ZPKM

Rolling-Stones-Sammlung kommt nach Freiburg

Sophia Hesser & Peter Disch

Die Rolling Stones sind in Freiburg. Nicht live und in Farbe, sondern in Form von Schallplatten, Buttons, Postern und eines Flippers. Die Privatsammlung des Bonner Rechtsanwalts Reinhold Karpp wird für die nächsten zehn Jahre an das Zentrum für Populäre Kultur und Musik verliehen. Dort will man die Fanartikel für die Forschung nutzen.

Die Band
Die 1962 gegründeten Rolling Stones gehören zu den wichtigsten und erfolgreichsten Bands des Pop. Zusammen mit den Beatles traten sie die erste globale Jugendkultur los, die in der Folge die Gesellschaft grundlegend verändert und alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Dass Karpps Sammlung genau das abbildet, macht sie für die Freiburger Wissenschaftler so wertvoll.


Drei der vier noch lebenden Gründungsmitglieder – Sänger Mick Jagger, Gitarrist Keith Richards und Schlagzeuger Charlie Watts – plus Gitarrist Ron Wood und Bassist Darryl Jones nehmen bis heute Platten auf und gehen auf Tour. "Blue & Lonesome", das jüngste Album der Band, erschien im Dezember 2016. Es präsentiert Blues aus fremder Feder und ist eine Rückkehr zu den Wurzeln. Bevor Jagger und Richards Klassiker wie "Satisfaction" schrieben, coverte die Gruppe in den Anfangstagen amerikanische Bluesmusiker.

Der Sammler
Dass die Rolling Stones in allen Facetten nun Dutzende Regalmeter im Freiburger Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) füllen, ist der Sammelleidenschaft des 2012 im Alter von 66 Jahren gestorbenen Reinhold Karpp zu verdanken. Als Schüler eines Internats auf Spiekeroog habe er Anfang der Sechziger die Songs der Band bei englischen Piratensendern gehört, erzählte seine Tochter Annette Karpp am Montag bei der offiziellen Übergabe der Sammlung in Freiburg. Nach seinem ersten Stones-Konzert 1964 im englischen Blackpool sei er zum Sammler geworden.

Als Absolvent des streng geführten Internats hätten ihm die Songs der Stones ein Gefühl von Freiheit gegeben. Die Musik sei sein Zufluchtsort geblieben, ein Ausgleich zu seiner Arbeit als Anwalt. Im Laufe der Jahre besuchte Karpp 130 Stones-Konzerte, reiste dafür nach Buenos Aires, London oder St. Petersburg. Während andere um in herum feierten, sei ihr Vater eher ein stiller Genießer gewesen, der sich ganz auf die Musik konzentriert habe, sagte Annette Karpp.


Die Sammlung
15 000 Tonträger, Poster, Anstecknadeln, die das Zungen-Logo der Stones oder die Köpfe von Jagger, Richards & Co. zieren, Bücher, Zeitschriften, persönliche Notizen, Fanartikel aller Art von Fahnen bis Matroschkas – die Sammlerstücke füllten ein komplettes Dachgeschoss mit 125 Quadratmetern Wohnfläche. Alles war fein säuberlich sortiert. Da war Karpp pingelig, erzählt seine Schwester in Freiburg. Irgendwann sei das Haus bei Bonn so voll gewesen, dass er Archivare hätte beschäftigen müssen, um Ordnung zu halten.

Die Sammlung ist eine kostenlose Leihgabe der Familie an die Universität. Seit Dezember sichten Mitarbeiter des ZPKM die über 100 Umzugskartons. Danach werden Schallplatten und Fanartikel fein säuberlich beschriftet und verpackt im Archiv untergebracht. Sie sollen für die Forschung zur Verfügung stehen. Auch für Menschen, die sich fernab jeglicher Wissenschaft für die Stones interessieren, könne die Sammlung im Einzelfall geöffnet werden, erklärte Michael Fischer, geschäftsführender Direktor des ZPKM. Doch er stellt auch klar: Das Zentrum ist kein Museum. Selbst ausstellen wird das Institut Karpps Sammlung nicht. Leihgaben, zum Beispiel an Museen, die die Schätze zeigen wollen, selbst für eine Ausstellungskonzeption sorgen und über Räume verfügen, seien aber möglich.

Die Forschung
Das ZPKM widmet sich populären Musikkulturen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart und der Analyse von Musik, Politik und Gesellschaft. Viele Sammlungen von Privatleuten haben im ZPKM eine Heimat gefunden. Das Deutsche Volksliedarchiv, das Deutsche Musicalarchiv und das Popmusikarchiv nennt das Zentrum sein eigen. Die "Reinhold Karpp Rolling Stones Collection" aber überstrahle alles andere, sagt Fischer. Er sieht darin Stoff für Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen, von Linguisten bis zu Ethnologen und für ganz verschiedene Fragestellungen: In welcher Vielfalt können Konzertaufnahmen auf den Markt gebracht werden? Wie werden Fanartikel verbreitet? Wie sehen Fankulturen aus? Solche Fragen könnten anhand der Sammlung untersucht werden. Von konkreten Forschungsthemen kann Fischer aber bisher noch nicht berichten. Er ist erst einmal froh, die Sammlung im eigenen Haus zu haben.

Die Expertenmeinung
Ulli Schröder betreibt in Lüchow das weltweit einzige Stones-Museum, das zudem von der Band autorisiert ist. Er hat Reinhold Karpp zu Hause besucht und kennt dessen Kollektion. In der englischen Heimat der Stones gebe es wohl noch umfangreichere Sammlungen, sagt er. "Diese Fans besitzen zum Beispiel auch Instrumente, auf denen Stones-Songs geschrieben wurden, oder Kleidung, die einer der Musiker getragen hat". Karpps Leidenschaft sei die Plattensammlung gewesen. "Herausragend" daran sind laut Schröder die vielen Livemitschnitte, die zum Teil in Kleinstauflagen von 50 bis 300 Stück erschienen seien.

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