Rocko Schamoni: Herbert und Weingarten

Alexander Ochs

Lesen findet er langweilig, Fragen "viel geiler": Rocko Schamoni machte gestern Abend im vollen E-Werk dennoch eine strikte Raucherlesung. Rüberkommen wollte er "diabolisch-gefährlich, aber süß." Ob es ihm gelungen ist, berichtet Alex.



Rocko Schamoni, was wurde nicht schon alles über ihn geschrieben. Tausendsassa, Multitalent, Punk-Ikone, „pomadiger Verführer, postmoderner Ironiker“ (Frankfurter Rundschau). Was auch immer, gestern machte er als Schriftsteller auf seiner Lesereise Station im prall gefüllten E-Werk und las aus seinem 2007 erschienenen Roman „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“.


Auf dem Tisch auf der sonst leeren Bühne stehen viele Bierflaschen. Zur Sicherheit bringt Schamoni noch zwei Extrabier mit. „Dies ist eine strikte Raucherlesung“, verkündet er lachend zu Beginn. „Ich habe eine gesetzliche Erlaubnis, hier rauchen zu dürfen, vom Bürgermeister.“



Er werde zum ersten Mal das komplette Buch vorlesen, 560 Seiten, diese müssten komplett durchgearbeitet werden, sagt Schamoni zu seinem studentisch geprägten Publikum. Bier auf, Kippe an, Einstieg ins Werk. Die erste Episode beschreibt, wie die ziellos durchs Leben mäandrierende Hauptfigur Michael Sonntag zum „Hackenschrauber“ aufbricht, seinem Psychologen. Ein ermüdendes Gespräch zwischen Arzt und Patient, bis beide einschlafen.

Auf seinem Rückweg nach Hause bemerkt Sonntag den „Schnipselalarm auf dem Bürgersteig“: Überall liegen Reste aus dem Müll herum, über den Balkon geschmissen von seiner 80-jährigen Nachbarin, „der Frau Holle des Hausmülls“. Da leuchtet sie wörtlich auf, die Nähe zum Trash.

Meist erzählt Schamoni in einfachen, kurzen Sätzen schnoddrig und umgangssprachlich, auch gern derb, die Skurrilitäten und Banalitäten aus dem ziemlich verpfuschten Leben des, so Schamoni, „Hauptprotagonisten“. So auch in der zweiten Episode, die von Sonntags Jugendliebe Patricia handelt. Diese Liebe allerdings hält er auch dann noch lange warm, als sie längst verflossen ist. Und zwar, indem er den von ihr zubereiteten Milchkaffee mit eigens angeschafftem Stövchen warmhält, und das monatelang. Das gipfelt in der Pointe: „Andere Leute haben Haustiere. Ich habe meinen Kaffee.“ Manchmal ist es nur ein kurzer Weg vom Erotischen zum Neurotischen.



Weiter liest Schamoni, wie Sonntag ein Aquarium samt Guppy auf ex leert, wie er dem hallenfüllenden Mundgeruch seines Freundes Muff, einem Spezialisten für nasale Drogen, ausgesetzt ist, und schwärmt von der Magie des Alkohols, „der einzigen Zeitbremse im Leben“. Nach einer kurzen Pause bietet Rocko seine Zuhörern erstmal Bier an und unterhält sich mit dem Publikum, so gut das geht. Lesen findet er langweilig. „Fragen ist viel geiler!“ In diesen spontanen Momenten ist er gnadenlos gut, mitunter auch gnadenlos derb. Immer wieder flicht er erheiternde Bemerkungen ein und inszeniert sich ironisch in der Rolle des Ghettokinds. „Diabolisch-gefährlich, aber süß – so möchte ich sein.“

Schamoni trinkt und quarzt, er ist in seinem Element. Auf die Frage, was denn das derbste Ghetto in Freiburg sei, kommt aus dem Publikum die Antwort: Weingarten. „Wein-gar-ten?“ lässt sich der Entertainer auf der Zunge zergehen, „nicht schlecht, ganz hoch angesetzt!“, lobt er. Und das schickste Viertel? Statt Herdern versteht er Herbert. „Herbert? Wohnt da nur einer?“ Schamoni schmeißt sich weg vor Lachen über seinen eigenen Witz.



Rocko Schamoni gibt den kumpelhaften Entertainer, der mal übertrieben weinerlich, mal breitmaulfroschhaft norddeutsch betont und sich durch gute Beobachtungsgabe und einen Hang zum Zynismus auszeichnet. Weder hohe Literatur noch hohle Literatur – irgendwo dazwischen auf dem schmalen Grat der breitenwirksamen Massenbespaßung ist Rocko Schamoni unterwegs. Manche Sätze und Situationen im Buch sind banal („Mutters Essen schmeckt echt gut“), aber dennoch komisch, wenn er sie vorträgt.

„Ihr seid ’n derbe flashiges Publikum! Ich komm’ bald wieder oder vielleicht zieh’ ich auch bald hierher. Ihr ahnt ja gar nicht, wie schön es hier ist! Ein Paradies!“