Ritalin als Studi-Doping: Mit Pillen zur Bestnote

Thomas Goebel & Claudia Füssler

Statt zu Cola und Kaffee greifen Studierende im Prüfungsstress neuerdings zu Medikamenten, um ihre Leistung zu steigern. Diese Hilfsmittel, zu denen auch Ritalin zählt, heißen im Fachjargon Neuroenhancer. Wir haben mit Experten über psychische Abhängigkeit und Spätfolgen gesprochen.



Alle Pflanzen im Zimmer sind zweimal gegossen, alle Freunde bei Facebook schon lange gefunden. Trotzdem geht’s mit dem Lernen nicht vorwärts, der Druck ist groß und die Zeit wird immer knapper.


Jetzt eine Pille, die auf einen Schlag die volle Konzentration brächte. Genaue Zahlen gibt es weder für Freiburg noch Deutschland, doch Experten vermuten, dass Studierende als Reaktion auf Leistungsdruck und Versagensangst zunehmend zu Psychopharmaka greifen. Ärzte warnen vor dem Missbrauch der Medikamente.



Zahlen zu den Nutzern von sogenannten Neuroenhancern, Arzneimitteln zur mentalen Leistungssteigerung, gibt es nicht. Genauso schwierig ist es, einen Studenten zu finden, der offen zugeben würde, seine Konzentrationsfähigkeit für Lernmarathons vor Prüfungen oder das nächtliche Schreiben von Hausarbeiten mittels Medikamenten zu pushen.

Während in Amerika vor Prüfungen durchaus mal Ritalin-Partys gefeiert werden und bis zu 15 Prozent der Collegestudenten angeben, zumindest manchmal Pillen zu schlucken, kommt eine Untersuchung der Krankenkasse DAK von diesem Jahr – je nach Interpretation – auf eine Quote von 1,5 bis 3 Prozent Gehirndopern unter deutschen Arbeitnehmern.

Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher, denn die Produktions- und Verkaufszahlen von Neuroenhancern übersteigen die Zahl der von Ärzten ausgestellten Rezepte bei Weitem. Das sagt Claus Normann, Oberarzt an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Freiburger Uniklinik. „Es ist extrem schwierig, den Missbrauch nachzuvollziehen, denn inzwischen läuft sehr viel über Privatrezepte. Außerdem können Sie ihrem Hausarzt ja auch eine Krankheit vorspielen, damit er Ihnen ein leistungssteigerndes Medikament verschreibt.“



Zu den gängigsten Neuroenhancern gehören Ritalin, das eigentlich der Behandlung von bestimmten Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern dient, das Alzheimermedikament Donepezil und Provigil, das Menschen mit der Schlafkrankheit Narkolepsie davon abhalten soll, unvermittelt einzuschlafen. Vor allem Provigil, das auch unter dem Namen Modafinil bekannt ist, ist vermutlich weit verbreitet, schätzt Normann. Zum einen, weil es nicht wie Ritalin unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Zum anderen, weil eine Pille wach macht wie sechs Tassen Kaffee, und zwar ohne die Nebenwirkungen des Koffeins wie Magenschmerzen oder Herzklopfen.

Börsenmakler, heißt es, schwören auf Provigil als Leistungssteigerer. Bislang gibt es keine Beweise dafür, dass Neuroenhancer süchtig machen. „Über körperliche Abhängigkeiten ist zwar nichts bekannt, aber eine psychische Form der Abhängigkeit halte ich durchaus für denkbar“, sagt Normann.

Auch Ritalin scheint einen schnellen Erfolg zu versprechen. „Wie eine Maschine“ habe er gelernt, hoch konzentriert und stundenlang, schrieb kürzlich ein Philosophiestudent in der Zeit. Das Ritalin habe ihn aber auch lustlos und aggressiv gemacht – und als er bei einer Klausur auf die Toilette musste, konzentrierte er sich so stark aufs Händeföhnen, dass er die Prüfung vergaß, die er gerade schrieb.

„Wie Ritalin bei Gesunden wirkt, ist völlig unklar“, sagt Claus Normann. „Das ist kein harmloses Medikament – die Leute wissen gar nicht, was sie da nehmen.“ Neben möglichen Spätfolgen sieht Normann weitere Probleme beim Gehirndoping: „Wollen wir das als Gesellschaft wirklich haben?“ Die Fragen seien ähnlich wie beim Doping im Sport: „Zählt ein Abitur noch, wenn die halbe Klasse Medikamente nimmt?“ Gehirndoping, findet Normann, ist eine Form von Betrug.



Dem Philosophen Oliver Müller vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Freiburger Uni geht es um die Frage, was „Optimierung“ eigentlich bewirke. Vielleicht könnten einige Medikamente tatsächlich dafür sorgen, bestimmte Lernleistungen zu erhöhen – von möglichen Nebenwirkungen einmal abgesehen. „Aber wenn ich über gutes Leben nachdenke – ist es dann richtig, die Entwicklung meiner Persönlichkeit künstlich zu überspringen, nur um zu funktionieren?“

Im Gespräch mit Personen, die Neuroenhancer nehmen, seien ihm die häufigen Computermetaphern aufgefallen: „Die sprachen immer davon, sich mit den Medikamenten hoch- und runterzufahren.“

Mehr als sechs bis acht Stunden pro Tag konzentriert zu lernen ist schwierig, sagt Margarete Dietl. „Nach spätestens zwei Stunden braucht man eine Pause.“ Die Therapeutin arbeitet in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Freiburger Studentenwerks mit Studierenden im Prüfungsstress.

Dorthin kommen kaum Studenten, die ihr Gehirn mit Pillen tunen. „Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es da eine große Hemmschwelle gibt, darüber zu reden“, sagt Dietl. „Wer würde denn in eine Beratung gehen und sagen: Übrigens nehme ich Medikamente, mit denen ich fantastisch lernen kann? Das ist das Gleiche wie beim Alkohol.“

Die emotionalen Ausgangsbedingungen, aufgrund derer gerade viele junge Leute sich für chemische Hilfe entscheiden, sind in Freiburg durchaus gegeben. „Gerade durch die neuen Studiengänge Master und Bachelor ist der Druck auf die Studenten enorm gestiegen“, sagt Dietl. Hinzu komme oft eine große finanzielle Belastung. „Viele fühlen sich überfordert und sind an ihre Grenzen gelangt“, hat die Diplompsychologin in den Beratungsgesprächen festgestellt.

Daher gehe es in ihrer Beratung vor allem darum, die angstauslösenden Gedanken wie „Ich darf keinen Fehler machen“ oder „Ich muss alles perfekt können“ zu analysieren. Mit guter Arbeits- und Freizeitplanung sowie Sport oder Entspannungsübungen will sie gemeinsam mit den Studenten gegen die permanente Überforderung arbeiten: „Was sie dann schaffen, hat nicht deshalb geklappt, weil sie irgendein Zeug genommen habe. Die Studenten lernen: Da bin ich’s selbst.“

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