Rock trotz Repression: Warum diese Band aus dem Iran in Deutschland spielt

Benjamin Wissing

Wie lebt und arbeitet es sich als Rockmusiker in einem Land, in dem es keine Rockmusik geben darf? fudder hat die iranische Band Langtunes zum Interview getroffen.

Fudder: Warum singt Ihr auf Englisch – und nicht auf Farsi?
Behrooz: Um ein größeres Publikum zu erreichen – und aus Faulheit. Farsi ist eine sehr poetische, eine sehr weiche Sprache, was nicht sonderlich gut zu der Art von Musik passt, die wir spielen. Hauptgrund war aber die größere Reichweite. Wir wussten ja, dass wir im Iran keine Chance haben werden, als Musiker zu arbeiten und aufzutreten, weshalb wir gar nicht darüber nachgedacht haben, in Farsi zu singen.


Fudder: Letzten Herbst wart Ihr mit einer israelischen Band auf Tour. Wie kam das zustande?
Behrooz: Wir arbeiteten gerade an unserem Album. Die Jungs von "Ramzailech" brauchten noch eine Vorband. Unsere Managerin kannte den Laden und hat uns einfach dazu gebucht. Anfangs beachteten wir ihre Herkunft gar nicht. Es war einfach eine normale Show. Wir haben gespielt, sie haben gespielt. Der Manager von "Ramzailech" kam dann mit der Idee an, dass es cool wäre, gemeinsam eine Tour zu machen. Zu Beginn hatten wir einige Probleme – aber nur, weil wir sehr unterschiedliche Musik spielen. Wir wollten einfach zeigen, dass es völlig egal ist, wo man herkommt. Menschen sind Menschen und es geht um Musik und nicht um Politik.

Es ist eine Ego-Sache. Du willst irgendwann deine eigene Musik spielen – und dann machst du das eben. Kamyar

Fudder: Ihr habt als Coverband von britischem Indierock begonnen. Wann fiel die Entscheidung, eigene Texte und Musik zu produzieren?
Behrooz: Ich denke, dass ist ein ganz natürlicher Prozess, den jede Band durchläuft. Wir haben angefangen, weil wir die Musik mochten und weil wir live spielen wollten. Es war nicht wirklich eine bewusste Entscheidung. Wir alle machten bereits vorher Musik. Nachdem wir einige Male als Coverband gespielt hatten, haben wir unser eigenes Ding gemacht.
Kamyar: Es ist eine Ego-Sache. Du willst irgendwann deine eigene Musik spielen – und dann machst du das eben.

Wir wussten, dass wir im Iran keine Chance haben, als Musiker aufzutreten. Behrooz

Fudder: Wie würdet Ihr Euren musikalischen Stil beschreiben?
Behrooz: Angefangen haben wir mit ganz gewöhnlichem Indie-Rock. Momentan befinden wir uns auf dem Weg weg von Indie, hin zu mehr elektronischer Musik.

Fudder: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Arbeit als Musiker im Iran und der Arbeit als Musiker in Deutschland und Europa?
Behrooz: Im Iran hat man fast keine Möglichkeit, als Musiker zu arbeiten, darum kann man das nicht vergleichen. Der größte Unterschied liegt in der künstlerischen Freiheit. In Deutschland musst du dir keine Gedanken über Zensur machen, während du die Zensur im Iran aufgedrückt bekommst. Willst du als Band arbeiten und eine Auftrittserlaubnis bekommen, fängst du automatisch an, dich selbst zu zensieren, um nicht anzuecken. Das betrifft jede Form von Kunst.
Sam Zee: Es gibt schon einige Musiker im Iran. Die meisten machen aber sehr konservative Musik, die sich in Form und Klang ständig wiederholt, was von offizieller Seite gewollt ist. Wenn man damit beginnt, wirklich produktiv zu sein, mit Sounds und Arrangements herumzuexperimentieren, anders und originell, also ein richtiger Künstler zu sein, dann wirst du zensiert und bekommst Probleme.

Ich denke, dass sich die Regierung definitiv ändern wird, früher oder später. Kamyar

Fudder: Wie hat sich die Situation für Musiker im Iran geändert, seit Ihr Euch 2009 gegründet habt?
Behrooz: Für uns und für Bands, die uns ähnlich sind, hat sich nichts geändert, da wir zu nonkonform sind. Aber auch im Iran gab und gibt es immer Menschen, die genau an der Grenze dessen arbeiten, was noch erlaubt ist – und sie dadurch weiter in Richtung mehr künstlerischer Freiheit verschieben. Wenn man nicht zu sehr außerhalb der Norm liegt, haben die Freiheiten schon ein bisschen zugenommen.
Kamyar: Ja, es hat sich etwas getan. Zwar gibt es keine großen Sprünge, aber die Menschen bauen einfach durch ihr Verhalten Druck auf. Demokratie wird in kleinen Zusammenhängen geübt. Ich denke, dass sich die Regierung definitiv ändern wird, früher oder später.
Behrooz: Es gibt ja auch innerhalb der Regierung verschiedene Fraktionen. Die einen sind für mehr Freiheiten, und die anderen halten mit ihrer konservativen Sichtweise dagegen. Es ist ein Vor und Zurück. Mal gibt es etwas mehr Freiheiten, mal etwas weniger. Verglichen mit vor zehn Jahren ist es aber besser geworden.

Fudder: Wie unterscheidet sich das Publikum im Iran von dem in Deutschland?
Kamyar: Das iranische Publikum ist heißer darauf, neue Musik zu hören – besonders die jungen Leute. Das Problem ist, dass, wenn du offiziell Konzerte spielen willst, die Leute sitzen müssen und nicht tanzen dürfen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in so einem Umfeld zu spielen. Du merkst, dass das Publikum kurz vorm Explodieren ist, du als Band bist kurz vorm Explodieren, aber da ist diese riesige, unüberwindbare Mauer, die es dir einfach nicht erlaubt, aus dir raus zu gehen und zu zeigen, was du fühlst.

Da war dieses Gefühl von Freiheit, das wir davor nicht kannten. Behrooz


Fudder: Erinnert Ihr Euch an Euren ersten Auftritt? Wie war das Gefühl, vor einem Publikum auf der Bühne zu stehen?
Kamyar: Ich erinnere mich vor allem an den Stress, den ich im Vorfeld hatte. Der Gig war außerhalb von Teheran und wir mussten unsere Instrumente mit dem Auto dort hin bringen. Auf dem Weg wurden wir von der Polizei kontrolliert. Wir hatten ein bisschen Gras dabei, was die Cops natürlich nicht sonderlich toll fanden. Es ist aber nicht viel passiert. Das Gefühl beim Auftritt selbst war dann einfach genial. Wir haben vor nicht mehr als 50 Leuten gespielt, die alle zu unserem Freundeskreis gehörten.
Behrooz: Der coole Teil der Geschichte ist, dass wir einen Feiertag sozusagen als Deckung genutzt haben. An diesem Tag gibt es in der ganzen Stadt Feuerwerk und wir haben den Krach dazu benutzt, um den Sound von unserem Konzert zu verdecken. Das Ganze fand draußen statt und durch die Geräuschkulisse der ganzen Böller und Raketen konnten wir spielen, ohne das es jemand mitbekam.
Kamyar: Am Ende ist dann allerdings doch noch die Polizei aufgetaucht und wollte Schmiergeld. Sie haben das Geld genommen und gesagt: Ok, und jetzt beendet ihr das Konzert.

Fudder: Wie war es für Euch, das erste Mal im Ausland zu spielen? Welche Erinnerungen habt Ihr daran?
Behrooz: Unser erstes Konzert außerhalb des Irans war in Istanbul. Um ehrlich zu sein erinnern wir uns nicht mal an die Hälfte des Gigs.
Kamyar: Wir waren so aufgeregt, das erste Mal in einer professionellen Location zu sein, dass wir uns direkt nach dem Soundcheck dermaßen betrunken haben, dass wir das Konzert gar nicht mehr richtig spielen konnten. Wir haben ständig die falschen Lieder angestimmt und nichts passte zusammen.
Behrooz: Aber natürlich war da dieses Gefühl von Freiheit, das wir davor nicht kannten. Alles sagen und tun zu können was man will, ohne dass man Repression dafür erfährt, das war schon sehr cool.

Sie werden immer einen Grund finden, dich zu verhaften. Behrooz


Fudder: Seid Ihr durch die Beachtung in Deutschland auch im Iran bekannter geworden und dadurch mehr auf dem Radar der Behörden gelandet?
Behrooz: Ja. Besonders seit der "Secret-Handshake-Tour" haben wir wesentlich mehr Angst. Ich plane, im September meine Eltern zu besuchen und überlege die ganze Zeit hin und her. Soll ich gehen – soll ich nicht gehen? Was passiert, wenn ich im Iran bin? Bekomme ich Stress mit den Behörden? Also ja, die Situation hat sich für uns verändert. Wir denken mittlerweile darüber nach, weshalb wir nicht von Anfang an unter Pseudonym gespielt haben – aber dafür ist es jetzt zu spät.
Kamyar: Das Problem ist, dass man nicht voraussagen kann, was passiert. Es gibt keine Gesetze, die sagen, wenn du das und das machst, wirst du verhaftet. Du machst es einfach und siehst dann, was passiert.

Fudder: Es gibt also kein Gesetz, das es iranischen Bands verbietet, im Ausland zu spielen?
Behrooz: Nein. Es gibt ein sehr allgemein gehaltenes Gesetz, das besagt, dass das Beschädigen des Ansehens der Regierung ein strafbares Verbrechen ist. Es wäre also ein Leichtes für die Behörden, zu sagen: Ihr sprecht mit ausländischen Medien über Angelegenheiten des Iran und beschädigt dadurch das Ansehen der Regierung. Sie werden immer einen Grund finden, dich zu verhaften.

Fudder: Welche weiteren Pläne habt Ihr als Band und für Euer Leben?
Behrooz: Die einzige Möglichkeit, weiter Musik machen zu können ist, außerhalb des Iran zu bleiben. Langsam gewöhnen wir uns an Deutschland. So lange wir eine Erlaubnis haben, hier zu leben, werden wir dies auch tun. Jeder von uns hat natürlich seine ganz persönlichen Ziele und alle wollen an ihrer Karriere als Musiker arbeiten, um irgendwann davon leben zu können. Diese Möglichkeit gibt es für uns im Iran nicht, sondern nur in Europa.
Kamyar: Als Band in unserer Situation kannst du keine längerfristigen Pläne schmieden. Nach und nach gewöhnen wir uns aber daran, in einer sehr unsicheren Situation zu leben. Wir wollen eigentlich ein neue EP aufnehmen, wissen aber nicht, ob das klappt.

Fudder: Ist das nicht eine Unsicherheit, die man als Künstler immer hat?
Kamyar: Schon. Die Sache ist nur die, dass man nie genau weiß, ob man in einem halben Jahr noch ein Zuhause hat – oder ob man wieder zurück muss.
Behrooz: Selbst so eine Kleinigkeit wie eine Pflanze für deinen Schreibtisch zu kaufen ist unsicher. Vielleicht musst du in ein paar Monaten das Land verlassen und die Pflanze vertrocknet auf deinem Tisch.
Sam Zee: Das ist gerade als Band schwierig. Nachdem wir unser erstes Album aufgenommen hatten, mussten wir wieder zurück in den Iran und konnten unser gemeinsames Schaffen nicht fortsetzen. In dieser Zeit haben wir uns musikalisch in gewisser Weise verloren und mussten uns nach unserer Rückkehr nach Deutschland erst wieder zusammenfinden – musikalisch und auch persönlich. Das war schon sehr schwierig.

Fudder: Irgendwelche letzten Worte?
Behrooz: Bitte tötet mich nicht.
Kamyar: Wir lieben euch alle.
Langtunes – das sind Behrooz (Vocals, Gitarre, Synthies), Kamyar alias KK (Gitarre, Backing Vocals, Sythies), Garen (Bass, Synthies) und Sam Zee (Drums). Die vier Jungs aus Irans Hauptstadt Teheran waren am Samstag zur "Surf 'n' Summer Party" im Café Irrlicht in Schopfheim – zum gemeinsamen Abrocken.