Rothaus: Wer hat die Biergit erfunden?

David Weigend

Oft lacht es uns an, das Schwarzwaldmädel auf den Bierflaschen der Brauerei Rothaus. In den 1990er Jahren bekam die Dame den Namen "Biergit". Als der Freiburger Grafiker Roland Jenne das Logo 1972 entwarf, interessierte er sich mehr für die Optik. Eine Entstehungsgeschichte.



Biergits Geburt

An einem Wochenende im Jahr 1972 sitzt der 32-jährige Grafiker Roland Jenne (oben später fotografiert von Telemach Wiesinger) an seinem Schreibtisch in Umkirch. Auf dem Tisch liegt der Auftrag des Brauereivorstands aus Rothaus. Jenne soll die Etiketten für die Bierflaschen neu entwickeln.

Das ursprüngliche Motiv sollte im Kern erhalten bleiben: eine Hochschwarzwälderin in typischer Backenhaubentracht mit zwei gefüllten Biergläsern; im Hintergrund waren das Brauereigebäude und einige Tannen abgebildet, alles in nahezu fotorealistischer Darstellung im Stil der 1920er Jahre.



Jenne hat sich die anderen Vorschläge angeschaut, die die Brauerei bereits abgelehnt hat: Schwarzwälder Pin Up Girls, die übers Etikett tänzeln und Bier auf dem Tablett präsentieren. Ziemlich kitschig und gleichzeitig unpassend für Rothaus, eine Brauerei, der damals immer noch das Provinzielle anhaftete, die aber auch im Ruf stand, Bier für die gehobene Gastronomie zu produzieren.

Das Schwarzwaldmädchen also. Der Freiburger Jenne kennt sie aus persönlicher Anschauung, noch von früher, als sein Vater ihn am Wochenende mitnahm zu Ausflügen zum Schluchsee, ins Feldberggebiet und nach Bonndorf. Anfang der 1950er Jahre waren die Trachten dort allgegenwärtig. Vielleicht ist das der Grund, warum Jenne der erste Entwurf für seine Biergit so leicht fällt, entspringt er doch seiner Erinnerung. Ein Geistesblitz heimatlicher Prägung.



Fürs Tannenzäpfle entwirft Jenne eine andere Kopfleiste mit stilisierten Tannenzweigen und hängenden Zapfen. Ihm ist dabei klar, dass dies Kritik hervorrufen würde. Denn Tannenzapfen stehen auf dem Zweig, nur die Zapfen der Fichte hängen.



Allerdings sagen die Schwarzwälder zur Fichte Rottanne, wegen ihrer rotbraunen Rinde. Die Rottanne kommt im Schwarzwald häufiger vor als die Weißtanne.

Jenne sagt: „Hätte ich die Zapfen der Weißtanne gewählt, wäre deren Abbildung logischerweise in der unteren Leiste platziert worden. Diese Zapfen hätten dann aber phallisch in den Bereich der Schwarzwälderin hineingereicht mit dem wahrscheinlichen Ergebnis, dass der Volksmund das Bier zum Aphrodisiakum gestempelt hätte.“



Jenne macht drei Entwürfe und zeigt sie dem Vorstand der Brauerei. Sie sind zufrieden mit der Arbeit, vergüten den Grafiker und schicken Biergit in die Druckerei. Aber ist das neue Rothaus-Logo nicht ein wenig altmodisch?

Jenne sagt: „Das Logo erhebt nicht den zweifelhaften Anspruch, modern zu sein. In seiner formalen Übersetzung ist es bewusst unzeitgemäß.“ Die Tatsache, dass seine Biergit im Jahr 2009 in unveränderter Form die Zäpfleflaschen schmückt, gibt ihm Recht. Der 69-Jährige macht übrigens noch heute graphische Arbeiten für Rothaus.

Kopierversuche

Jennes Bierdame wurde oft abgekupfert. Zwar nicht von anderen Brauereien, dafür etwa von einem Spediteur. Dieser nahm Biergit die Flaschen aus der Hand und stapelte ihr stattdessen Holz vor die Tracht. „Der musste seinen ganzen Wagen umspritzen lassen“, sagt Jenne. Auch Partyveranstalter wurden abgemahnt, da sie dem Rothausmädel Schallplatten in die Hand drückten und sie so als Flyermotiv missbrauchten.



Konkurrenz

Wir fragen den Designerhasen Jenne, ob er andere Bieretiketten graphisch gelungen findet. Seine Antwort: „Nein. Gehen Sie mal in eine Kneipe, die mehrere Biere ausschenkt, und schauen Sie sich die Flaschen an. Entweder es ist ein Wappen drauf oder ein Mönch oder eine Frakturschrift. Das ist nicht so meins. Halt, warten Sie. Es gibt ein Etikett in Bayern, das mir zusagt, obwohl es eigentlich nichts besonders ist: Hacker-Pschorr. Da ist nur ein Bild drauf von der Münchner Frauenkirche. Das sitzt.“



Feierling

Manchem Freiburger Bierfreund dürfte die stilistische Ähnlichkeit der Rothaus-Biergit mit dem Feierlingbauern aufgefallen sein. Als wir das ansprechen, lächelt Jenne. Er weiß bescheid, will sich aber nicht weiter dazu äußern.

Nur soviel: Der Feierlingbauer ist nicht Jennes Werk, wohl schon deshalb nicht, weil er formal verkorkst ist. Doch wer weiß: falls Feierling einmal expandieren oder Flaschenbier abfüllen sollte, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Jenne sich noch mal an den Schreibtisch setzt und einen Entwurf zeichnet.

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