Rowdy-Rentner attackieren Radler: "Das nächste Mal liegst du neben deinem Rad"

Lina Wiemer

Freiburg ist bekannt für seine zahlreichen Drahtesel und Fahrradläden und für breite und gut ausgebaute Radwege. Weniger bekannt aber scheinen die älteren Herren zu sein, die Freiburgs Fahrradfahrer anpöbeln oder gar bedrohen. fudder-Autorin Lina über bedrohliche Begegnungen auf Freiburgs gefährlichem Pflaster.

  Bin ich kriminell, wenn ich mit meinem Fahrrad auf dem Fußweg fahre? Zugegeben: Ich halte mich nicht immer an die Straßenverkehrsordnung und fahre schon mal auf der falschen Straßenseite oder ein Stück auf dem Bürgersteig. Und ich weiß auch, dass viele Radfahrer rowdymäßig durch die Gassen rasen. Die meisten Autofahrer und Fußgänger können ein Lied davon singen. Aber was mir am Samstag vor einer Woche beim Schwabentorring passierte, riss mich dann doch vom Sattel und endete mit einer Anzeige bei der Polizei.


Tatort Schwabentorring, gegenüber vom Atlantik, dort wo man mit dem Rad nur auf der Straße fahren sollte, wenn man mit der Straßenbahn kuscheln oder in den Gleisen hängen bleiben will. Dort ereignete sich folgendes: Ich fuhr, gegen die Vorschrift, ein paar Meter auf dem Bürgersteig. Kurz bevor ich die Ampel überqueren wollte, stellte sich mir ein älterer Mann in den Weg und brüllte los: „Sie sind kriminell. Ich will jetzt hier durch. Machen Sie Platz.“

Ich blieb stehen, er holte aus und trat gegen mein Vorderrad. Dann erhob er seinen Arm, wedelte mit der Faust und trat nochmals heftig gegen das Hinterrad. Wutschnaubend machte er sich davon. Ich blieb stehen, völlig verdutzt und leicht benebelt wie nach einem Unfall. Ein Passant auf der anderen Straßenseite schüttelte irritiert den Kopf und wunderte sich. Ich fuhr nach Hause, erzählte meiner Freundin von dem Vorfall. Und die war gar nicht überrascht, denn ihr ist ähnliches passiert: Auch sie fuhr ein kurzes Stück auf dem Fußweg und wurde von einem älteren Herren so überraschend laut angemotzt, dass sie vor Schreck fast auf den neben ihr stehenden Kinderwagen samt Kind fiel.

Am gleichen Abend erzählte ich auf einer Party von meinem Erlebnis. Und auch da: Jemand kannte eine, die mit ihrem Fahrrad auf dem Fußweg stehend ebenfalls von einem älteren Mann sogar auf die Straße gestoßen wurde, so dass sie eine Verletzung am Knie erlitt. Und am nächsten Tag erzählte eine andere Freundin, dass sie auf der Kronenbrücke; dort wo man nur vorschriftsmäßig auf dem Radweg fahren sollte, wenn autofreier Sonntag wäre; auf der falschen Seite auf dem Radweg fuhr und ebenfalls ein Mann, Typ Rentner, sie anschnauzte und drohte: „Das nächste Mal liegst du neben deinem Rad.“



Festzuhalten bleibt, dass es in Freiburg mehr als eine Stelle gibt, bei der man aus Rücksicht auf die eigene Gesundheit sich lieber nicht an die Straßenverkehrsordnung hält. Und: Wann hat eigentlich die Stadtverwaltung die nächste Sitzung zum Thema Radwege und Verkehrsschilder?

Nach all diesen Schilderungen fühlte ich mich schlagartig besser. So ähnlich muss es vielen gehen, die übergriffiges Verhalten erdulden mussten. Zusammen sind wir stark, dachte ich. Aber was tun? Ich rief einen befreundeten Juristen an und bat um Rat. Da könne man wenig machen, meinte der. Es sei ja kein Schaden entstanden, weder mir noch am Fahrrad. Es könne sogar sein, dass ich Strafe zahlen müsse, weil ich auf dem Fußweg mit dem Fahrrad fuhr. Aber, so der befreundete Jurist weiter, zur Polizei könnte ich trotzdem gehen und sehe ja dann, ob die was machen können. Also auf zur Polizei und dort Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Wenn mir das nächste Mal so etwas passiere sollte, so die Polizisten, solle ich doch bitte sofort vor Ort die 110 wählen; hinterher können sie nichts mehr tun. Meine Anzeige wird der Staatsanwaltschaft vorgelegt; die machen einen Stempel drunter und das war's.

Ich könnte jetzt noch weiter ausholen und hetzerisch über fahrradhassende Rentner schreiben oder die polemischen und zynischen Artikel über wahnsinnige und die Allgemeinheit gefährdende Radfahrer heraussuchen oder mich über Verkehrsminister Peter Ramsauer ärgern, der sich im Mai über die „Verrohung der Kampf-Radler“ ausließ und ihnen mit schärferen Gesetzen Einhalt gebieten will (Focus: Verkehrsminister will Fahrrad-Rowdys nicht hinnehmen). Der Spiegel bezeichnete Radfahrer sogar mal als die „Anarchisten des Straßenverkehrs.



Statistisch gesehen verhalten sich Radfahrer auch nicht rüpelhafter als andere Verkehrsteilnehmer: Laut Verkehrsclub Deutschland (VCD) seien für 11 Prozent der Unfälle Radfahrer verantwortlich, und obwohl der Radler-Anteil steige, sei die Zahl der verunglückten Radler gesunken. Der Prozentsatz der Radler, die die Regeln missachten, liegt nach Ansicht des VCD bei 10 bis 13 Prozent (Autobild: Fahrrad-Rowdys im Visier).

Statistische Erfassungen über pöbelnde Rentner-Rowdys, die zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs sind, gibt es leider nicht, obwohl die in den Freiburger Polizeimeldungen keine unwichtige Rolle spielen. Erst Ende Juni war folgendes zu lesen: Aggressiver Radfahrer schlägt Kind, Zeugen gesucht. Auch in diesem Fall handelte es sich um einen älteren Mann. Wo soll das nur hinführen? Heißt bald die nächste Schlagzeile: Rad-Rambos gegen Rentner-Rowdys?

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[Symboldbild/Fahrrad: © SVLuma - Fotolia.com; Rentner: © Stephan Morrosch - Fotolia.com]