Risiko Aktieninvestment: Ein Leidensbericht

Philip Hehn

Unser Autor hat einen niedrigen, vierstelligen Geldbetrag geerbt und dachte sich: "Warum investiere ich den nicht in zwei Aktienfonds?" Im Nachhinein bewertet er diese Idee als misslungen. Der Bericht eines Kleinstanlegers, der sich eingestehen muss, dass er von seinen "höchst spekulativen Produkten" relativ wenig Ahnung hatte.



Bei anderen ist es die Frage, was man mit dem ersten richtigen Gehalt macht, bei mir war es ein unerwarteter Einzelbetrag (Erbe). Aber das Grundproblem hat irgendwann jeder: was tun mit übriggebliebenem Geld? Ausgeben? Leider habe ich Bücher in ausreichender Menge, Laptop funktioniert, Mobiliar ist vollzählig, Studiengebühren sind beglichen und Kleider wollte ich erst kaufen, wenn ich fünf Kilo runter habe.


Spenden wäre wohl das Richtige gewesen. Als Student mehrere Monatslebenserhaltungssätze einfach so wegzugeben, wäre aber irgendwie unanständig gewesen. Also anlegen.

Bei ein paar Prozent Zinsen halte ich ein Vierteljahr durch, dann kommt Langeweile auf. Außerdem war zu diesem Zeitpunkt der DAX, der für mich, da ich ihn auf SPON jeden Tag sehe, als Barometer für den Zustand der Weltwirtschaft dient, auf einem historischen Tiefstand – um die 3600 Punkte Anfang März! So tief wie zuletzt 2004! DER Zeitpunkt zum Einstieg! Nun waren wir da aber mitten in einer historischen Wirtschaftskrise, und ich hatte wie alle anderen die Befürchtung, da kommt noch was.



Also abwarten. April, DAX steigt. Mai, DAX steigt. Juni, DAX steigt, ich knicke ein. Ich investiere meinen niedrigen vierstelligen Betrag in zwei Aktienfonds, die sich dadurch empfahlen, dass sie von meinem Onlinebanking-Account aus in wenigen Mausklicks zu bestellen sind. Weitere diffuse Argumente: Osteuropa so irgendwie als Wachstumsregion und weil das Ding mit Rabatt angeboten wird und ein Fonds mit Rohstofffirmen, weil man Rohstoffe immer braucht.

Beide Fonds hatten 2008 abstruse Höhen erreicht und waren dann zusammen mit allen anderen Aktien dieses Planeten abgestürzt. Inzwischen sind sie schon wieder ordentlich gestiegen, aber jetzt nicht einzusteigen bedeutet, den Zug zu verpassen! Ich klicke mich durch den Kaufauftrag, bestätige mit zwei Klicks, dass ich die Warnungen, es handele sich um höchst spekulative Produkte, von denen ich keine Ahnung habe, gelesen habe, und ein paar tausend Euro verschwinden von meinem Konto. Die buyer’s remorse setzt sofort ein und wird alsbald empirisch untermauert.



Am übernächsten Tag sinken die Kurse. Und sinken am Tag darauf weiter. Ich checke panisch mehrmals am Tag den Depotstand. Minus fünf Prozent. Zehn Prozent. Fünfzehn Prozent. Innerhalb von zwei Wochen verliere ich 15 Prozent. Mir fällt auf, dass ich keine Ahnung habe, was für Firmen eigentlich in meinem Fonds versammelt sind. Was muss passieren, damit meine Aktien steigen? Unter welchen Umständen würden sie fallen? Ich fühle mich sehr dämlich.



Der Vorteil, den man als Wirtschaftswettenabschließer gegenüber dem mit Naserümpfen betrachteten Fußballtoto- oder Rouletteliebhaber hat, ist ja der, dass die Wirtschaft fast jedes Jahr wächst. Während für jeden Pokerspieler, der ein Spiel gewinnt, einer (oder mehr) verlieren, hebt der steigende Wasserpegel der Volkswirtschaft auch die Boote mit den weniger begabten Kapitänen und sogar die, die ohne Segel und Seekarte losgefahren sind.

Der eine oder andere Kapitän schafft es, sein Schiff zu versenken, aber abgesehen davon ist man auf der sicheren Seite. Auf sehr, sehr lange Sicht. Die Telekom, deren Aktie von über 100 Euro im Jahr 2001 auf 10 Euro im Jahr 2002 fiel und dort seitdem verharrt (Stand 20.7.: 8,25 €), ist ein schönes Beispiel. Oder der japanische Aktienindex Nikkei, der 1989 38000 Punkte erreichte und seitdem nur hin und wieder mal die Hälfte dieses Wertes erreicht hat. Ein Telekom-Aktionär, der 2002 eingestiegen ist, wird seine Kohle wohl in diesem Jahrtausend nicht wieder sehen.



Im Bestreben, zu verstehen, was ich falsch gemacht habe, informiere ich mich. Und sehe kein bisschen klarer. Meine Brüder im Geiste sind die Kommentatoren bei Welt.de und SPON, die in vier Kategorien zu unterteilen sind: Medienschelte (haben keine Ahnung, denken sich was aus für ne Schlagzeile, ändern ständig die Meinung), Bankerschelte (fahren den Karren an die Wand und bekommen Millionen, Scharlatane), Selbstvertrauen (habe den Crash kommen sehen, kaufe jetzt Aktien billig nach) und Paranoia (alles abheben, Gold kaufen, in die Wand einmauern). Ich durchlaufe alle Kategorien mehrmals täglich.

Fragwürdig ist, ob die ganze Informiererei irgendetwas bringt, da die Nachrichten, bis sie bei mir angekommen sind, schon längst „eingepreist“ sind. Das heißt, bis ich erfahre, dass eine Firma besonders gute Zahlen vorgelegt hat, befindet sich der Preis schon auf dem Niveau, das der Markt für diese Zahlen für angemessen hält. Am besten ist es vielleicht, simpel und stupide zu warten, bis alles so richtig im Keller ist, und dann einzusteigen und wieder fünf Jahre zu warten. Der vorletzte Crash war 2003, der nächste also so 2015? Das heißt: bis 2015 warten und beim Tiefpunkt wieder einsteigen.



Das Problem ist, Höhe- und Tiefpunkte zu identifizieren, also hat man Angst, den Zeitpunkt zu verpassen, und wird nervös. Einige versuchen es mit simplen Faustregeln, andere verlassen sich auf Experten: In einer aktuellen Umfrage der Welt am Sonntag sehen von 20 befragten Banken 10 den DAX am Jahresende höher und 10 tiefer als heute. Der Schnitt der Prognosen liegt genau da, wo er heute steht. Das ist kein bisschen hilfreich. Es geht zwar wieder aufwärts mit der Wirtschaft, aber es gibt beliebig viele Kandidaten für die nächste große Krise.



Keiner weiß, was richtig ist und was nicht. Alles, was in den Nachrichten steht, klingt plausibel, und man weiß nicht, ob eine Vorhersage richtig ist oder der Prophet Glück hatte. Privatanleger sind überfordert. Eine Menge Leute dürften Ahnung haben, aber ich und die anderen Normalverbraucher haben keinerlei Möglichkeit, sie als solche zu identifizieren. Je weniger Sinn alles macht, desto mehr macht sich Paranoia breit: Vielleicht pumpt irgendjemand bei der Deutschen Bank falsche Empfehlungen in den Markt, um dann das Gegenteil zu tun und sich eine neue Nase zu verdienen.

Der Schluss, der sich aufdrängt ist: Das Ganze war ein Fehler. Was mich reingeritten hat, ist ein vages Gefühl, was zu verpassen mit meinen mickrigen Zinsen, während andere Leute in drei Monaten 40% Gewinn gemacht haben, und, ehrlich gesagt, Spieltrieb. Jeden Tag Kurse checken, Nachrichten lesen, Haare raufen ist suchtgefährlich.

Die Profis machen dasselbe, nur abgedrehter. Die einen drehen Kunden wie mir Aktien-Ladenhüter an, damit die Bank sie los ist, wie Michael Lewis in seinem autobiografischen Bericht „Liar’s Poker“, was mich an meinen Osteuropafonds denken lässt. Die anderen sind Adrenalin- und Koksjunkies wie Seth Freedman, der mit 24 als Trader in London genug verdient hatte, um nie wieder arbeiten zu müssen, und dann in die israelische Armee eintrat. „Die Macht, die man mit einer Granate in der Tasche spürt, ist der an der Börse ähnlich“, beschreibt er. „Die Macht, Millionen durch die Gegend zu schieben, verursacht einen Rausch, den keine andere Droge erzeugen kann.“



Die Banken streiten alles ab. Klar, wer vertraut seine Kohle schon einem Haufen zugekokster Egomanen an. Und am Ende kassieren sie dicke Gebühren, auch wenn sie überhaupt nichts leisten, und der Anleger ist genervt: Die Bank gewinnt immer, wie jeder, der aus menschlichen Lastern ein Geschäftsmodell macht. Ich stelle mir die staatstragend schnauzbärtige Belegschaft der Freiburger Filiale „meiner“ Bank druff und mit Waffen behängt in der West Bank vor und muss lachen, aber könnte ich mit Macht und Geld besser umgehen als Seth Freedman? Wohl kaum.

Am Ende stehen Erkenntnisse, zu denen ich auch am Anfang hätte kommen können. Ein paar Prozent Zinsen sind nicht „an sich“ zu wenig, können sich aber so anfühlen, wenn man sieht, was andere Leute kriegen. Nur dass man eben dabei nicht an die Leute denkt, die ihr Geld an die Wand fahren. Man starrt auf die Kursverläufe und sieht nur die Ausnahmefälle – hätte ich im Jahr x in Firma y investiert und genau am Tag z verkauft, hätte ich 50000% Gewinn gemacht. Man wird plötzlich richtig gierig. Wer viel über sich selbst und die menschliche Natur lernen möchte, dem ist das Aktieninvestment nur zu empfehlen.

[Fotos: dpa]

Mehr dazu: