Risa und die Wurst: Eine Japanerin macht in Endingen eine Metzgerlehre

Eva Weise

Rindsrouladen sind ihr Leibgericht: Die Liebe zu deutscher Wurst führt Risa Asada von Kyoto nach Endingen, wo die 24-jährige Japanerin das Fleischerhandwerk von der Pike auf erlernen möchte.

Von September an macht sie eine dreijährige Ausbildung in der Metzgerei Dirr in Endingen. In Endingen angekommen, wurde Risa Asada von den Dirrs in die Familie aufgenommen, sie hat dort seither ihre eigene kleine Wohnung.


"Seit zehn Jahren suche ich händeringend nach einem Lehrling. Vergeblich." Markus Dirr
Inhaber Markus Dirr freut sich auf die Zusammenarbeit. "Seit zehn Jahren suche ich händeringend nach einem Lehrling. Vergeblich. Immer weniger Schulabgänger bewerben sich für das Fleischerhandwerk", sagt der Metzgermeister. Überrascht und erstaunt sei er deshalb gewesen, als ihn die zierliche junge Japanerin vor einem Jahr angesprochen hat, ob er ihr nicht das Handwerk beibringe. "Zuerst habe ich das gar nicht ernst genommen" erzählt Markus Dirr, dann aber keine Sekunde mehr gezögert. Er war vom Interesse und Lerneifer der 24 Jahre alten Asiatin, die in Kyoto Germanistik studiert hat, so angetan, dass er ihr einen Ausbildungsplatz zusagte.

Nicht bedacht hat er allerdings den bürokratischen Aufwand: Unzählige Telefonate mit Behörden und Ämtern musste er führen, bis Aufenthalt und Lehrvertrag endlich genehmigt waren.

In Japan genießen deutsche Metzger hohes Ansehen

"In Japan gibt es diesen speziellen Beruf des Metzgers nicht und es existiert keine vergleichbare formalisierte Ausbildung", erklärt Risa Asada, die ab Herbst lernt, wie Schweine- oder Rinderhälften fachrecht zerlegt werden oder wie Wurst hergestellt wird und in die Pelle kommt. Damit ist sie wohl weit und breit die einzige Frau ist, die sich zur Fleischerin ausbilden lässt. Bedenken hat sie nicht, auch wenn der Beruf körperlich anstrengend ist. Schließlich ist man den ganzen Tag auf den Beinen und muss noch einige Lasten bewegen. Bei vielen Tätigkeiten werden auch echte Fingerfertigkeiten gebraucht. Die sind besonders beim Knoten und Abbinden von Würsten gefragt. Schon als junges Mädchen wollte sie Metzgerin werden, nachdem sie einmal deutsche Wurst in ihrer Heimat gekostet hatte, erzählt die junge Frau.

Im "Land des Lächelns" genießen deutsche Metzger hohes Ansehen. Wer dort einen Betrieb führt ist ein gemachter Mann. Fleisch und Wurstwaren sind noch immer exotisch – und teuer. Ganze 40 Euro kostet etwa ein Kilogramm Lyoner. Risa Asadas liebste Wurstsorte? "Salami" verrät sie und freut sich schon auf ihre erste Selbstgemachte.

Auch ein Leibgericht hat sie: Rindsrouladen – die hat sie bei ihrer Gastfamilie am Bodensee zum ersten Mal gegessen. Ein Jahr hat sie dort in Konstanz verbracht, um ihre praktischen Sprachkenntnisse zu verbessern. In dieser Zeit kam auch der Kontakt zur Metzgerei Dirr zustande, über die sie zufällig eine Sendung im Fernsehen gesehen hat. "Der Betrieb hat mich sofort beeindruckt, weil die Ware dort nicht vom Band läuft, sondern noch klassisch handwerklich gearbeitet wird", sagt sie in überraschend gutem Deutsch. Nach der Sendung stand ihr Wunsch fest, in diesem Betrieb lernen zu wollen.



Eigenes Geschäft in Japan?

Die Eltern, zunächst wenig begeistert, haben sie letztendlich doch noch in ihrer Berufswahl unterstützt. Heimweh? Risa Asada schüttelt den Kopf. "Bis jetzt noch nicht." Außerdem komme bald die Mutter zu Besuch, der sie ihren Arbeitsplatz und vieles mehr zeigen möchte. Die Japanerin fühlt sich in Deutschland wohl – nicht nur wegen der leckeren Wurst. Sie mag auch die Sprache, Musik, die Landschaft, die Bauwerke, die Menschen – alles. Und die künftige Metzgerin hat von ihrem weiteren beruflichen Werdegang bereits klare Vorstellungen: Nach der Gesellenprüfung möchte sie die Wurstspezialitäten anderer europäischer Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien kennenlernen, bevor sie mit ihrem Know How nach Japan zurückkehrt, um dort vielleicht ein eigenes Geschäft zu eröffnen.

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[Fotos: Eva Weise/Dieser Text ist ebenfalls in der Lokalausgabe Emmendingen der Badischen Zeitung erschienen.]