglichkeit: Ich mach weiter.



Es wird der Tag kommen, an dem du keinen Leistungssport mehr betreiben kannst.

Dann würde ich eine Ausbildung machen. Aber das habe ich sowieso vor, als zweite Sicherheit neben dem Sport. Das Leben ist nichts, wenn du nichts zu tun hast.

Haben deine Ärzte keine Bedenken, dass du es vielleicht übertreibst?

Die Ärzte hatten mir eigentlich zu einem halben Jahr Pause geraten. Aber es gibt dazu einfach keine Erfahrungswerte. Niemand weiß, wie schnell jemand wieder fit wird. Da es mir gut geht, kann ich auch ruhig wieder Sport machen.



Das dachte deine Teamkollegin Adelheid Morath auch. Nach einem Kniescheibenbruch hat sie schnell wieder mit dem Training begonnen. Jetzt musste sie noch mal operiert werden und fällt wahrscheinlich für den Rest der Saison aus.

Das mit Adelheid tut mir leid, sie hat Pech gehabt. Aber mir kann so was eigentlich nicht passieren. Bei mir war ja das gesamte Immunsystem durch den Krebs und die Chemotherapie geschwächt. Mir sagt mein Körper sofort, wenn er nicht mehr kann. Beim Knie ist das ja anders. Da merkst du es manchmal erst am nächsten Tag, dass was nicht stimmt.

Und dein Körper hält das durch?

Ich denke schon. Außerdem muss ich ja alle drei Monate zur Nachuntersuchung. Mir graut es schon vor dem 14. August. Dann muss ich wieder hin. Für mich ist das Kapitel noch nicht abgeschlossen, der Krebs kann immer wieder kommen, das hat mit dem Sport nichts zu tun.

Was ist mit Olympia 2008?

Realistisch betrachtet, ist dieses Thema gegessen. Für Olympia müsste ich in mindestens zwei Weltcuprennen unter die ersten 15 kommen. Das ist unmöglich. So fit kann ich gar nicht werden.

Was nimmst du dir vor?

Mein Hauptziel ist ganz klar: Kein Rückfall. Sportlich gesehen will ich mein Niveau halten und nächstes Jahr am Rennbetrieb wieder voll teilnehmen und mich für die WM qualifizieren. Nebenher würde ich gerne eine Ausbildung zum Zimmermann machen. Und von Olympia träumen. Wenn nicht 2008, dann eben 2012.

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