RockRainer: zwischen Persiflage und Party

Alexander Ochs

Seit vier Jahren beschallt uns die Formation RockRainer aus Lahr mit ihrem "Funky-Synthie-HipHop-Massaker", mal als Live-Band, mal als Soundsystem. Eine große Tour kommt Anfang 2010, eine "richtige" CD und DVD sind in Planung. Vor dem Gig mit Mediengruppe Telekommander am Samstag ließ sich Alex vom Rainer rocken – rein verbal.



Sieben Musiker bilden die Band RockRainer, ein halbes Dutzend auf der Bühne und Produzent Stony Marshall im Hintergrund. Zum erweiterten Team gehören auch einige Mediengestalter und Filmer, so dass „der Rainer“, wie Fans die Band liebevoll nennen, schnell zum Dutzend wird. Um die logistische Herausforderung zu meistern, haben sich die Musiker eine Zweiteilung ausgedacht.


Mal treten sie zu dritt oder zu viert als Soundsystem auf, das heißt: eine Wagenladung, bestehend aus ein bis zwei Sängern, einem DJ und eventuell einem MC. Vornehmlich zur gepflegten Partybeschallung. Außerdem fungiert das Soundsystem auch als Appetizer, als Türöffner für die Live-Band. Nach dem Motto: „Ist der Fuß mal in der Tür, ziehen wir die Live-Band nach“, erklärt Sänger und Texter Sandro de Lorenzo alias Karl Lauer. Dafür sind dann ein VW-Bus und ein Auto nötig.



„Ursprünglich haben wir als HipHop-Band angefangen. Dann haben wir die Live-Band hinzugeholt und uns weiterentwickelt. Die Produktionen sind immer mehr Richtung Synthesizer und Elektro gegangen“, sagt Sandro. Das eine war 2005, das andere 2006. Ihre synthielastige Musik zitiert und parodiert gerne bereits Bekanntes wie 80er-Jahre-Mucke oder prominente Vor- oder auch Abziehbilder – und verleiht dem Ganzen einen schrägen, eigenständigen Touch.

Genial ist ihre Nummer „Angst vorm Adel“, die von hinten bis vorne Falco atmet: tanzbare Synthie-Musik, Chöre und Wiener Schmäh – den sich Sänger Sandro aus Lahr beim Falco-Hören im Auto antrainiert hat.



Parodie? Verarsche? Hommage? Eine parodistische Hommage nennen sie das diplomatisch. „Als Parodie-Idee hat es angefangen, doch im Laufe der Recherche habe ich Falco, der sonst vom HipHop links liegen gelassen wird, lieben gelernt, vor allem seine subtilen Texte“, sagt Sandro.

Zum Konzept gehört auch ein stimmiges Video, das perfekt zum Song passt: Rokokokostüme wie bei „Rock me Amadeus“ mischen sich mit einem paranoia-geplagten Falco alias Sandro. RockRainer setzt stark aufs Visuelle.

Im Song „RakkaTakkaEkman“ vermengen sie Ragga, Synthiepop und HipHop – und Ennio Morricone. Das Video spielt mit dem Gegensatz von Volksmusik (Wildecker Herzbuben) und fettem Ghettorapper-Gepose. „Eine klassische Parodie“, meint der Deutsch-Italiener lachend, „für die Volksmusik gilt das Godzilla-Phänomen: die Faszination des Grauens.“



Deichkind hören die jungen Musiker zwischen 22 und 32 zwar häufig als Referenz, wenn auch nicht so gerne. „Fettes Brot taugt eher zum Vergleich, auch von der Entwicklung her, Richtung Elektronik“, erklärt der Sänger. Das reine HipHop-Konzept hatte sich für die RockRainers irgendwann totgelaufen, spätestens dann, als es nur noch um Ghetto, Goldketten und Blingbling ging – reiner Selbstbezug, wie die Band findet. Sie beziehen sich lieber auf andere, ironisch gebrochen und musikalisch aufgebrezelt. „Actionfilm als Partykonzept“.

Auf die Bühne gehen sie nie ohne ihre Häkelstirnbänder, die eine Oma eigens für sie anfertigt. Auch Neonfarben gehören dazu, oft auch Trainingsanzüge aus den 80ern. Schrill soll es sein. „Wir wollen grelle Reize setzen. Und wir wollten von Anfang an selbst ein schlüssiges visuelles Konzept entwickeln, um nicht später eins aufgepfropft zu bekommen.“

Der 29-Jährige studierte Germanist beruft sich locker auf den Begriff iconic turn, welcher den Siegeszug moderner Bildtechniken bezeichnet.

Eine der Lieblingssportarten der Trainingsanzugsträger ist, ganz dem textlastigen Genre HipHop verpflichtet, verbaler Natur: das ständige Erfinden neuer Pseudonyme. In früheren Zeiten, als die Band noch Pumaritter hieß, hat jeder in der Band in jedem Song ein anderes Pseudonym gehabt. Zur Zeit besteht die Band aus:
Karl Lauer (Sandro De Lorenzo), Stimme, 29
Sarah Jewoh (Sarah Danzeisen), Stimme, 25
Stony Marshall (Ralf Steinert), Produktion, 32
Clark Cable (Tobias Fehrenbach), DJ, 29
Edelprolet (Clemens J. Kuse), Tasten, 27
FlowMeister (Florian Meister), Saiten, 22
Timo Beil (Timmy Hargesheimer), Trommeln, 30
Domsenz (Dominic Gambert), Videos, 27
Shäft (André Schäfer), Videos, 27

In dieselbe Kategorie gehört ihre Disziplin „Albumtitel erfinden“. Und der Name RockRainer? „Ist im Suff entstanden“, klärt Karl Lauer auf.



Wie so viele Bands ist RockRainer auf Labelsuche. „Wir wären gern auf Motor Music wie Rainer Von Vielen.“ Mit denen ist die Band kürzlich in Lörrach aufgetreten. Bis zum Sommer 2010, so der Masterplan, will die Band irgendwo unterkommen und endlich ihr Album 80er Actionfilm angemessen herausbringen: als CD mit 15 Songs und DVD mit 10 Videos.

Aktuell arbeiten die RockRainers am neuen Video zu „Elektrorummelplatz“. In ihm wollen sie die Skater-, BMX- und Graffiti-Szene in Lahr verewigen. „Geplant ist ein überästhetisiertes Lifestyle-Video“, erzählt der zur Zeit in Friesenheim lebende Sänger. Dabei entpuppen sich die Bandmitglieder wieder als Multitalente: Das von der Stadt Lahr und über Sponsoren finanzierte Projekt soll zugleich eine Szene-Doku hervorbringen. Dabei steht das Videokonzept schon, bevor der Song überhaupt komplett fertig ist.

Außerdem wird das vielköpfige Kollektiv derzeit im Förderprogramm der VW-Soundfoundation unterstützt. Dazu gehört auch eine „Patenschaft“ durch die Fantastischen Vier. Mal sehen, was daraus wird. Als nächstes steht am Samstag, 28.11.2009, erst mal ein Konzert als Vorgruppe zu Mediengruppe Telekommander bei den Campus Open in der Mensabar an.

Mehr dazu:

Was: RockRainer & Mediengruppe Telekommander
Wann: Samstag, 28. November 2009, 20.30 Uhr
Wo: Campus Open, MensaBar, Rempartstr. 18
Eintritt: AK €9 / €10